sie fühlte seine Gegenwart hier so deutlich , daß Schauer auf Schauer sie überrann . » Sie müssen dann einmal seine Briefe lesen , « sagte Rudolf , und ein zärtlicher Jubel war in seiner Stimme , » wenn Sie wieder kommen . Sie nehmen auch schon teil an ihm , ich fühl es . Ach ja , gewiß , Sie lieben ihn auch schon . « » Ich liebe ihn , « erwiderte Josefine , und wieder fühlte sie den Blumenregen leise und duftend über sich herunterfallen , und sie schloß die Augen und lächelte : was für ein schöner Traum . Eine kleine Weile stand sie noch an Rudolfs Bett , der fest ihre Hände hielt . » Sie werden die Kinder retten , « sagte er . » Oh , dank Ihnen ! Schönes haben Sie mir gebracht , Unverlierbares . So dankbar lassen Sie mich zurück , so beruhigt . Ich vertraue auf Sie für die armen Bübli ! Und noch etwas ... Als Sie weinten , zuvor , da fand ich kein Wort . Zu tief - litt ich - mit Ihnen . Nun ist mir eins eingefallen , und ich bitte , nehmen Sie es mit . Es ist aus dem Augustinus : Ein Sohn solcher Tränen kann unmöglich verloren gehen ! Gott segne Sie ! Gedenken Sie daran : Ein Sohn solcher Tränen kann unmöglich verloren gehen ! Gott segne Sie und segne alles , was Sie tun ! « Von Segenswünschen und Abschiedsgrüßen umflattert , von der alten Frau noch geleitet , trat Josefine auf die Dorfstraße hinaus . » Kommen Sie wieder zu uns ! Kommen Sie wieder ! « bat die Frau mit den ausgeweinten Augen , und ihre Hände wollten Josefines nicht loslassen . Und als sie endlich fortgegangen war , die Straße hinab , sah sie noch immer die alte Frau stehen im blauen Kattunjäckchen , wie sie die Augen mit der Hand schützte und ihr nachblickte . Im warmen Frühlingssonnenschein , der breit auf der stillen Dorfstraße lag , ging sie mit schwingendem Schritt entlang . Es war ihr wunderbar froh zu Mut , und je weiter sie ging , umsomehr vertiefte sich dies ganz neue Wohlgefühl . Ist die Welt so schön ? Ist das Leben so reich ? Und diese Erde , die von neuen Kräften bebt , ist dies mein Boden ? mein Wohnort ? mein Aufenthalt ? Aber das ist ja alles so reizend , so traumschön , so jung , so nie gesehen ! Wo bin ich denn ? Sie schritt über das Brückchen und sah das glatte grüne Wasser ziehen , mit Goldfunken überstreut . Sie schritt querfeldein und sah mit trunkenen Blicken das Sonnenglitzern auf der jungen grünen Saat , auf der kein Schneestäubchen mehr lag . Alles funkelte und blitzte und leuchtete , und ihr Herz schlug ungestüm , und immer schneller wurden ihre Schritte . Erneuerung ! fühlte sie , und das Wort durchzuckte sie wie ein belebender Kuß . Wiedergeburt ! fühlte sie , und es schien ihr , daß sie emporsteige aus einem dunklen Grabe , mit zitternden Augenlidern , mit ängstlich an den Leib geschlossenen Armen . Empor , empor , in die frischen , veilchenduftenden Frühlingslande , mit der Sonne über dem Scheitel und mit Freundesrufen von allen Seiten ! Hier ist meine Welt , fühlte sie , hier sind die Meinen ! Hier , diesen gehöre ich - endlich , endlich habe ich gefunden . » Hovannes , « sagte sie vor sich hin , und ihre Lippen küßten seinen Namen , und ihr Herz stürmte , daß sie gesagt , dort gesagt : » ich liebe ihn . « » Ja ! ja ! In Ewigkeit ! In Ewigkeit ! Er lebt , und Gott ist mächtig in ihm , « widerhallten in ihr Rudolfs Worte , und auch ihre Hände falteten sich . In ihm liebe ich das Leben , oh , welcher Reichtum , welche Fülle , wie unerschöpflich reich bin ich selbst ! Ja , ich lebe , ich lebe wirklich . Ich habe gekämpft , ich habe gefühlt , ich habe gedacht , ich habe teilgehabt an den Gedanken meiner Zeit , ich bin ein Mensch ! Aber wo war meine Hoffnung ? Hatte ich eine Hoffnung ? War nicht alles nur Arbeit , Arbeit , Arbeit , Opium , um die Schmerzen zu betäuben , die Schmerzen und die Öde und die Hoffnungslosigkeit ? Aber nun - nun habe ich das heilige Land gesehen . Nun funkelt über mir der schöne Himmelsstern , und trostreich ist sein Glanz . Die große Güte - die ursprüngliche Schönheit der Menschennatur - sie ist Wahrheit , kein Traum - sie , sie allein ist Wahrheit , und einmal , einmal wird sie die Welt besitzen . Und eifrig und glücklich begann sie , während sie schneller und schneller durch die sprossenden Saaten schritt , überall in dem , was sie bis jetzt erlebt , in den Menschen , die sie gesehen , in dem gesamten Menschheitsausschnitt , der ihr bis jetzt zugänglich gewesen , das Gute zu suchen . Und - o Wunder - nun war es überall ! Ja , es schien schamhaft , es verbarg sein errötendes Antlitz , es schien fast , als ob die Menschen sich schämten , ihre Güte zu zeigen . Aber es war überall , und es herrschte im stillen und machte alles wieder gut . Aus dem Moder des Elends , des Unrechts , der Schmach brach es hervor in tausendfältigen Blüten , in allen Farben des Regenbogens . Selbst das , was am härtesten macht , Gewalt , Besitz , Dienst , bevorzugte Stellung , Wohlleben , war nur eine harte Rinde , aber gleichwohl durchdringlich für die Gewalt des Guten . Auch diese Rinde spaltete sich oft und oft , und auch aus diesen starren Stämmen brachen die zarten Blättchen , die freundlichen Blumen hervor . Als seien ihr plötzlich