, als er zum letztenmal von ihr Abschied nahm ; sie verglich die Greisengestalt mit dem lebenathmenden Bilde seiner Jugend . Noch einmal mußte jener silberne Spiegel auch ihre eigne verblichne Gestalt ihr zeigen , und tief ergriffen von der Flüchtigkeit des Traums , den wir Leben nennen , vermochte sie es jetzt , die wohlthätige Hand dankend zu preisen , die auch sie dem Ziele so nahe geführt hatte , wo , wie ihr frommes Hoffen ihr verhieß , Bernhard schon lange ihrer harrte . Endlich gewann Anna es auch über sich , den Inhalt der so lange verborgen gebliebnen Papiere zu untersuchen und diese wehmüthig ernste Beschäftigung gab sie allmählig sich selbst ganz wieder zurück . Sie fühlte inniger als je zuvor die Verpflichtung , hier thätig zu werden für das künftige Wohl des abwesenden Raimund , den sie von nun an , als von Bernhard selbst ihrer Vorsorge empfohlen , betrachten mußte . Deshalb las sie alles , was sie in den verborgenen Fächern vorfand , mit möglichster Aufmerksamkeit und wandte alle Kraft ihres Gemüthes daran , um die mannichfachen Empfindungen zu unterdrücken , welche bei dieser Beschäftigung aufs neue ihre gewohnte Fassung zu zerstöhren drohten . Was sie vorfand , überzeugte sie von dem Berufe und der Möglichkeit , hier für Bernhard selbst eintreten , und unsäglich viel Gutes , die geliebte Asche und den theuren , ihr nie verklungnen Namen Ehrendes bewirken zu können . Von neuem erwachte in ihr die lange Gewohnheit , sich des Wohles Andrer thätig anzunehmen ; alles übrige von sich weisend , überließ sie sich einzig dem ernsten Ueberlegen , was hier am ersten zu ergreifen sey , und kam auf diese Weise sehr bald zu dem Entschlusse , die Reise zu unternehmen , welche sie , wie früher erwähnt ward , am folgenden Morgen wirklich antrat . Nach der Abreise der Tante blieb Anfangs im Kleebornschen Hause alles so ziemlich unverändert , wenigstens dem äußern Anschein nach . Innerlich wurde der alte Herr freilich mit jedem Tage verdrüßlicher , und Angelika und Vicktorine empfanden die tiefe Sehnsucht nach der entfernten mütterlichen Freundin immer schmerzlicher . Feste und Lustbarkeiten gingen aber demohnerachtet nicht nur ihren gewohnten Gang , sondern , wie das beim Schluß der Winterfreuden gewöhnlich der Fall ist , sie drängten sich in und übereinander bis zum Ueberdrusse der meisten daran Theilnehmenden . Denn bekanntlich vermag es keiner , der in einem solchen Strudel von Geselligkeit befangen ist , sich ihm in dem Augenblicke zu entziehen , da er seiner müde wird , sondern jeder muß noch eine Weile im gewohnten Kreise sich fortdrehen , wenn gleich ohne Lust und ohne Freude daran , so wie zu rasche Tänzer noch einige Minuten , nachdem die Violinen verstummten , unwillkührlich fortwalzen müssen . Nach einem glänzenden Balle , der bis zum Anbruch des Tages gewährt hatte , befand sich die ganze Kleebornsche Familie eines Vormittags bei dem sehr verspäteten Frühstück nach althergebrachter Gewohnheit versammelt . Alle waren müde und lebenssatt , und jeder Einzelne , sogar Babet , labte sich mit stillem Wohlbehagen an der Hoffnung , daß heute wahrscheinlich ein Ruhetag seyn und bleiben würde . Da trat wider alles Erwarten Sir Charles herein , um sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen und fragte zugleich an : ob er das Glück haben könne , sie den Abend in das Theater zu begleiten , indem eine neue Oper zum erstenmal gegeben werden solle , von der man große Erwartungen hege . Alle blickten voll Erstaunen auf ihn , denn seit langer Zeit hatte man ihn weder zu einer so frühen Tageszeit noch so auffallend zuvorkommend gesehen . Vicktorine erklärte sich indessen doch für zu ermüdet , um nicht das Zuhausebleiben der Oper vorzuziehen . Agathe stimmte ihr bei , und auf Babets Meynung , daß man gerade im Theater am aller besten ausruhen könne , wurde gar nicht geachtet , denn auch der alte Kleeborn wollte von der neuen Oper nichts wissen , sondern lud Sir Charles ein , den Abend lieber einmal mit ihm und den Seinen im engsten Familienkreise zuzubringen . » Ich könnte einer so angenehmen Einladung nicht widerstehen , und wenn ich auch ein weit größeres Vergnügen deshalb aufopfern müßte , als ich daran finde , deutsche Musik , von deutschen Kehlen abhaspeln zu hören , « erwiederte Sir Charles , der heut einmal durchaus seinen höflichen Tag zu haben schien . » Ich komme gewiß , « setzte er hinzu , » obgleich ich es eigentlich nicht sollte ; denn ich muß es nur gestehen , daß ich alle diese Zeit her meine Geschäfte ganz unerlaubt vernachlässigt habe . Unter manchen andern üblen Gewohnheiten besitze ich leider auch die , immer nur ruckweise arbeiten zu können . Mein Schreibtisch seufzt unter der Last wichtiger Depeschen , die ich längst ausfertigen sollte , der vielen Geschäftsbriefe , die alle unbeantwortet daliegen , mag ich nicht einmal erwähnen . Wilkinson sitzt schon seit sechs Stunden wie angemauert an seinem Pulte , denn ich muß Morgen vor Tagesanbruch zwei Stafetten abfertigen , des heutigen Posttags nicht einmal zu gedenken . Indessen da ich ohnehin entschlossen war , die Nacht durch zu arbeiten , im Fall die Damen sich heute für das Theater bestimmt hätten , so kann ich nun um so eher dieses kleine Opfer dem unweit größern Vergnügen darbringen mit Ihnen allein - - - « Kleeborn hielt es nicht länger aus , er mußte hier den Redner unterbrechen , und dabei leuchtete ihm die helle Freude aus den Augen , denn nie zuvor hatte er den jungen Mann so ernsthaft von Geschäften reden hören . Außer sich vor Vergnügen darüber , begann er jetzt auf das eifrigste , ihn zu ermahnen und zu bitten , doch ja seiner kostbaren Gesundheit zu schonen , und diese gefährlichen Nachtwachen zu meiden , welche jene sicher und unwiederbringlich zerstöhren müßten . Er versicherte , daß er untröstlich seyn würde , wenn Sir Charles darauf bestände ,