völlig vertrauen . Als gäbe es nicht Tod , Armut , treuloses Verlassen . Als liebte ich sie so , wie sie es verdient ! Und wieder erschrak er . Lieb ich sie denn weniger ? Darf sie mir denn nicht vertrauen ? Wenn ich dort oben auf der Bank am Waldesrand sitze , quillt manchmal soviel Zärtlichkeit in mir auf , daß ich vergehen möchte . Warum spür ich jetzt so wenig davon ? Er stand nur wenige Schritte entfernt , sah , wie sie verteilte ; dann , wie sie ins Dunkel hineinstarrte , aus dem er kommen mußte , und wie ihre Augen zu leuchten begannen , als er plötzlich ins Licht trat . Einzig Geliebte ! dachte er . Wie er dann bei den andern saß , sagte Anna : » Du hast ja mit dem Doktor eine so lange Konferenz gehabt . « » Keine Konferenz , wir haben geplaudert . Auch von seinem Sohn hat er mir erzählt , der bald wieder zurückkommt . « Heinrich fragte nach Berthold . Der junge Mann interessierte ihn , und er hoffte sehr , ihn im nächsten Winter kennen zu lernen . Die Rede voriges Jahr über den Fall Therese Golowski und dann der offene Brief an seine Wähler , in dem er die Gründe seines Rücktrittes dargelegt hatte , das waren Leistungen hohen Ranges gewesen ... Ja und mehr als das Dokumente der Zeit . Über Annas Antlitz flog ein leichtes , beinahe stolzes Lächeln . Sie sah auf ihren Teller nieder und dann rasch zu Georg auf . Auch Georg lächelte . Keine Spur von Eifersucht regte sich in ihm . Ob Berthold ahnte ... ? Gewiß . Ob er litt ? ... Wahrscheinlich . Ob er Anna verzeihen könnte ? Daß man da erst verzeihen mußte ! Wie dumm . Ein Gericht Schwämme wurde aufgetragen , bei dessen Erscheinen Heinrich die Frage nicht unterlassen konnte , ob sie etwa giftig wären . Georg lachte . » Sie brauchen mich nicht zu verhöhnen « , sagte Heinrich . » Wenn ich mich umbringen wollte , würde ich weder vergiftete Schwämme , noch verdorbene Wurst , sondern ein edleres und rascheres Gift wählen . Man ist zuweilen lebensüberdrüssig , aber man ist nie gesundheitsüberdrüssig , selbst für die letzte Viertelstunde seiner Existenz . Und im übrigen ist die Ängstlichkeit eine ganz rechtmäßige , nur meistens schändlich verleugnete Tochter des Verstandes . Denn was heißt Ängstlichkeit ? Alle Möglichkeiten in Betracht ziehen , die aus einer Handlung erfolgen können , die schlimmen geradeso wie die guten . Und was ist Mut ? Ich meine natürlich den wirklichen , der viel seltener vorkommt , als man glaubt . Denn der affektierte , oder kommandierte , oder suggerierte Mut zählt doch nicht . Der echte Mut ist oft gewiß nichts anderes als der Ausdruck für eine sozusagen metaphysische Überzeugung von der eigenen Überflüssigkeit . « Du Jude , dachte Georg ohne Feindseligkeit , und dann : er hat vielleicht nicht so unrecht . Das Bier , von dem Anna nicht trank , schmeckte so gut , daß die Marie um einen zweiten Krug ins Wirtshaus geschickt wurde . Man kam in behagliche Stimmung . Georg erzählte wieder von der Reise : von den sonnenschweren Tagen in Lugano , von der Fahrt über den beschneiten Brenner , von der Wanderung durch die dächerlose Stadt , die nach zweitausendjähriger Nacht dem Licht entgegendrängte ; er beschwor den Augenblick wieder herauf , in dem sie dabei gewesen waren , er und Anna , als Arbeiter vorsichtig und mühevoll eine Säule aus der Asche herausschaufelten . Heinrich hatte Italien noch nicht gesehen . Im nächsten Frühjahr wollte er hin . Er erklärte , daß er sich manchmal in Sehnsucht verzehre , wenn auch nicht gerade nach Italien , doch nach Fremde , Ferne , Welt . Manchmal , wenn er vom Reisen sprechen hörte , bekäme er Herzklopfen wie ein Kind am Vorabend des Geburtstages . Er zweifelte , daß es ihm bestimmt war , sein Leben in der Heimat zu vollenden . Vielleicht auch , daß er nach jahrelangen Wanderungen zurückkehrte , in einem kleinen Haus auf dem Land den Frieden seiner spätern Mannesjahre fände . Wer weiß , es gäbe ja so seltsame Zufälle , ob ihm nicht bestimmt war , gerade in diesem Haus sein Dasein zu beschließen , in dem er nun eben zu Gaste sei und sich so wohl fühle , wie schon lange nicht . Anna bedankte sich , als wäre sie nicht nur hier in der Villa Hausfrau , sondern innerhalb dieser ganzen , abendlich-stillen Welt . Aus dem Dunkel des Gartens begann es milde zu leuchten . Von den Gräsern und Blumen kam feuchtwarmer Duft . Die längliche Wiese , die zum Gitter hinlief , schwebte im Mondenschein empor , und die weiße Bank unter dem Birnbaum schimmerte her , wie von sehr ferne . Anna sagte zu Heinrich Freundliches über die Verse aus dem Operntext , die Georg ihr neulich vorgelesen hatte . » Ja richtig « , bemerkte Georg , die Beine behaglich gekreuzt und eine Zigarre rauchend , » haben Sie uns etwas Neues mitgebracht ? « Heinrich schüttelte den Kopf . » Nein , nichts . « » Wie schade « , sagte Anna und machte den Vorschlag , Heinrich sollte doch den Gang der Handlung geordnet und ausführlich erzählen . Schon lange wünschte sie sich das . Aus Georgs Berichten ließe sich kein klares Bild gewinnen . Sie sahen einander an . Die dunkle , süße Stunde stieg vor ihnen auf , da sie Brust an Brust geruht in einem dunkeln Zimmer , vor dessen Fenstern hinter wallendem Schneevorhang eine graue Kirche verdämmert und in das Orgeltöne dumpf geklungen waren . Ja , nun wußten sie , wo das Haus stand , in dem das Kind zur Welt kommen sollte . Auch ein anderes , dachte Georg , steht vielleicht schon irgendwo , in dem das Kind , das heute