zu helfen . Der Reiseschirm wurde an den Zweigen befestigt , gerade über dem Haupte des Geheimrats , der seelenvergnügt dasaß , sich und seinem Gefährten fleißig einschenkte und im stillen meinte , nun könne er allenfalls das Unvermeidliche aushalten . Wellborn hatte sein Wetterglas vor sich auf den Tisch gestellt , dann sein Manuskript aufgeschlagen und las jetzt . Er begann mit der Abfahrt von Triest , lichtete dort pünktlich um zwei Uhr dreiundzwanzig Minuten die Anker und steuerte hinaus in die blaue Adria , dann verzeichnete er gewissenhaft nach dem Reisebuch jede Insel und jede Küste , die nur irgendwie in Sicht kamen , und landete endlich glücklich in Korfu , wo nun die Geschichte erst eigentlich begann . Der Geheimrat hörte kaum zu , er trank behaglich seinen Wein und malte sich dabei in Gedanken die Scene aus , die jetzt voraussichtlich droben am Felsenabhang spielte . Im Anfange würde sie etwas stürmisch verlaufen , davon war er überzeugt . Bei einem Eisenkopf wie Robert und einem Starrkopf wie seiner Friedel waren keine friedlichen Auseinandersetzungen zu erwarten , aber schließlich würde die Sache doch in Ordnung kommen , und dann fiel auch diese verwünschte ägyptische Reise ganz von selbst weg . Dann brauchte er nicht mehr aufs Kamel und auf die Pyramiden zu steigen , sondern steuerte fröhlich heimwärts mit seinen Kindern , und in Lindenhof ... hier spielte der griechische Wein dem alten Herrn doch einen Streich , die Umgebung wurde nebelhaft und undeutlich und die Gedanken auch . Aus den Oliven wurden die Linden des heimischen Gartens , zwischen denen befremdlicherweise die Kamele umherspazierten , und drüben in Brankenberg ragte eine riesige Pyramide auf . Dazu schwatzte und klapperte irgend etwas eintönig und unermüdlich , wie das Rad der Sägemühle am Fuße des Weinberges , aber die alte rheinische Mühle klapperte nur griechische Ortsnamen , und dann sah und hörte der Geheimrat nichts mehr , er war sanft und fest eingeschlafen . Der Schirm , der zwischen den Olivenzweigen schaukelte , senkte sich tief herab . Ferdinand Wellborn , der auf diese Weise das Gesicht seines Zuhörers nicht sehen konnte , nahm dessen Schweigen für höchste Aufmerksamkeit und las ungestört weiter . Inzwischen vergnügte sich das » nervöse « Wetterglas auf dem Tische in aller Stille , indem es die ganze Wetterskala durchlief . Es hüpfte hinauf bis zum höchsten Stand , und dann sank es von neuem , tief , immer tiefer , bis es endlich beim Erdbeben angelangt war . Da schien es ihm zu gefallen , denn da blieb es stehen . Robert Adlau und die junge Frau waren in der That zurückgeblieben , aber dies unerwartete Alleinsein schien beiden gleich unerwünscht . Elfriede hatte , als die beiden anderen Herren aufbrachen , eine unwillkürliche Bewegung gemacht , wie um sie zurückzuhalten , besann sich aber schon im nächsten Augenblick und vertiefte sich mit einem flüchtigen » Auf Wiedersehen , Papa ! « ganz in ihre Skizze . Adlau zog die Stirn kraus , blieb aber ruhig am Abhange stehen , wo er die Aussicht betrachtete . Keiner wollte dem anderen zeigen , wie peinlich ihm dieser Zufall war , denn dafür nahmen sie es doch beide . Das Stillschweigen hatte schon ziemlich lange gewährt , da schien Adlau endlich einzusehen , daß er nicht immer so stumm durch das Fernglas blicken könne . Er schob es zusammen , trat zu der jungen Frau und machte eine Bemerkung über ihre Zeichnung und den malerischen Vorwurf , ein paar kurze Worte , die ebenso einsilbig beantwortet wurden . Malerisch war der Vorwurf allerdings . Das kleine Gehöft , das hier so einsam und abseits von den anderen lag , war augenscheinlich längst von seinen Bewohnern verlassen . Das Dach war zerfallen , den Fenstern fehlten die Läden und im Innern regte sich nichts . Eine hohe Steintreppe , mit tief eingesunkenen Stufen , führte zu der geschlossenen Thür , über der sich , roh in Stein gemeißelt , die Umrisse eines Heiligenbildes zeigten . Die niedrige , zerbröckelnde Mauer , die den Vorplatz umgab , trug noch die steinernen Pfeiler der landesüblichen Veranda , aber das Weinlaub , das sie umspann , wucherte verwildert und ungepflegt , in wirren Ranken , die hier die Mauern umklammerten und dort , tief niederhängend , ein Spiel des Windes waren . Durch das Blätterdach fielen die Sonnenstrahlen und spielten in zuckenden , goldigen Lichtern auf dem Boden . Sie huschten weiter bis zu der tiefen Mauerblende , wo es verstohlen aufblinkte wie von rinnendem Naß . Früher sprudelte wohl hier ein Felsenquell mit seinem hellen Strahl , das sah man noch an der kunstlosen Röhre und dem geborstenen steinernen Becken , das ihn auffing . Jetzt war er längst schon versiegt , nur eine kleine , kaum sichtbare Wasserader schlich über das feuchte Gestein und rann langsam , Tropfen um Tropfen , nieder , um sich dann in einer Spalte des felsigen Grundes zu verlieren . Ringsum Verfall und Verödung und hier der versiegende Quell ! Aber diese öde , verlassene Stätte lag in einer Umgebung , deren Reiz selbst das verwöhnteste Auge fesseln mußte . Die weinumrankten Pfeiler umschlossen wie mit einem Rahmen ein weites Landschaftsbild voll lachender , sonniger Schönheit . Es war in den letzten Tagen des Oktober , aber noch lag Sommerpracht und Lichtglanz auf allen Fluren , nur das rötlich schimmernde Weinlaub und der bräunlich goldene Hauch auf einzelnen Baumgruppen mahnte daran , daß es auch hier einen Herbst gebe . Aus dem matten Graugrün der Oliven , die in endlosen Wäldern Thäler und Höhen bedeckten , tauchten schlanke Pinien und dunkle Cypressen auf . Hier oben an den Berghängen wucherte die Erika in mächtigen Gesträuchen , und Aloe und Kaktus senkten ihre Wurzeln in das Felsgestein . Dort drüben lag Korfu mit seinem Hafen , und vom Festlande herüber grüßten die Berge von Epirus schon im leichten Schneegewande . Sie hoben sich scharf und klar empor in die sonnige Luft