das eben so häßlich , so verzweiflungsvoll geträumt hatte . Die Rehe und die Tauben kannten sehr gut das junge Mädchen , das stets in den Taschen Brod und Körner mitbrachte , aber heute hatte sie nur ein stummes Abschiedwinken mit der Hand für sie , ob auch das Taubenvolk sich jetzt auf den Rasen niederstürzte und seine Kecksten rekognoscierend und bettelnd auf die Brücke vorausschickte . Käthe ging weiter am Flußufer hin , und bald mischte sich ferner Kinderjubel mit dem Rauschen des Wassers . Die kleinen Schülerinnen der Tante Diakonus spielten noch im Garten , und trotz der tiefen Niedergeschlagenheit , trotz der Seelenschmerzen , deren Wesen und Ursprung sie zum Theil nicht einmal begriff , weckten diese Laute ein warmes Freudengefühl in Käthe . Ach nein , die kleinen Geschöpfe da drüben mit den unschuldigen Augen und den jungen fröhlichen Herzen sahen nicht die Millionärin in ihr ; sie wußten noch nichts von dem eisernen Geldschranke ; sie nahmen unbefangen und dankbar das gereichte Vesperbrod und fragten nicht , wer es bezahlt habe . In den jungen Seelen lebte sie als die Tante Käthe , um deren Liebesbeweise man sich stritt und zankte , welcher man sehnsüchtig entgegenlief und in deren Ohr das ängstliche Bekenntniß kleiner Vergehen oder die weinende Klage über ein erlittenes Unrecht vertrauensvoll geflüstert wurden . Nein , dort wurde sie geliebt , aufrichtig geliebt um ihrer selbst willen . Sie verdoppelte ihre Schritte ; je näher sie dem Hause kam , desto mehr wurde ihr zu Sinne , als kehre sie heim aus der Irre . Dort trat die Magd zwischen den zwei gewaltigen Pappeln hervor , die zu beiden Seiten der Brücke standen , und wanderte , den Henkelkorb am Arme , nach der Stadt , um die Abendeinkäufe zu machen – das war auch eine treue Seele , die nicht um des Geldes willen an der Herrschaft hing ; ihr gutmüthiges , offenes Gesicht gehörte so recht in das gemüthliche Heimwesen am Flusse . Von den Kindern war nichts zu sehen , als Käthe über die Brücke kam – sie spielten hinter dem Hause ; dafür machte sich der Haushahn um so breiter auf dem Rasenplatze ; er schlug mit den farbenglänzenden Flügeln und krähte , daß es weit über das Feld hingellte ; die Hühner unterbrachen ihr Scharren und schielten mit schiefgehaltenem Kopfe nach der Mädchenhand , die ihnen oft Futter hinstreute , und der Hofhund begnügte sich mit einem begrüßenden Schwanzwedeln . Er war jetzt gut Freund mit Käthe , bellte sie nie an und hatte sich mit der Zeit so viel Bildung angeeignet , die gelbe Henne nunmehr auch unangefochten vor seiner Nase hinspazieren zu lassen . Die Hausthür stand weit offen , und die Magd war ausgegangen ; mithin befand sich die Tante im Hause . Käthe stieg eben die Stufen seitwärts hinauf , als sie im Flure den Doktor sprechen hörte . Wie festgewurzelt blieb sie stehen . „ Nein , Tante , der Lärm belästigt mich . Meine Kopfnerven machen mir augenblicklich zu schaffen , “ sagte er . „ Wenn ich mich für Momente in den grünen Winkel hier flüchte , so will ich ausruhen ; ich brauche Ruhe , Ruhe . “ – War er es wirklich , der gelassene Mann , in dessen Stimme so viel nervöse Ungeduld , so viel zitternde Pein mitsprach ? „ Es ist ein Opfer , das ich von Dir verlange , Tante , ich weiß es , aber trotz alledem bitte ich Dich dringend , diese Unterrichtsstunden für die wenigen Monate , die ich noch hier sein werde , auszusetzen . Für diese Zeit will ich herzlich gern ein Zimmer in der Stadt miethen und eine Lehrerin bezahlen , damit Deinen Schülerinnen kein Nachtheil erwächst – “ „ Um Gott , Leo , Du brauchst ja nur zu wünschen , “ unterbrach ihn die Tante erschrocken . „ Wie konnte ich denn ahnen , daß Dir dieser Verkehr plötzlich so unangenehm ist ? Nicht ein Laut mehr soll Dich stören – dafür lasse mich sorgen ! Mich dauert nur Eines dabei – Käthe – “ „ Immer dieses Mädchen ! “ brauste der Doktor auf , als verliere er bei dieser leisen Klage den letzten Rest von Geduld und Selbstbeherrschung . „ An mich denkst Du nicht . “ „ Aber ich bitte Dich , Leo , was ficht Dich an ? Ich glaube gar , Du bist eifersüchtig auf die Liebe und Zuneigung Deiner alten Tante , “ rief die alte Frau erstaunt und ungläubig lachend . Er schwieg ; das junge Mädchen draußen hörte , wie er einige Schritte nach der Hausthür machte . „ Meine arme Käthe ! Es ist völlig undenkbar , daß ihr geräuschlos wohltuendes Walten , ihre ganze Erscheinung irgend einem Menschen auf Gottes Erde unangenehm sein könnte , “ sagte die Tante , leisen Trittes ihm nachgehend . „ Ich habe noch kein Mädchen gesehen , das so prächtig Kindesunschuld und Frauenwürde , Verstandesschärfe und Innigkeit des Gemüthes in sich vereinte . Das zieht mich unwiderstehlich zu ihr hin , und ch meine , so ungerecht dürfte auch mein Leo nicht sein , daß er neben seiner vergötterten Braut kein anderes weibliches Wesen gelten ließe . “ Käthe schrak zusammen – der Doktor brach in ein sardonisches Gelächter aus , so laut und erschütternd , daß sie sich davor entsetzte . Unwillkürlich hob sie den Fuß zur Flucht – nein , sie blieb . Das spöttische Lachen galt ihr – sie wollte wissen , wie der Doktor die gute Meinung der Tante , die ihr allerdings die Glut der Beschämung in die Wangen trieb , widerlegen werde . „ Du bist sonst eine so kluge , klarsehende Frau , Tante , aber hier läßt Dich Dein Scharfblick kläglich im Stich , “ sagte er , das Lachen in jäher , unheimlicher Weise abbrechend . „ Immerhin ! Ich werde selbstverständlich Deine Ansichten nicht anfechten – wer vermag sich denn