Zur Abendburg bin ich wieder gelangt . Den Sommer über war mein Fuß heil geworden , und nach treuherzigem Abschied von meinen Pflegern hatte ich mich auf die Suche nach Theklas Spur begeben . Da bei vergeblichem Kreuz- und Querreisen mein Pferd verunglückt , mein Geld aber zur Neige gegangen war , litt ich Hunger und konnte das abgerissene Gewand und Schuhwerk nicht durch besseres ersetzen . Statt der Stiefel Lappen an den Füßen , war ich vom Wandern bis zur Verzweiflung erschöpft . Durfte auch noch keine Stunde davor sicher sein , streifenden Parteien in die Hände zu fallen . Als Ende Septembris endlich das Schlesische Gebirge ferne blaute , begegnete mir ein invalider Soldat , dem in der Breitenfelder Schlacht ein Hieb den rechten Arm gelähmt hatte . Von diesem Menschen ward mir wichtige Kunde . Als Rittmeister im Regiment Kronenberg habe Zetteritz die Breitenfelder Schlacht mitgemacht , und in einem Bleihagel , mit dem die schwedischen Musketiere die kaiserlichen Reiter überschüttet hätten , sei er vom Pferde gesunken . Der Invalide schwur mit heiligem Eide , er habe das mit eigenen Augen gesehen . Von Thekla wußte er nichts . Obwohl nun ihr Geschick ganz ungewiß , schöpfte ich neue Hoffnung . Je näher ich dem Gebirge kam , desto lebhafter bildete ich mir ein , Thekla werde mich im Häusel des Oheims umhalsen . Hatte sie durch den Tod des Zetteritz ihre Freiheit wiedererlangt , so würde sie mich in Schreiberhau suchen . Wie ich aber beim Oheim anlangte , hatte mich die Hoffnung betrogen . Trostlose Zeiten kamen . Wenn der Novembersturm die Nacht durchheulte und am Dache rüttelte , daß die Balken krachten , so lag ich schlaflos und sahe Thekla im Elend irren oder fühlte mich vom Geiste der Verstorbenen umwittert . Wochenlang staken die Schreiberhauer Hütten so tief im Schnee , daß Nachbarn kaum einander besuchen konnten . Öde und traurig war auch dem Oheim und der alten Beate zumute , da sie mich dem Trübsinn nachhängen sahen . Einen Hauch von Frieden fand ich in Büchern geistlichen Inhalts . Von alchymistischen Arbeiten , zu denen mich der Oheim gern gebracht hätte , mochte ich nichts wissen . Wie endlich der Schnee schmolz , konnte ich mich neuer Hoffnung nicht erwehren , wiewohl ich ihr nicht traute . Ich hielt es nämlich für möglich , daß Thekla , durch den Winter am Reisen verhindert , im Frühjahr nach Schreiberhau kommen werde . Doch April und Mai vergingen , und es erschien keine Thekla , auch keine Nachricht von ihr . Längst hatte mich die Sehnsucht angewandelt , auf der Abendburg zu hausen . Menschenscheu war ich , hätte am liebsten selbst den Oheim und Beaten gemieden . Vollends im Frühjahr beunruhigte mich das Schreiberhauer Leben ; denn es brachte schier täglich Gerüchte von jener schlimmen Welt , die mir abscheulich geworden . Nichts sehen und hören mochte ich von Kriegszügen und Gefechten , Sengen und Plündern und von den teuflischen Quälgeistern , so in Hirschberg und anderen Orten längs des Gebirges quartierten . Machte mich also bei Sommeranfang nach der Abendburg auf , mir dorten ein Gehäus herzurichten . Der Oheim half mir , hatte mir auch jene Summe Geldes eingehändigt , die ich vor der Reise nach Magdeburg bei ihm gelassen . Wir brachten die Grotte in wohnlichen Zustand , vergrößerten den Eingang und schlossen ihn durch eine starke Tür . Einen Steinwurf unterhalb des Felsens fand sich eine Quelle , zu ihr machten wir einen Stufengang hinunter . Um den Abendburgfelsen herum fällten wir in beträchtlichem Umkreise die Bäume , weil wir eine Balkenhütte bauen und zugleich Weideland für ein paar Ziegen gewinnen wollten . Die Balkenhütte wurde derart an den Felsen angelehnt , daß sie einen Vorraum der Grotte bildete . Aus Steinen errichteten wir daneben einen Ziegenstall . Die Grotte sollte als Küche und Werkstatt dienen . Um den Rauch aus ihr abzuleiten , brachen wir einen Spalt in die Decke , schmal genung , daß kein Raubtier hindurchschlüpfen konnte , zumal ein paar Eisenstangen quer angebracht waren . Den Herbst verwendeten wir zum Sammeln von Blaubeeren und Pilzen , die für den Winter getrocknet wurden . Auch einen Vorrat von Mehl , Speck und Schinken , hartem Käse und Beerensaft legte ich mir an . Meine Balkenhütte war in traulichem Zustande , als Tobias von mir gegangen , und ich nun allein hausete . Die Fugen zwischen den Balken verschloß Moos , das Fensterlein hatte kleine Glasscheiben und war von außen durch Eisenstäbe vergittert ; aus Stein war der Ofen gemauert , der gut heizte . Auf einem Simse stunden Näpfe , Teller , Kannen und Becher . Unter dem Fenster war ein Tisch mit einem Stuhle , am Ofen die Bank . Ich hatte auch etliche gute Bücher auf einem Gestell . Neben der Tür hingen mein Jagdrohr , mein Säbel und ein Pistol . In der Ecke lehnte der Spieß . Zween starke Schäferhunde hauseten bei mir . Wenn mich der eine auf meinen Waldwegen begleitete , so blieb der andere daheim und war so abgerichtet , daß er zuverlässig meine Hütte und den Ziegenstall bewachte . Der Trost , den ich in früheren Jahren inbrünstig ersehnt und damals nirgends gefunden hatte , begann mich nun zu segnen , zumal bis in den November hinein die Sonnenstrahlen , selten nur durch Wolken zurückgehalten , gülden und warm rings auf die Berghäupter niederfluteten . Das kostbarste Gerät meines Heims war eine Harfe . An Thekla gemahnte sie mich , und es war mir Erquickung , mein Leiden und Sehnen in holden Klängen vom Herzen zu strömen . Täglich übte ich das Schlagen der Saiten und sang dazu Lieder , die ich selbst ersonnen , und es kamen Zeiten , da Verse aus mir sprossen wie Blüten am Frühlingsbaum . Bei solch einsamem Hausen trank meine Seele den Bergfrieden und ward immer stiller . Zuweilen freilich fiel mich Unrast an , und es nagte der Gram am