Wuth aufgestachelt gegen Alles , was den Namen Berkow trug . Eugenie ging vorwärts , gerade der Gefahr entgegen , ohne auch nur das Gesicht zu verbergen – wie außer sich stampfte Ulrich mit dem Fuße ; dann auf einmal riß er sich los vom Vater und war im nächsten Augenblick an ihrer Seite . „ Lassen Sie den Schleier herunter ! “ gebot er , und dabei legte sich seine Hand mit eisernem Druck um die ihrige . Eugenie gehorchte tiefaufathmend ; jetzt war sie sicher . Sie wußte , daß er die Hand nicht wieder loslassen werde , und wenn die ganze Knappschaft der Werke jetzt gegen sie anstürmte . Mit vollem Bewußtsein war sie der Gefahr entgegen gegangen , aber auch in der vollen Ueberzeugung , daß nur diese augenscheinliche Gefahr , in die sie sich begab , ihr den versagten Schutz erzwingen konnte . Sie hatte gesiegt , aber es war auch die höchste Zeit gewesen . Sie erreichten jetzt die Schaar , die sofort Miene machte , ihren Führer zu umringen und in die Mitte zu nehmen ; aber ein kurzer , doch mit vollem Nachdruck gegebener Befehl desselben hieß sie Platz machen und wies sie gleichfalls nach den Schachten hinüber . Wie vorhin ihre Cameraden , gehorchten auch sie sofort , und Ulrich , der nicht einen Augenblick Halt gemacht hatte , zog seine Begleiterin mit sich fort , die jetzt erst sah , wie unmöglich es gewesen wäre , hier allein durchzukommen , oder auch nur mit einem anderen Schutze als dem , den sie an der Seite hatte . Die ganzen sonst so stillen Wiesenflächen waren heute der Schauplatz eines wogenden Tumultes , obgleich der eigentliche Streit darüber bei den Schachten stattgefunden hatte . Die Bergleute zogen in hellen Haufen umher oder standen dicht geschaart bei einander – überall wildbewegte Gruppen , überall zornige Gesichter , drohende Geberden , überall Geschrei , Toben und Lärmen . Die wilde Aufregung schien nur nach einem Gegenstande zu suchen , um sich sofort in rohen Gewaltthätigkeiten Luft zu machen . Der Fußweg führte zum Glücke am Rande der Wiese entlang , wo der Tumult verhältnißmäßig schwächer war , aber auch hier war Ulrich , sobald er sich nur zeigte , sofort Gegenstand und Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Aller . Doch in die lärmenden Rufe , mit denen man ihn überall begrüßte , mischte sich diesmal ein eigenthümliches Befremden . Ein Heer von erstaunten , mißtrauischen , argwöhnischen Blicken richtete sich auf die Frauengestalt an seiner Seite . In dem dunklen Reisemantel und hinter dem dichten Schleier erkannte freilich Niemand die Gemahlin des Chefs , und hätte Einer auch den Gang oder die Haltung erkannt , die Vermuthung wäre mit Hohnlachen [ 287 ] zurückgewiesen worden . Es war ja Ulrich Hartmann , der sie schützend führte , und der schützte sicher nichts , was zum Berkow ’ schen Hause gehörte ; aber es war doch immer eine Dame , die da neben ihm ging , neben dem schroffen , wilden Sohne des Schichtmeisters , der sich sonst nie um Frauen kümmerte , nicht einmal um Martha Ewers , um die sich doch jeder Ledige auf den Werken zu kümmern pflegte . Ulrich , der die Frauen seiner eigenen Cameraden bei solchen Gelegenheiten , wie die heutige , als eine überflüssige Last betrachtete und behandelte , die man so viel als möglich abschütteln müsse , er geleitete diese Fremde mit einem Ausdruck im Gesichte , als werde er Jeden niederschlagen , der ihr auch nur einen Schritt zu nahe komme . Wer war das ? und was sollte das heißen ? Der kurze , kaum zehn Minuten dauernde Gang war ein Wagniß selbst für den jungen Führer , aber er zeigte , daß er hier wenigstens noch unumschränkter Herr war und seine Herrschaft zu gebrauchen wußte . Bald sprengte er hier mit einigen gebieterischen Worten eine Gruppe , die ihm im Wege stand , bald warf er dort Befehle oder Anordnungen in einen hervordrängenden Haufen , der diesem sofort eine andere Richtung gab ; dann wieder herrschte er Einzelnen , die ihm mit Fragen oder Berichten nahen wollten , ein „ Später “ oder „ Ich komme wieder “ zu und dabei zog er die junge Frau unaufhaltsam und so schnell mit sich fort , daß bei diesem Vorübereilen jede Entdeckung und jeder Aufenthalt ausgeschlossen wurde . Endlich hatten sie den Park erreicht , der hier an seinem Ausgange nur durch eine hölzerne Gitterthür geschlossen war . Ulrich stieß sie auf und trat mit ihr in den Schutz dieser Bäume . „ Jetzt ist ’ s genug ! “ sagte er , ihre Hand loslassend . „ Der Park ist noch sicher , und in fünf Minuten sind Sie am Hause . Eugenie bebte noch leise von der überstandenen Gefahr und ihre Hand schmerzte noch von dem eisernen Drucke der seinigen ; langsam schlug sie den Schleier zurück . „ Machen Sie nur schnell , gnädige Frau ! “ fuhr der junge Bergmann mit bitterem Hohne fort . „ Ich habe ja redlich dazu mit geholfen , daß Sie Ihren Mann wiedersehen . Sie werden ihn doch nicht warten lassen ? “ Eugenie sah auf zu ihm . Sein Gesicht verrieth , welche Folter sie ihm auferlegt hatte , als sie ihm nur die Wahl ließ , entweder einen Angriff auf sie zu dulden , oder sie selbst ihrem Gatten zuzuführen . Die junge Frau hatte nicht den Muth , zu danken ; sie streckte ihm nur wortlos die Hand hin . Aber Ulrich stieß die Hand fast zurück . „ Sie haben mir viel zugemuthet , gnädige Frau , so viel , daß es um ein Haar mißglückt wäre . Jetzt haben Sie Ihren Willen , aber versuchen Sie es nicht , mich noch einmal so zu zwingen wie heute , am wenigsten wenn Er dabei ist – dann – dann – bei Gott , dann gebe ich Euch Beide preis ! “ – Auf der