ihre Tochter hierher kam und sich der meinen so sehr angeschlossen hat , weiß ich nicht . Die Scheidung , die Duellaffäre , die auf Bressers Tod folgende » Nervenkrankheit « : alles das sind Dinge , die einer so korrekten Frau wie Gräfin Ranegg gewiß Skrupel einflößen ; dagegen ist diese Frau doch auch wieder viel zu weitherzig , um etwa ihrer Tochter verbieten zu wollen , uns beide mit ihrer lieben Nähe zu trösten . Auch mir ist Cajetane eine wahre Aufrichtung . Ich liebe sie einfach . Und sie mich - das fühl ' ich genau . Wenn ich auch weiß , daß ich ihr nur per procura teuer bin , das tut nichts . Im Gegenteil : ich bin ihr dankbar für das , was sie für meinen Sohn empfindet . Ich kann mit ihr über seine Pläne sprechen - sie folgt mit liebevollstem Verständnis . Von ihm erscheint ihr alles erhaben und schön . Vielleicht würde sie , wenn er das Gegenteil von dem verträte , was er vertritt , dies ebenso bewundern - ich weiß es nicht ; aber es tut mir wohl , zu wissen , daß für meinen einsamen Rudolf ein so liebendes Herz schlägt ... Wer weiß , wenn ihn einst die Einsamkeit , die Heimlosigkeit drückt , so wird er - - Lachen Sie mich nicht aus , Kolnos , daß ich mich so als Heiratsstifterin entpuppe ... man kann nicht ungestraft so glücklich in der Ehe gewesen sein , wie ich es war - genug , dieser Brief ist ungebührlich lang geworden . Auf Wiedersehen - ich rechne auf Ihren Besuch . XXXIV Rudolf hatte sich von den Erschütterungen wieder erholt , die er durch den unliebsamen Wirtshausabend und wenige Tage darauf durch die unglücklichen Ereignisse im Hause Delnitzky erlitten hatte . Nun war seine Schwester wieder auf dem Wege der Genesung , und manche erhebende Eindrücke und Erfahrungen auf sozialem Gebiet hatten die deprimierenden Eindrücke jener Wiener Vorstadtepisode wett gemacht . Daß in einer Kampf- und Übergangsepoche , wie die , in der er lebte , zwei Weltanschauungen - mehr noch , zwei Weltordnungen miteinander ringen , an manchen Orten und durch einige Zeit die rückständige Sache Siege feiert , das darf einen , der auf der andern Seite kämpft , nicht entmutigen ; das darf ihn vor allem den Blick nicht trüben für die Siegesanzeichen im eigenen Lager . Es kommt nur darauf an , wohin man den aufmerksamen Blick wendet . Und in letzter Zeit hatte Rudolf Gelegenheit gesucht und gefunden , die lichtvollen Phasen der sozialen Entwicklung zu beobachten und sich mit den Dingen und Personen zu beschäftigen , die dem Eintritt einer neuen Ära vorarbeiten . Was auf der anderen Seite noch so stark vorherrscht : das Elend in den unteren Schichten - Unwissenheit und Lasterhaftigkeit - verteilt in allen Schichten , - - die aufgestachelten Verfolgungsgelüste der Nationen und Rassen , die Verherrlichung des Gewaltprinzips in den machthabenden Sphären - das alles übersah er nicht . Doch er fühlte darüber hinweg den Hauch des neuen Geistes . Des Geistes , der berufen war , diese Dinge zu überwinden . Sie gelten ja nicht mehr allgemein als unabänderliche Tatsachen , mit denen man sich abfinden muß , sondern als zu lösende Probleme und allenthalben waren Kräfte an der Arbeit , die Lösungen herbeizuführen . Bewußte Kräfte neben den unbewußten . Der alte Jammer war noch lange nicht gebannt , aber die Kulturmenschheit hat ihm sozusagen gekündigt , ihm das Dienstverhältnis aufgesagt . Was Rudolf am meisten anspornte und in gehobene Stimmung versetzte , war der persönliche Verkehr mit Gesinnungsgenossen . Darin fand er den positiven Trost , daß eine ganze Phalanx von Geistern demselben Ziele zusteuert , das er winken sah ; er war also kein vereinzelter Träumer , kein allzuverfrühter Herold . Schon lange hatte er mit den Führern der verschiedenen fortschreitenden Ideen in brieflichem Verkehr gestanden ; jetzt hatte er sie selber aufgesucht , um im lebendigem Gedanken- und Gefühlsaustausch mit ihnen die eigene Zuversicht zu stärken . Er war nach Berlin gefahren , um sich Moritz von Egidy vorzustellen , und hatte sich dort nicht nur an den öffentlichen - - von einer Zuhörerschaft von Tausenden bejubelten Vorträgen , sondern auch an dem intimen Umgang des herrlichen Menschen erlabt . Er eilte dann nach England . Das war nicht nur eine Wallfahrt zu Herbert Spencer , dessen Werke die Grundlagen zu seinem eigenen Denken gebildet , sondern dieses freieste Land Europas , mit seiner Immunität gegen den festländischen Militarismus , erschien ihm als der eigentliche Hort des Friedensgedankens , wie es ja tatsächlich , neben den Vereinigten Staaten Nordamerikas , die Wiege des Friedensgedankens ist . Wenn auch dort wie überall eine Jingopartei existierte und die großen Massen noch nicht von der Idee eines gesicherten Weltfriedens durchdrungen waren , so bot England damals die sonst nirgends existierende Tatsache , daß die Regierung - in der Person ihres zum viertenmal als solchen fungierenden Premier - das Prinzip des Völkerschiedsgerichts vertrat . Daß wenige Jahre später gerade in diesem Lande der Kriegsgeist am heftigsten aufflackern , die Gladstones Prinzipien gründlich abgeschworen würden - das sah Rudolf freilich nicht voraus . Auch zu dem » grand old man « wallfahrtete er . Als er ihn besuchte , war ein Freund des Meisters in dessen Arbeitszimmer anwesend : Unterhausmitglied Philip Stanhope - jüngerer Bruder Lord Chersterfields - auch ein Friedenskämpfer und Mitglied der Interparlamentarischen Union . Das Gespräch fiel auf die nächste Konferenz dieser Union , die in diesem Jahre - 1894 - im Saale der ersten Kammer der holländischen Generalstaaten zusammen treten sollte . » Ich habe meinem Freund Stanhope eine Mission für diese Konferenz gegeben , « sagte Gladstone . » Schon im Vorjahre , « fügte er hinzu , » habe ich im Parlament es ausgesprochen - anläßlich des Antrages Cremers und Sir John Lubbocks einen ständigen Schiedsgerichtsvertrag mit den Vereinigten Staaten abzuschließen . Ich habe den Antrag unterstützt ; habe aber