Augenblick von neuem alles Blut ins Gesicht trieb . Noch am Morgen war sie ganz zerknirscht ; nie hatte ein Mann ihr ganzes Gemüt so in seiner Gewalt gehabt , weil sie nie eigentlich geliebt hatte ; sie fühlte etwas Neues zwischen sich und dem Marchese entstehen , das sie nach allen Beschreibungen der Bücher für die wahre Liebe halten mußte ; sie fühlte in ihm ein Hinaussetzen über alle Verhältnisse , vor dem ihr grauete und das sie reizte , weil es den Keim zur Verderbnis in ihr plötzlich zum Aufwachsen regte . Ihr Mann war ihr durch das Lied ganz verhaßt ; durch eine häufige Mißdeutung des Gefühls glaubte sie in ihm die wahre Ursache ihrer Beschämung ; bald kam es ihr vor , als habe er sie boshaft dem Marchese ganz überlassen wollen ; sie fand es plötzlich ein himmelschreiendes Unrecht von ihm , eine junge freudige Frau so allein ohne einigen Genuß zurück zu lassen . - Mißverständnisse sind die Blüten des Bösen , nur die Guten verstehen sich mit Guten zum Guten ganz und immer . Dem Marchese war nichts entgangen : seine gewonnene Überlegenheit , ihr Zutrauen breitete er mit rastlosem Eifer aus . Da sie ihrem Manne sonst meist nur aus Eigensinn , nicht aus verschiedener Ansicht widersprochen , denn sie nahm eigentlich nur von wenigem eine begründete Kenntnis an , so mußte ihr Urteil an diesem klugen kalten Sprecher leicht brechen , die Folge davon war , daß sie von ihm lernen wollte . Nun umspann er sie leise mit mancherlei geheimnisvollen Wissenschaften , höherer Philosophie , Astrologie und Geisterbeschwörung ; er kannte von allem nur das , was auf das Gemüt wirkt und das Urteil beschränkt , und so führte er sie bald in eine neue Welt , unter der ihre gewohnte tief unten in niedriger Entfernung lag ; so verschwand ihr auch der Graf mit dem notwendigen schönen Eindrucke , den seine Lebensweise auf jeden ihn Umgebenden machte . Jede Zeit hat ihre eigne Art Geister , ihre Art sie zu denken und zu zitieren ; einstmals rasselten sie alle wie Festungsgefangene mit Ketten , sprachen vom Fegefeuer , und forderten Gebete von den Ihren ; späterhin wurden sie wissenschaftlicher , und forderten zu ihrer Beschwörung große Kenntnisse , Anschaffung seltener chemischer Bereitungen , und in diesem Sinne wirken noch immer die Rosenkreuzer . Der Marchese hatte sich alle Geheimnisse der Rosenkreuzer angeeignet , um sie , vermischt mit dem Mesmerschen Magnetismus als eine furchtbare Geisterhand in das Innerste der Gemüter auszustrecken . Er zeigte der Gräfin unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit manche Briefe ausgezeichneter Männer der Zeit , die ihn als ein unbekanntes Oberhaupt der Geister und der höheren geistigen Weltregierung ansahen ; sie staunte über die Gewalt , die er über alle ausübte , und in diesem Sinne wurden ihr selbst unbedeutende Äußerungen von ihm bedeutend ; manches Zeichen , das er willkürlich machte , hatte ihr einen tieferen Sinn . Oft brachte er ihr , ohne ihr Wissen , magnetisierte Blumensträuße , die sie mit einander in eine Berührung setzten , daß sie in ihrem Innern , was er wollte , anschauen mußte . Eines Abends las er ihr aus einem geschriebenen Buche von der chymischen Hochzeit6 vor , das er sich selbst zuschrieb und von dessen Wunderbarkeit wir einen kleinen Vorschmack geben wollen : » An einem Abend vor dem Ostertage saß ich an einem Tische , wo ich der vielen großen Geheimnisse dachte , deren mir der Vater des Lichts nicht wenig sehen lassen . Als ich nun mir mit meinem lieben Osterlämmlein , ein ungesäuert unbeflecktes Küchlein in meinem Herzen zubereiten wollen , kommt ein grausamer Sturm daher , daß ich nicht anders meinte , denn es werde der Berg , darin mein Häuslein gegraben , von großer Gewalt zerspringen müssen . Da mir aber solches an dem Teufel nicht fremd war , faßte ich einen Mut , und blieb in meiner Betrachtung , bis mich jemand an den Rücken anrührte , davon ich so erschrocken blieb , daß ich nicht umzusehen wagte . Doch wie ich mehrmals an dem Rocke gezogen wurde , so sahe ich mich um , da stand ein schönes herrliches Weib , deren Kleid ganz blau und mit goldenen Sternen wie der Himmel zierlich versetzt war . In der rechten Hand trug sie eine ganz goldene Posaune , auf welcher ein Name gestochen , den ich wohl lesen konnte , der aber zu verstehen unmöglich ; in der linken Hand hatte sie eine große Menge von Briefen , die sie in alle Länder trug . Einen dieser Briefe legte sie auf meinen Tisch , breitete dann ihre rauschenden blauen Flügel aus und verschwand durch das verschlossene Fenster . Als ich dies Brieflein in Demut öffnete , da las ich mit goldenen Buchstaben im blauen Felde geschrieben : Heut , heut , heut Ist des Königs Hochzeit ... « Bei diesen Worten waren die Lichter so weit abgebrannt , daß der Marchese nicht weiter lesen konnte ; die Gräfin hatte sich ängstlich mit ihrem Stuhle zu ihm gerückt ; die Luft schien ihr belebt in tausend bedeutsamen Gestalten umherzugehen ; der Marchese schaute mit einem großen Blicke empor , erhob die Hände und schien eine Erscheinung demütig zu begrüßen ; er sprach , aber sie hörte nichts , er deutete auf sie , als wenn jetzt etwas über ihr schwebe , und ängstlich fragte ihn die Gräfin , was er sehe . Er sagte , daß er die Mutter Gottes sehe , die sie an ihn drücke und einen Kranz von Rosen mit den Worten über sie halte : Folge mir nach ! Dolores drückte sich erschrocken an ihn und meinte , sie werde an ihn gedrückt ; sie fühlte seinen Atem , und meinte , es sei der göttliche Atem , und rief : » Ich fühle sie , ich fühle ihren Atem , er ist heiß , wie der Orient und wie die Liebe einer Mutter ! «