die Besorgniß äußerte , daß er , getrennt von ihr , wieder lau werden und seinen heiligen Vorsatz aufgeben könne , versicherte er , daß er uns nach der Schweiz folgen würde , wo er , ohne Aufsehn zu erregen , leichter noch als im Vaterlande dieß Verlangen seines eignen Herzens stillen könne . Diese Aeußerung war entscheidend , und wir begaben uns auf die Reise zu der alten , reichen , lebenssatten Tante , wie sie von meinem Bruder genannt wurde . Ich hatte unser Haus beinah niemals verlassen , meine Spaziergänge erstreckten sich nicht weiter , als bis in unsern Garten , dessen geschorene Hecken und regelmäßig abgetheilte Blumenbeete mir weiter keine Abwechselung gewährten , als daß ich die Blumen blühen und verblühen sah , und doch hatte ich selbst in diesem beschränkten Raume in der Unschuld meines Herzens unsägliche Freude genossen . Waren doch die Sommerlüfte warm und lind , glänzte doch der Himmel über mir , dufteten mir doch die Blumen entgegen , und meine Phantasie füllte die Gänge mit wandelnden Gestalten ; wache Träume der lieblichsten Art umfingen häufig meinen Geist in diesem Garten , und eine bunte Mährchenwelt umgaukelte mich . Die angetretene Reise nun entführte mich aus der engbeschränkten , bekannten Welt und zeigte mir zum ersten Male eine großartige Natur . Schon unsere vaterländischen Berge , unsere üppigen Thäler und rieselnden Bäche entzückten mein Herz , und ich dachte mit Beklemmung daran , daß ich von dieser herrlichen Welt scheiden sollte und wieder höchstens in einem beschränkten Garten würde verweilen dürfen . Aber als wir die Schweiz erreichten , war es , als ob mein Busen sich dehnte . Diese Seeen , diese Berge , diese Thäler weckten ein Gefühl des Lebens in mir , das mir bis dahin fremd gewesen ; ich fühlte , daß ich da sei um mein selbst Willen , und konnte mich nicht mehr als ein Wesen betrachten , welches für Andere dahin gegeben werden dürfe , und leise im Herzen regte sich mir der Verdacht , ob mein Bruder auch solche Opfer verdiene . Mein trunkenes Auge schweifte unersättlich über Berg und Thal , und meine Seele sog das reinste Entzücken in sich . Aber indem ich mit himmlischer Wonne das Leben fühlte , welches sich so glänzend und neu vor mir ausbreitete , versprach ich mir innerlich , leise , aber fest , eine Welt nicht zu verlassen , deren Zauber , sobald ich ihn kennen lernte , so mächtig auf mich wirkte . III Wir hatten Luzern erreicht , in dessen Nähe die Tante meiner Mutter ein herrlich gelegenes Landhaus bewohnte . Mit aufrichtiger Liebe wurden wir von der mehr als siebzigjährigen Frau empfangen , die das nahe Ende ihres einfachen , schönen Lebens mit Ruhe und Heiterkeit erwartete , und sich durch die Gegenwart naher Verwandten gestärkt fühlte ; aber dennoch ließ sich bald bemerken , daß ihre Hoffnung nicht vollkommen befriedigt war , und daß der beschränkte Geist meiner guten Mutter ihr die Unterhaltung nicht gewähren konnte , die sie in ihren einsamen Stunden durch das Beisammensein mit einer Verwandten erwartet hatte . Ihr wahrhaft frommer Sinn konnte eben so wenig damit zufrieden sein , daß ich schon vor meiner Geburt zum Opfer für einen Andern bestimmt war , und wenn sie die Ansichten meiner Mutter in dieser Hinsicht bekämpfte , so machte dieß deßhalb einen erschütternden Eindruck auf diese , weil sie keine frevelnde Freigeisterei bei ihrer Tante voraussetzen durfte , sondern sie in allen Handlungen ihres Lebens als fromme Katholikin verehren mußte . Meine große Jugend erregte die Theilnahme dieser vortrefflichen Frau , und indem sie für meine Bildung zu sorgen beschloß und mich deßhalb mehr an sich zog , bemerkte sie mit Schrecken eine völlig verwahrloste Erziehung , und auf die Vorwürfe , welche sie meiner Mutter darüber machte , glaubte diese genügend mit der Frage antworten zu können , von welchem Nutzen mir weltliche Kenntnisse bei meinem künftigen Aufenthalte im Kloster sein könnten , und ob sie nicht im Gegentheil dazu dienen würden , in mir eine Sehnsucht nach der Welt zu erregen , die ich bestimmt sei zu verlassen . Die Tante suchte ihr die Gefahr auseinander zu setzen , die darin liege , wenn ein so lebhafter , feuriger Geist als der meine gar keine Nahrung erhielte und alle Hülfsquellen in der künftigen Einsamkeit nur in sich suchen müsse , worauf meine Mutter auf Beichte und Gebet als die sichersten Stützen der Seele hindeutete . Die Tante gab bald jeden Streit über diesen Gegenstand auf und benutzte ihre Ueberlegenheit des Geistes , um für mich , ohne weiter zu fragen , Lehrer in allen nöthigen Wissenschaften anzunehmen , und da sie mich zugleich zu allen frommen Uebungen anhielt , die die Kirche vorschreibt , so konnte meine Mutter keinen Grund finden , sich einer Einrichtung zu widersetzen , von der die Tante behauptete , daß sie ihr eine erheiternde Beschäftigung im Alter gewähre . Für mich begann in dieser Zeit ein so glückseliges Leben , daß vielleicht durch die Trunkenheit , in der mein Geist sich befand , alle Fähigkeiten meiner Seele erhöht wurden und so die Bewunderung meiner guten Tante erregten . Meine Mutter konnte mich hier nicht auf das Haus beschränken , denn die Herrin desselben begünstigte den Umgang mit Personen meines Alters , die in unserer Nähe lebten , und die anständige Freiheit der Sitten in der Schweiz erlaubten es uns , auf den nahen Bergen umher zu schweifen , und mit den reinen Lüften sog ich die Kräfte des Lebens in mich ; mein Geist erstarkte wie meine Glieder , meine Wangen rötheten sich , meine Augen leuchteten in der Fülle des Glücks und der Gesundheit . Die Zaubergärten der Poesie erschlossen sich um diese Zeit meinem Geiste und übten eine nie geahnete Gewalt auf meine Seele . Meine Mutter bemerkte mit Unruhe die Verwandlung , die mit mir vorging und die sie eine traurige Verweltlichung nannte ; die Tante war in