sie noch einmal unwillkürlich , wie durch eine magnetische Kraft angezogen , den Kopf zurück . Und sie hatte wohl auch unter einem Bann gestanden – es waren zwei Augen gewesen , zwei glühende Augen mit verzehrendem Blick , die ihr über den Zaun weg nachstarrten ... Sie kannte diesen Kopf mit dem Haardiadem über der Stirn , mit dem wachsbleichen Gesicht und den schmalen , scharfgeschnittenen Lippen , die eines Abends schmerzverzerrt das erschütternd fragende » Gestorben ? « hervorgestoßen hatten ... Das Herz stand ihr fast still vor Überraschung . Jetzt wußte sie um das Geheimnis der nachtwandelnden Erscheinung in der Säulenhalle – es war die Unerbittliche , die Sohn und Gatten in grausamer Härte und unbeugsamem Starrsinn von sich gestoßen und über das Meer in eine neue Heimat getrieben hatte . Das immer noch schöne , einer Statue gleichende Weib dort war die Vorgängerin der stolzen Spanierin , war Major Lucians erste Frau . Sie schlummerten beide unter der Erde , deren Geschick sie eigenmächtig gewandelt , denen sie bitter wehe getan – die gewaltige , festgefügte Gestalt dort hatte sie überdauert , sie lebte und – litt . Ja , sie litt , das bezeugte ihr in finsterem Gram fast versteinertes Gesicht . Die Nemesis war gekommen ; sie rüttelte an diesem Gewissen , wer weiß wie lange , lange schon . Und an die erschütterte Seele klopfte ein neues Element , bis jetzt vielleicht nur als Ahnung , aber als eine untrügliche , in Gestalt des unschuldigen , blondlockigen Kindes , das die Züge des verstoßenen Sohnes trug – die großmütterliche Liebe war mächtiger als der Mutterzorn , sie quoll auf in dem verschütteten Herzen , unwiderstehlich , zersprengend , wie die Triebkraft einen werdenden Baum durch Gestein und Geröll an das Licht treibt ... Donna Mercedes ging auf die Frau zu , und diesmal wich sie nicht zurück . Sie mußte auf einer Bank stehen , denn vom Boden aus ließ sich der hohe Zaun nicht überblicken . Mit beiden Armen drängte sie das struppige Gezweig kraftvoll auseinander ; ihre breiten Schultern , die immer noch eleganten Linien ihrer Büste waren vollkommen sichtbar . So stand sie bewegungslos – so hatte sie seit Josés Erkranken vielleicht täglich gestanden , um von irgend einem Diener des Nachbarhauses Nachricht über das Kind zu erlangen , das sich im großmütterlichen Heim , von dem übermütigen Erben des Klostergutes gemißhandelt , die tödliche Krankheit geholt hatte . » Das Kind – « begann sie und schwieg sofort wieder , als schrecke sie selbst entsetzt vor den Tönen zurück , die nach langen , langen Jahren zum erstenmal wieder auf das nachbarliche Gebiet hinüber schollen . Die junge Dame verharrte erwartungsvoll schweigend auf ihrem Platze . Sie stand der Frau so nahe , daß sie trotz der Abenddämmerung jeden Zug des Gesichts erkennen konnte , das sich zu ihr niederbog ; und jetzt begriff sie . daß Vater und Sohn , warmherzige , phantasievolle Naturen , vor dieser Macht hatten weichen müssen . Auf der Stirn mit den herrlich geschwungenen Brauen lag noch das Gepräge der Herrschsucht , des eisernen Willens – Donna Mercedes war jetzt selbst Zeuge , wie ein edles , warmes und mächtig emporquellendes Gefühl mit dem Starrsinn in dieser Frauenseele um die Oberhand rang . » Ich möchte wissen , « hob sie mit unsicherer Stimme wieder an , da kein ermutigendes Wort von den Lippen der jungen Dame kam – » ob der Kleine – « » José Lucian wollen Sie sagen , « fiel Donna Mercedes jetzt fest und äußerlich vollkommen ruhig ein , obgleich ihr das Herz so heftig schlug , daß sie meinte , man müsse es hören . Mit einem Laut unwilligen Schreckens fuhr die Frau zurück ; die Büsche schlugen rauschend zusammen , und Donna Mercedes fürchtete , die Drübenstehende müsse mit der Bank umgesunken sein , – aber gleich darauf wühlten die kräftigen weißen Hände das Strauchwerk abermals auseinander und das bleiche Antlitz erschien wieder – jetzt aber mit einem düster drohenden Ausdruck . » Hab ' ich nach dem Namen gefragt ? « – fragte sie finster und unverbindlich . » Was geht er mich an ? Brauche ich zu wissen , wie die fremden Kinder heißen , die unser unbändiger Junge in unser Haus schleppt ? « – Diese Frau stieß sich im grausamen Wüten gegen die eigene » Schwäche « mit ihren eisigen Worten selbst ein Messer in die Brust . » Ich wollte nichts , absolut nichts anderes wissen , nichts anderes aussprechen , als die Frage , ob der Knabe – zu retten ist ... Der kleine Sohn meines Bruders – « Eine aufkreischende , schrille Knabenstimme unterbrach sie ; verstummend und sichtbar erschreckt fuhr sie herum , und ihr suchender Blick tauchte in den dunkelnden Abendhimmel . Donna Mercedes sah , wie ein schlanker Körper drüben durch das Geäst eines hohen Baumes katzengeschmeidig schlüpfte und ebenso gewandt und flink am Stamm herunterglitt . Das war der Bursche , der vorhin die Steine in den Teich geworfen hatte . Man hörte ihn wie toll mit harten Absätzen über den Kies nach dem Hause zu laufen und dabei schrie er grob und flegelhaft herüber : » Warte nur , Tante Therese , ich sag ' s dem Papa , daß du mit den Leuten im Schillingshofe sprichst ! Ihr habt mir ' s streng verboten und du tust es selber . « Die knarrende Tür des Hinterhauses wurde aufgerissen und flog schmetternd wieder zu , und in diesem Augenblick verschwand auch die Frau hinter dem Zaun . Die junge Dame wartete vergebens auf ihr Wiedererscheinen ; sie hörte nur , wie sich rasche Schritte drüben immer weiter von der trennenden grünen Wand entfernten und auf den geradlinigen Weg einbogen ... Ihr war seltsam zumute . Nun hatte sie der Mutter ihres Bruders Auge in Auge gegenüber gestanden – sie hatte stets bitteren Haß gegen dieses tyrannische Weib gefühlt , und seit sie das Klosterhaus