. Wartete sie , um ein besonders starkes Wort , eine ihr gewichtigste Frage noch zuallerletzt hineinzuwerfen ? Was ging in ihr vor ? Aufrecht saß sie und sah zuweilen Doktor Marya Möller an und zuweilen ihre Mutter - es schien , als miede sie Allerts Blick . Und ihre Mutter , die Senatorin , erhitzt , nervös , mit einer Haltung , die beinahe etwas gewaltsam Stolzes hatte , hing mit ihren Blicken am Gesicht der Tochter . - Sie hatte keine Zeit gefunden , ehe sie zornig das Vorstandszimmer verließ , der Tochter zuzuraunen : Beteilige Dich um Gottes willen nicht an der Debatte ! Und nun zitterte sie in Erinnerung daran , daß sie noch auf der Herfahrt ermutigt hatte : Beteilige Dich nur jedenfalls an der Debatte ; es ist die beste Gelegenheit , mal zu versuchen , ob man öffentlich sprechen kann . Wie hatte sie auch ahnen können ... Ihr war ja gerade , als sei dies alles eine Karikatur dessen , was sie gedacht und gewollt . Und wie anders hörte sich das alles in der schrecklichen Oeffentlichkeit an ... Und immer sah sie ihren vornehmen , maßvollen Gatten ... Wenn sie sich vor dem blamiert fühlen müßte ! Wenn er ihr Vorwürfe machte ! - - Die Demütigung zerbräche ihr Leben . Sie wollte , sie mußte vor ihrem Manne die kluge , taktvolle , ungewöhnliche Frau bleiben . Die Atmosphäre der Hochachtung , in der sie lebten , hatte ihnen ja - unbewußt - das Glück der Herzen ersetzt . Sie fühlte : ging des Gatten Hochachtung in die Brüche , setzte sie sich seinem Tadel , seinem Lächeln aus , so würde sie aus aller Harmonie kommen . Und wie war das noch zu verhüten ... Die Oeffentlichkeit war ja plötzlich in ihr Dasein gekommen , hatte ihre Bestrebungen mit in den großen Strom der sogenannten Frauenbewegung gerissen . Wie noch vorbeugen ? ... Plötzlich zuckte ein sehr kluger Gedanke durch ihr Hirn : Ja , vorbeugen , indem man bekennt , so hatte ich ' s nicht gewollt . Diese Geister dacht ' ich nicht zu rufen . - Vorerst tat dieser kluge Gedanke noch weh . Aber er ließ sie nicht los . Wie bleiern die Minuten schlichen ! Hörten denn diese plumpen Fragen gar nicht auf ? Nun schleuderte wieder eine Stimme diese Worte in den Saal : » Könnte nicht eine Statistik versucht werden über die Zahl der Mädchen , die aus Mangel an sexueller Aufklärung fielen ? « Daran schloß sich eine weitere Debatte . Wenn Marieluis nun doch noch das Wort nähme ? Die Senatorin hatte eine jähe Erkenntnis : das ertrüge Allert nicht . Da saß er - vielleicht auch gespannt - vielleicht gar schon abgekühlt . Und sie vermochte ihre Begierde nicht zu bezwingen : rasch sah sie schräg zurück . Sie sah den Mann , sein vor Erregung scharfes und bleiches Gesicht . Die Blicke der beiden Mütter trafen sich , und beinahe - ja beinahe wäre das Ungeheuerliche geschehen : die Senatorin mußte ihre äußerste Selbstbeherrschung aufbringen , um einen nervösen Tränenausbruch niederzuzwingen . Und Marieluis saß da oben , in der beherrschten , verschlossenen Haltung , die ihrer Art gemäß war und die Erziehung ihr gefestigt hatte von Jugend an . Sie konnte der Mutter kein Zeichen geben - sie konnte nicht in ihre Blicke legen , was in ihr aufflammte . Vor Hunderten von Zuschauern saß sie ja , und jede Geste wäre ihr schon wie eine Mitteilung an die Oeffentlichkeit vorgekommen ; an diese furchtbare Oeffentlichkeit , die sich ihr zum erstenmal in ihrem Leben offenbarte . Und sie begriff , wie in ihrer grellen Helligkeit , in ihrer unwillkürlichen Schamlosigkeit , in ihrer krassen Genauigkeit , in ihrem unabgetönten Lärm sich alles ganz anders darstellte , als man es in stiller Wirksamkeit gedacht . Der Unterschied zwischen dem gelesenen oder vertraut gesprochenen Wort und dem fanatisch hinausgeschrienen ging ihr auf ... Mit Erstaunen hörte sie schon vorhin , daß dieses fremde , geschmacklose Mannweib sich gegen die Bitten und Ratschläge ihrer Mutter wendete - das hatte Marieluis noch nie gehört , daß jemand sich erlaubte , einer Ansicht ihrer Mutter in dieser Art zu trotzen - die schlechte Form verletzte sie . Sie dachte : vielleicht hat Doktor Marya Möller recht , aber sie müßte Mama nicht so niederschreien . Es war ja nur eine Aeußerlichkeit . Aber das stimmte die zitternde Erwartung auf den Vortrag so herab . Und tief in ihrem Herzen war ein heißer Wunsch gewesen ... Der würdige , ernste , sittlich erhebende , begeisternde Verlauf dieses Abends sollte den einen bekehren , ohne den sie sich doch keine Zukunft mehr denken konnte . Diese Stunden sollten ihn zu ihrem Mitarbeiter machen . Und aus dieser Hoffnung heraus hatte sie kein Wort auf seinen Veilchengruß und seine beschwörenden Zeilen geantwortet . Sie küßte die Veilchen , sie war glückselig mit den zarten kleinen Blumen , die von ihm kamen . Und sie hoffte . Und als sie ihn sah , drunten , zwischen den vielen , vielen Frauen er einer der wenigen Männer , da grüßte ihn ihr Auge , und ihre Blicke glänzten . Noch hoffte sie , trotzdem dies Vorspiel so beklemmend gewirkt hatte und all ihr Taktgefühl litt , weil eine Plumpe ihre stolze Mutter niederzankte . Dann begann der Vortrag , und die scharfen , starken Worte , in ihrem verwirrenden Durcheinander von gerechten Klagen und ungerechten Anklagen , schnitten wie Schwerter durch die Luft ... Und was das allerrätselhafteste war : Ansichten , Sätze , Ausdrücke , die sie selbst sich erworben , nachgesprochen , unbedenklich gebraucht hatte , nahmen einen ganz andern Sinn und Klang an , nun da alles aus dem Munde der fanatischen Frau wie durch Glut gegangen und umloht kam . Und all dies hörte auch er . Klang ihm nicht ihre Stimme aus den Reden dieser Frau ? Der Gedanke ließ Marieluis