, als gebühre es ihm nicht , die Aufmerksamkeit zu fesseln . Wahrlich , Charlotte , rief ich bewegt , Sie sind die glücklichste Schwester in der Welt ! Wie innig wird dieser Ihr Bruder geliebt ! Aber wie glücklich ist auch eine Lebensweise , bei welcher der Mensch noch dem Menschen so nahe steht ! So eine treue Anhänglichkeit hatte ich bisher nur in Romanen gekannt . « - Charlotte sah mich mit ausdrucksvollem Erstaunen an ; sie mochte eben so wenig mich beschuldigen wollen , daß ich nie verstanden hätte , wahre Anhänglichkeit aufzuspüren , noch meine Landsleute , daß sie nicht fähig seyen , dergleichen für einander zu empfinden . » Wie sollten denn Heinrich und seine Freunde einander vergessen können ? « sagte sie nach einer Pause , in der ihr Blick einen nachsinnenden Ausdruck annahm , als suche sie sich meine Unwissenheit in der Sache der bessern Menschheit zu erklären . » Unsre herzliche Lebensweise mag wohl dazu beitragen , diese Gefühle zu erhalten , und in Heinrichs Seele , wo alles Schöne doppelt kräftig ist , glühten sie auch wohl vorzüglich lebendig . Ich erinnre mich unter andern , daß er in einem Zeitpunct seines Lebens , wo Fehlschlagung und Arbeit ihn sehr schwer belasteten , mir auftrug , seiner alten Amme ein neues Bett verfertigen zu lassen . - Er mochte in seinen schlaflosen Nächten sich erinnert haben , daß das Lager der Alten nicht zum beßten seyn möge . « - Das Letzte setzte sie , seine Wohlthätigkeit sich selbst erklärend , lächelnd hinzu . - » Wie konnte aber Ihr Bruder , wie konnten Ihre Eltern zugeben , daß ein bloses Vorurtheil ihn vom Vaterland entfernte ? Er konnte doch unmöglich im Ernste sich ein Gewissen daraus machen , gegen einen wirklichen Räuber , einen Taugenichts , der sein Leben sogar angriff , zu zeugen . « - » Doch wohl ! Neil Roy war ein Gentleman und in mancher Rücksicht ein wackrer Mann . Außerdem , wenn die Bestrafung mit dem Vergehen in gar keinem Verhältniß steht , ist es widrig , zu ihr beizutragen . Dennoch ist es nicht diese Begebenheit allein , die Heinrich in die Fremde trieb . Cecile hat Sie nicht ganz gut unterrichtet . Sie wissen , meine Mutter war eine Fremde , und obschon eine der allerwürdigsten Frauen , war es doch natürlich , daß sie ein günstiges Vorurtheil für ihr Vaterland behielt ; mein Vater wollte Heinrich eine Pachtung geben . oder ihn zum Geistlichen machen , welches meiner Mutter aber ebenso schrecklich vorkam , als wolle man ihn lebendig begraben . Allein ohne die Geschichte mit Neil Roy würde sie es doch haben über sich ergehen lassen müssen ; diese gab ihr aber Mittel , den Vater zu bereden , daß er ihn fortschickte . Heinrich ward demnach ein Friedensopfer für meiner Mutter Verwandten , die seit ihrer Heirath mit einem hochländer Rebellen , wie sie meinen edeln Vater zu nennen beliebten , keinen Verkehr mehr mit ihr hatten gestatten wollen . O Ellen , oft drückt es mir schwer das Herz , daß Heinrich diesen Menschen , die meinen Vater von oben herab anzusehen wagten , die geringste Verbindlichkeit gehabt haben soll ! Doch was auch geschehen mag , Heinrich kann nimmer seinen Gehorsam gegen seine Eltern bereuen . « Miß Graham sprach so unbesorgt , als säßen wir im verschloßnen Zimmer ; denn sobald unser Gefolge wahrnahm , daß wir , unsre Pferde nebeneinander haltend , ein Gespräch begonnen hatten , hielt es sich in einer so ehrerbietigen Entfernung , daß keiner uns vernehmen konnte . Jetzt nahten sich aber unsre Stallmeister , faßten unsre Pferde am Zügel , und , indem die andern Männer , vor uns hergehend , die großen Steine aus dem Wege räumten , führten sie uns um den Vorsprung eines sehr steilen Hügels herum . Unwillkürlich hefteten sich meine Augen auf die tiefe Schlucht im Grunde des Thales neben dem Wege . Ich sah , daß ein falscher Schritt meines Pferdes mich einige Hundert Fuß in sie hinabschleudern mußte . Die goldnen Wolken , die im Westen schwammen , erhellten unsern Pfad , die Schlucht aber lag in tiefes Dunkel gehüllt . Die Hochlandswege waren mir noch fremd , und dieser ängstigte mich so sehr , daß ich gegen meinen Führer den Wunsch abzusteigen äußerte . In diesem Augenblick rief Charlotte mit einer Stimme des Entzückens , als habe sie eine längst ersehnte Erscheinung begrüßt : » Benarde ! « Ich blickte erschrocken auf und sah zwischen mir und dem glühenden Sonnenuntergang sich ein hohes Felsenhaupt erheben , indeß bläuliche Dünste von seinen Abhängen in das Thal herabflossen . Jetzt wand sich unser Weg rund um den Berg abwärts . Reich in allen Farben des Herbstes , von dem Abendschimmer gemildert , zeigte sich Glen Eredine unserm Blick . Charlotte sprach kein Wort , wie eine Betende - und sie mochte wohl beten - kreuzte sie ihre Hände über die Brust und blickte begeistert zum Himmel . Ergriffen von dem Schauspiel um mich her , mochte ich nicht diese Stille unterbrechen . Zu unsern Füßen lag ein See , unbeweglich , als hätte nie ein Lüftchen seine Gewässer gekräuselt , alles war still , wie die Erde , bevor Lebendiges sie bewohnte , nur ein großer Adler schwebte majestätisch in gleichem Fluge entlang dem Thal ; der Osten war noch immer vom Abendwiederschein erhellt , aber der Benarde zeichnete dunkel seiner Felsen Gipfel auf dem ruhigen See ; an dessen einer Seite schimmerten die weißlichen Mauern des alten Castells , und hinter ihnen in einem geschützten Thal schwebte der bläuliche Rauch aus den Hütten des Dorfs , deren bewachsne Dächer in der allgemeinen Schattirung der Landschaft versanken . Unser Weg ging bergab , und der Wald entzog uns die Aussicht . Anfangs erstanden Birken zwischen den dürren Felsenritzen , dann streckten Krüppeleichen ihre starken Wurzeln aus dem jugendlich grünen Moos , allmälig ließ sich der