ward ihm bange ; das Schweigen des riesigen Raumes strömte bis in seine Brust . Und wie er nun in die Höhe blickte , sah er oben , durch ein geöffnetes Bogenfenster , wie die Sonne mit Macht die winterlichen Nebel zu gewältigen suchte . Da rötete sich sein bläßliches Gesicht zu schüchterner Freude , und das Schweigen in seiner Brust wandelte sich zu einer hinaufziehenden Verehrung . » O Sonne , « sagte er halblaut und mit einfältiger Inbrunst , » mach doch , daß alles nicht so ist , wie es ist . Mach es doch anders , Sonne . Du weißt ja , wie es ist ; du weißt ja , wer ich bin . Scheine nur , Sonne , daß meine Augen dich immer sehen können , immer wollen dich meine Augen sehen . « Indem er so sprach , flutete eine goldene Lichtwelle bis auf die kreidigweißen Fliesen , und Caspar , sehr zufrieden , meinte , die Sonne hätte ihm damit auf ihre Weise eine Antwort erteilt . Man erfährt einiges über Herrn Quandt sowie über eine vorläufig noch ungenannte Dame Die Übersiedlung Caspars ins Lehrerhaus fand ohne Zwischenfälle statt . » Nun wohlan denn , « sagte Quandt während der ersten gemeinsamen Mahlzeit , als die Suppenschüssel aufgetragen wurde , » jetzt beginnt für Sie ein neues Leben , Hauser . Hoffentlich ist es ein Leben der Gottesfurcht und des Fleißes . Wenn wir uns lobenswert betätigen und in unsern Gedanken nicht den Schöpfer aller Dinge vergessen , wird unser irdisches Bemühen stets von Erfolg gekrönt sein . « Nach Tisch mußte Quandt zur Schule , und als er um vier Uhr zurückkam , erkundigte er sich beflissen , was Caspar die Zeit über getrieben habe . Seine Frau konnte ihm nur ungenügenden Bescheid geben , und er tadelte sie deshalb . » Wir müssen aufpassen , liebe Jette , « sagte er , » wir müssen die Augen offen halten . « In der Tat , Quandt paßte auf . Wie ein emsiger Buchhalter legte er in seinem Innern ein Konto an , um alle Worte und Handlungen seines Pflegebefohlenen zu verzeichnen . Bei dieser umsichtigen Geschäftsführung stellte es sich bald heraus , daß Soll und Haben einander nicht die Wage hielten , daß die Schuldseite nach und nach bedenklich überlastet wurde . Das betrübte den Lehrer aufrichtig ; jedoch gab es ein geheimes Winkelchen in seiner Brust , worin er sich dessen freute . Es war nämlich mit diesem Manne derart beschaffen , daß er in einer merkwürdigen Zweiheit existierte . Der eine Teil war die öffentliche Person , der Bürger , der Steuerzahler , der Kollege , das Familienhaupt , der Patriot ; der andre Teil war sozusagen der Quandt an sich . Jener war ein Heros der Tugend , eine wahre Mustersammlung von Tugenden ; dieser lag versteckt in einer stillen Ecke und belauerte die liebe Gotteswelt . Die öffentliche Person , der Bürger , der Patriot nahm herzlichen Anteil an den allgemeinen Angelegenheiten , wohingegen der Quandt an sich vergnügt die Hände rieb , wenn irgendwo irgendwas passierte : sei es nun ein unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die Kaltstellung eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskassa oder ein Radschaden an der Postkutsche oder eine kleine Feuersbrunst beim reichen Bauern Soundso oder die skandalöse Heirat der Gräfin Ypsilon mit ihrem Stallburschen . So unverbrüchlich der Steuerzahler , das Familienhaupt , der Kollege seinen Pflichten nachkam , der Quandt an sich hatte etwas von einem Revolutionär und war immer auf dem Posten , um der Weltregierung auf die Finger zu schauen , und stets besorgt , daß keinem mehr Ehre geschah , als er nach genauer Bilanz über seine Verdienste und Mängel , seine Vorzüge und Laster füglich beanspruchen durfte . Der öffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los , der geheime fand sich allerorten und zu jeder Zeit zurückgesetzt , beleidigt , vor den Kopf gestoßen und in seinen vornehmsten Rechten gekränkt . Nun sollte man denken , mit zwei so verschieden gesinnten Kostgängern unter einem Dach sei schwer zu wirtschaften . Nichtsdestoweniger kamen die beiden Quandts trefflich nebeneinander aus . Freilich , der Neid ist ein boshaftes Tier ; er durchlöcherte manchmal die Scheidewand zwischen den zwei Seelen , und wie oft der stärkste Damm nicht genügt , um eine verheerende Überschwemmung zu verhindern , so brach eben dieser Neid bisweilen ein in die reinlichen , fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde des Gottes-und Menschenfreundes Quandt . Und was gab es doch nicht alles in der Welt , worüber das tückische Untier sich gefräßig hermachen konnte ! Da hatte einer einen Orden bekommen , der das ganze Leben lang hinterm Ofen hockte und Maulaffen feilhielt ; dort hatte ein andrer zehntausend Taler geerbt , der schon ohnehin die Woche zweimal Pasteten aß und Moselwein trank ; da wurde ein Name lobend in der Zeitung erwähnt , ohne daß man erforschen konnte , ob ihm eine solche Auszeichnung von Rechts wegen zukam ; dort hatte ein Ichweißnichtwer eine Entdeckung gemacht , auf die man , hätte man sich zufällig mit dem Gegenstand beschäftigt , leichterdings auch hätte verfallen können . Warum denn der ? Warum nicht ich ? murrte dann der heimlich aufrührerische Quandt . Es war ein beständiger und unsichtbarer Zweikampf mit dem Schicksal unter der Parole : Warum der andre , warum nicht ich ? Vielleicht litt der gute Quandt unter seiner Abstammung ; sein Vater war Pastor gewesen , mütterlicherseits kam er von Bauern her . Er besaß viel vom Bauern und vom Pastor : sein sehr irdisches Streben war rundherum mit Theologie behangen . Dabei war der Bauer dem Pastor beständig im Wege , denn wo hätte man je gehört , daß ein auf Religion und Friedfertigkeit gestimmtes Gemüt rachsüchtig , mißgünstig und ehrgeizig gewesen wäre ? Die Wahrheit liebte Quandt über alles ; er sagte es , er beteuerte es und es war auch so . Nichts war ihm offenbar genug