. Etwas war damals Erfüllung gewesen , redete es in ihm , und war doch nicht erlöst worden . Johannas Wesen wehte wie eine treibende Minne mit langen Flören um ihn . Wie ein dunkler , unheimlicher Nachtvogel , wie eine grenzenlose Schwermut . Daß Einharts Herz sich wie im Krampfe zerpreßte , und er unversehens wie gescheucht vom Fenster zurücksprang , von dem schwarzen Flügelaste der Weymutskiefer angerührt , der zufällig gegen das Fenster griff . Oh ! Daß er jetzt wußte , warum sich seine Seele in der dunklen Nacht ganz vereinsamt und tief versunken zu härmen begonnen . Jene Frau in Flören war nicht Johanna . Johanna war eine Sanfte , eine zärtliche Blüte , eine Ahnungslose , eine kleine , liebende Seele , eine , in der im Wunder des eigenen Daseins die Goldsäume der Liebe flüchtig um die Dinge gegangen . Die nichts gewollt , als eine andere Seele suchen und finden , und nichts begehrte aus ihrer eigenen Brunnentiefe . Johanna war wie ein kleiner Lerchenvogel ins Blaue emporgeschnellt , hatte beglückt auf einem Himmelsflecke stillgestanden , in jedem Morgen neu die Welt lieblich besingend . Und doch auch mit der heimlichen Wunde , die wer weiß welche Sehnsucht der Seele eingebrannt . Aber das Bild Johannas stand gar nicht vor Einharts Augen . Verena hieß die Frau in schwarzen Flören . Verena zog in der Nacht über die Baumhäupter . Zog in der Reifkälte wie eine dunkle Trauer hin . Zog jetzt in tiefer Stummheit in ihren weiten Mantel gehüllt . Trug eine Seele hin . Trug und herzte sie , wie eine Mutter ein Kindlein herzt . Trug eines Mannes enttäuschte Seele klagend empor an ihrer Brust . Einhart war von der Vision völlig erregt und erschüttert . Jetzt begann er zu fühlen , daß sein Herz eines weichen Mantels bedurfte , darein man es hülle , damit es noch einmal rätselgebunden und selig gleichermaßen emporschwebe . Damit es noch einmal ganz aus der Tiefe neu zu leben beginne . Einhart war so hingenommen von dem aufquellenden Verlangen nach dieser Vision , daß er die Augen wie im Fieber weit aufgerissen , daß er wie im Traumschrecken beinahe laut gerufen hätte , daß er sich sehnte , wie ein Wahnwitziger , wie ein Hungernder , und in einem wahren Herztumulte dastand . Er war dann ganz erwacht . Er war langsam zu sich gekommen und lächelte . Es waren alles nur Gänge der eigenen Traumerregung , die mit dem wunderlichen Tiefklang kamen und gingen . Draußen lag die Nacht noch immer stumm . Es lockte ihn sich zu kühlen . Er ging durch die matterleuchteten Korridore und ließ sich von einem wachenden Diener das große Schloßportal auftun , um in den blassen Nachtschein zu treten . So ging er hin . Im Teiche tanzte ein Stern in den Kräuselungen , die ein kaum spürbarer Hauch auftrieb . Die Schwäne wie kaum sichtbare , graue Schemen strichen heran und quiekten leise klagend . Einhart hatte die Düsternis von sich getan . Er ging sichern Schrittes und hörte seine knirschenden Tritte . Und lief im weiten Bogen des grauen Kiesweges hin , bis wo noch im Abendschein Verena gesessen . Auf der Terrasse stand noch der Stuhl , und lag ein dunkles Spitzentuch über seiner Lehne . Offenbar hatte es Verena vergessen . Es duftete wie ein Hauch von ihrem Leben . Und wie eine fremde Blume schien ihren Atem in die Nacht zu geben . Einhart hatte sich in einer leidenschaftlichen Vertiefung in den Stuhl niedergesetzt , worauf er am Nachmittage Verena gegenüber gesessen . Nun saß er und saß . Er kämpfte vergeblich gegen seine Gesichte . Kämpfte vergeblich gegen die wache Inbrunst seiner Träume ... Ein Wächter , der im Morgengrauen an der Terrasse beobachtend vorüberging , fand dann Einhart dort in dem großen Korbstuhl ganz erstarrt eingeschlafen . Wie ein Hund seinem Herrn auf der Spur folgt und auf seinem Grabe sich zu Tode verzehrt nach seiner Seele und verhungert , so war es über Einhart gekommen . Daß er erst im Morgenlichte alles ganz vergaß , als er sich endlich in seinem Bette befand , einige Stunden ruhig eingeschlafen und von weiten Ebenen träumend , darin er mit irgend einer fremden Frau hinschritt . 8 Einhart war am andern Tage ganz frei und froh . Er war heiter und bereit zur Wanderung im Parke und zu Fahrten in die Meierhöfe . Und war ein bevorzugter Gast im Schlosse . Daß er Nachtgespenster gesehen , das hatte sein Blut im Lichte noch vollends vergessen . Er war am Morgen vom Kammerdiener rechtzeitig geweckt worden . Und man vergnügte sich erst eine Weile im Anschauen einiger Kunstblätter in der Bibliothek , ehe man in ein kleines Gehölz hinausgefahren , wo auch schließlich die Diener auf weißen Tüchern am Waldboden das Frühstück aufgestellt , und wo man im Kreise darumgesessen , viel geplaudert und gelacht hatte . Und Tage gingen dann in solchem Behagen hin und in der Fülle Freiheit , die unter allen Menschen hier herrschte . Das Schloß der Gräfin Schleh lag ein wenig entfernt von den zahlreichen Gutsgebäuden auf einem kleinen Hügel mitten in dem uralten Parke . Die blaue Flagge Derer von Schleh wehte hoch vom Turme in die Lande . Um den Park dehnten sich nach einer Seite die Weiden . Einhart durchschritt oft einsam die stillen Schattengänge des Parkes , durchbrach Büsche und herbstbunte Dickichte und Dornen , die den Park am äußersten Ende eingrenzten , sprang über Hürde und Graben und stand dann unversehens in der weiten , schweigenden Flur . Hier war es , wo er zum ersten Male in die Ferne sah . Hier war es , daß er plötzlich wie nie im Leben seines Blutes uralte Triebe in einer schier grenzenlosen , verhallenden Einsamkeit in der Stille der Steppe vernahm , wie einer ganzen , weiten , unermessenen Grasflur tiefste Sehnsucht selber . Hier stand er und fühlte seinen Atem aus tiefster