den Straßen der Residenz wogte trotz der Abendstunde und der unfreundlichen Herbstwitterung noch das unruhige , rastlose Treiben der Großstadt . Die Wagen rollten und jagten nach den verschiedensten Richtungen hin , die Fußgänger drängten sich auf den Trottoirs und an den hellerleuchteten Kaufläden und nur in den vornehmeren Stadtvierteln , die abseits von den eigentlichen Haupt- und Verkehrstraßen lagen , herrschte Ruhe und Stille . In dem Zimmer , das sie gegenwärtig im Selteneck ’ schen Hause bewohnte , saß Gabriele Harder allem und ganz jenem trüben Nachdenken hingegeben , das ihr jetzt so oft nahte und aus dem übermüthigen , lebensprühenden Mädchen eine völlige Träumerin zu machen drohte . Sie war bereits in voller Toilette , da man heute Abend in die Oper fahren wollte , aber sie dachte offenbar nicht daran und zerdrückte , in einen Fauteuil geschmiegt , achtlos die Spitzen ihres Kleides . Wenn irgend etwas Gabriele hätte zerstreuen können , so wäre es dieser Aufenthalt in der Residenz gewesen , wo sie und ihre Mutter mit großer Liebenswürdigkeit empfangen wurden . Die Gräfin Selteneck war eine intime Freundin der Baronin ; sie hatten früher viel im Harder ’ schen Hause verkehrt und war auch nach dem Tode des Barons mit dessen Wittwe in stetem Briefwechsel geblieben . Das Wiedersehen war für beide Damen ein gleich großes Vergnügen , und die Gräfin , die selbst keine Kinder besaß , verwöhnte und verzog die reizende Tochter ihrer Freundin in jeder nur möglichen Art. Die Baronin hatte erst hier von dem gegen Raven geschleuderten Angriffe erfahren , aber sie war viel zu oberflächlich , um den Ernst und die Bedeutung der Sache zu würdigen , die in ihren Augen eine vorübergehende Verdrießlichkeit war , wie etwa die Revolution in R. Es fiel ihr nicht im Entferntesten ein , daß die Stellung des Freiherrn dadurch bedroht werden könnte ; seine Angelegenheiten interessirten sie überhaupt nur insofern , als ihre eigene Zukunft dabei in Frage kam . Frau von Harder hegte bekanntlich nicht die mindeste Sympathie für ihren Schwager , sie fürchtete ihn höchstens . Allerdings war sie empört über die „ Unverschämtheit “ dieses Winterfeld , in dessen Benehmen sie nur einen Act persönlicher Rache für die empfangene Zurückweisung sah , aber sie zweifelte nicht daran , daß der Freiherr dem Verwegenen die verdiente Züchtigung werde zu Theil werden lassen . Im Uebrigen sah sie keine Veranlassung , sich mit diesen unerquicklichen Dingen zu plagen , die jedenfalls längst abgethan waren , wenn man nach Hause zurückkehrte . Die Herbstmoden , die Soirèen und Opernvorstellungen waren weit interessanter . Daß ihre Tochter es nicht wagen würde , nach der Beleidigung , die Assessor Winterfeld dem Freiherrn zugefügt hatte , die Beziehungen zu dem Ersteren wieder anzuknüpfen , galt der Baronin als ausgemacht . Ihre Sorge richtete sich nur darauf , eine zufällige Begegnung zwischen den Beiden zu verhindern , was in der That nicht schwer war . Georg verkehrte nicht in den Selteneck ’ schen Kreisen , und Gabriele war sich hier in den fremden Umgebungen nie allein überlassen . Sie hatte auch wirklich keinen Versuch gemacht , dem jungen Manne Nachricht von ihrem Hiersein zu geben , bebte sie ja doch selbst vor diesem Wiedersehen zurück . Wie sollte sie Georg entgegen treten , mit der Liebe zu einem Andern im Herzen ! Was sich auch in der letzten Zeit zwischen sie und Arno gedrängt hatte , selbst seine Härte und Ungerechtigkeit vermochten es nicht , sein Bild zu bannen , und der Gedanke an die Gefahr , die ihn bedrohte , hob dieses Bild nur immer deutlicher hervor . Gabriele konnte besser als ihre Mutter die ganze Tragweite jenes Angriffs ermessen ; sie folgte schon seit Wochen mit fieberhaftem Interesse der Entwickelung . Sie , die sonst kaum einen Blick in die Zeitungen that , suchte jetzt nach jeder Notiz , haschte im Gespräch nach jeder Bemerkung , die den Freiherrn betraf . Winterfeld ' s Schrift mit ihren Anklagen entrollte auch dem jungen Mädchen das wahre Bild Raven ’ s , das sie in jedem Zuge anerkennen mußte , enthüllte ihr all die Schattenseiten seines Charakters , und dem gegenüber erhob sich Georg ’ s Gestalt , so rein , so fest und edel in der muthigen Aufopferung einer ganzen Zukunft für das , was ihm Pflicht und Gewissen hieß – aber was half das alles ! Die ganze Seele Gabrielens flog dem finsteren , despotischen Manne zu , stand an seiner Seite im Kampfe , bangte und ängstigte sich um seinetwillen , und gegen Georg regte sich ein Gefühl der Erbitterung , denn er war es ja gewesen , der den Geliebten angegriffen und beleidigt hatte . Der Schlag der Uhr auf dem Kamin weckte Gabriele aus ihren Träumereien und erinnerte sie daran , daß es Zeit sei , sich für die beabsichtigte Fahrt nach dem Theater fertig zu machen . Sie warf das Spitzentuch um , zog die Handschuhe an und ging nach dem Salon hinüber , wo sich ihre Mutter bereits mit der Gräfin Selteneck befand . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 30 , S. 499 – 502 Fortsetzungsroman – Teil 22 [ 499 ] Die Gräfin Selteneck stand ungefähr in dem gleichen Alter wie die Baronin , sah aber bedeutend jünger aus als diese , vielleicht gerade deshalb , weil sie sich nicht so ängstlich Mühe gab , noch die jugendliche Frau herauszukehren . Ohne schön zu sein , fesselte sie doch durch eine angenehme Erscheinung und ein klares bestimmtes Wesen . Beide Damen waren schon in voller Abendtoilette . „ Ich begreife es , “ sagte die Gräfin , „ wie sehr Du unter dem Zwange der Verhältnisse im Hause Deines Schwagers leidest , Mathilde , aber was thut man nicht um seines Kindes willen ! Gabrielens ganze Zukunft liegt doch nun einmal in