Kind « , sagte ich , » jetzt muß ich es Ihnen geben , denn es hat keinen Vater mehr – ! « Ich trat noch einen Schritt näher und wollte den Kleinen in ihre Arme legen . Aber er klammerte sich mit beiden Händen um meinen Hals und schaute trotzig die blasse Frau an , die mit unverstelltem Entsetzen dastand . » Gretchen « , sagte sie dann tonlos , » was sprichst du ? Wer hat keinen Vater mehr ? « » Wilhelm v. Eberhardt ist tot ! « erwiderte ich laut , aber ich mußte mich mit der Hand auf die Tischplatte stützen und konnte kaum den Kleinen noch halten . Frau v. Bendeleben sank in den Sessel zurück . Eine lange Pause entstand , als ich ihr das Kind auf den Schoß gesetzt und gesagt hatte : » Sei gut gegen die Dame , sie hat dich lieb ! « Dann streichelte ich noch einmal mit der Hand über das dunkle Lockenköpfchen und wandte mich zum Gehen – meine Schritte schwankten . Was mein Herz in diesem Augenblicke empfand , war das Schwerste von allem , das kann nur ich ermessen . Als ich die Tür hinter mir schloß , hörte ich den Ruf : » Gretchen ! « und gleich darauf das heftige Weinen des Kindes . Mit aller Gewalt zog es mich wieder zurück . Ich kämpfte einen Moment schwer mit meinem Herzen , aber dann riß ich mich los und trat in das Zimmer des Barons . Er hatte einen Brief in der Hand und sein Gesicht in einem Tuche verborgen . Als er mich sah , trat er zu mir , und einen Blick auf mein schwarzes Kleid und mein verstörtes Gesicht werfend sagte er leise : » Ich weiß es schon , mein Kind – hast du irgendein Anliegen an mich ? « » Ich will ihn nur noch einmal sehen « , bat ich , » nur noch einmal . « » Er stand dir sehr nahe , Margarete , zuletzt ? « sagte er . » Er war mein Bräutigam ! « erwiderte ich leise . Der Baron zuckte zusammen , dann sagte er : » Du kannst mitfahren , ich habe bereits das Anspannen bestellt – warte einen Augenblick , ich will nur meiner Frau die Trauerkunde bringen . « » Sie weiß es schon « , bemerkte ich . » Weiß es schon ? Durch wen ? « » Durch mich . Ich brachte ihr das Kind ! « Das letzte klang wie ein Aufschrei und meine Hand fuhr nach dem Herzen . Der Baron strich liebkosend über mein Haar und eine Träne rann langsam über seine Wange , als er murmelte : » Armes , armes Kind ! « Kurze Zeit nachher rollten wir in eiliger Fahrt auf dem Wege nach G. Man hatte Mantel und Decken für mich in den Wagen gelegt , aber ich fror nicht , trotz der eisigen Kälte . Der Schmerz machte mich vollständig unempfindlich für alles . Wir fuhren vor dem stattlichen Hause vor , in welchem Wilhelm mit Ruth gewohnt hatte und nachher geblieben war . Friedel öffnete uns die Haustür , er sah ganz verweint aus , und in der Tat , als er mich erblickte , rannen die Tränen aufs neue aus seinen Augen . Er geleitete uns die Treppe hinan und fühlte uns in Wilhelms Zimmer . Der Baron fragte , wo die Leiche sei ; Friedel deutete auf eine Tür und flüsterte : » Dort nebenan . « » Bleib hier , Gretchen « , sagte der Baron , » ich werde erst nachsehen , wie es dort aussieht . « Er ging , begleitet vom Diener . Ich schaute umher in seinem Zimmer , dort lag noch alles , so wie er es gestern gesund und frisch verlassen – um als Toter heimzukehren . Unter dem Spiegel tickte die große Uhr , auf dem Tische lagen Handschuhe , Bücher , Zeitungen . Der Sessel vor dem Schreibtisch war zur Seite geschoben , als wäre er eben aufgestanden , um Friedel einen Brief für mich in die Hand zu geben . Ich nahm die Feder vom Tintenfaß , die seine Hand erst gestern noch gehalten . Ach , war es denn Wirklichkeit ? Hatte er mich verlassen für immer ? Ein wilder Schmerz bäumte sich auf in meinem gepeinigten Gemüte . – Was hatte ich getan , daß Gott mich so furchtbar strafte ? Warum mußte ich leben mit dieser Qual ? Warum lag ich nicht auch kalt und starr neben ihm da drinnen ? – Da öffnete sich die Tür und Friedel trat herein . » Nun können Sie kommen , Fräulein Gretchen « , sagte er leise und schob die Vorhänge zurück . Ich folgte ihm schwankend . In dem völlig leeren Zimmer hatte man ihn aufgebahrt , es war einst der Salon des Hauses gewesen , aber die scheidende Frau hatte seine luxuriöse Einrichtung mit fortgenommen . Nur die prächtigen , roten seidenen Vorhänge vor den Fenstern waren geblieben , und durch sie fiel ein rosiger Schein auf das bleiche , stille Angesicht vor mir im Sarge , es wie mit einem Schimmer des Lebens überhauchend . Wortlos stand ich an dem Sarge und sah hinab auf mein gestorbenes Glück . Die Gedanken , die damals in mir tobten , Gott mag mir verzeihen , demütig waren sie nicht . Es war ein Auflehnen gegen das unerbittliche , rauhe Schicksal , und doch , wie machtlos kämpfte das arme Herz dagegen ! Friedel weinte immer noch . » Ach , Fräulein « , sagte er endlich , » ich wollte , es käme eine Träne in Ihre Augen ! Sie sehen so schrecklich blaß , so finster aus . Weinen Sie doch , lassen Sie eine Träne in den Sarg fallen . Er hat ja keine Ruh ' im Grabe , wenn die nicht um ihn weinen , die ihn geliebt haben