Wert . Deine Hanneh war das Beispiel , welches ich euch zeigen wollte . Du bist der Glaube ; der Kadi ist die Wissenschaft . Der Gläubige ist in inniger Liebe mit Gott verbunden ; er kennt ihn ; er lebt in ihm ; er wirkt durch ihn und mit ihm . Die Wissenschaft verlangt von Gott einen ausführlichen Urkundenbeweis ; sie sieht ihn nicht ; sie hört ihn nicht , sie fühlt ihn nicht , weil sie über das Irdische nicht hinüber kann , und dringt über die Mauer ja einmal ein Hauch des Himmels herein , dessen Ursprung der Gelehrte nicht zu erkennen vermag , so spricht er in seiner Verlegenheit von einer Wissenschaft des Verborgenen112 . Aber was ihm verborgen ist , das ist dem Gläubigen offenbar , denn mag die Wissenschaft behaupten , sie allein könne sehen , es giebt noch ganz andere Augen als die ihrigen , klare , helle , scharfe Augen , die nie und nimmer altern , die ohne Brille im kleinen Sonnenstäubchen und ohne Fernrohr in den unmeßbaren Welten das beglückende Wort der Offenbarung Gottes lesen . Wie viel solche Augen aber giebt es unter den Millionen Menschen , welche auf Erden wandeln ? Es sind seit dem Dasein eures Geschlechtes tausend Generationen gekommen und wieder gegangen ; der Glaube war für sie das Wort , welches er noch heut bei euch ist . Verschwindend nur ist die Zahl derer , für die er das ist , was er sein soll . Er wurde nicht geübt . Das Organ aber , welches man nicht übt , wird schwächer und immer schwächer ; in dieser Schwachheit vererbt und dann noch weniger beachtet , verschwindet es mehr und mehr , und endlich kommt ein Geschlecht , dem es gänzlich mangelt und fehlt . Die Wissenschaft , die Erkenntnis des Irdischen , wurde bevorzugt seit uralten Zeiten . Darum entwickelte sie sich mehr und mehr . Unzählig sind die , welche ihr dienten , welche sie nährten und pflegten in unausgesetzter Arbeit bei Tag und bei Nacht . So wuchs sie empor zur Riesin , welche hinaufgreift sogar nach den Sternen . Nun wird sie , die trotz dieser Größe von Mauern Umgebene , von ihren Jüngern noch höher gehalten als Gott ! Die Erkenntnis des Himmlischen fand nicht dieselbe Pflege , denn zu üben , was sie verlangte , das hielt man für zu schwer . Ja , Kinder Gottes gab es in Scharen ; aber die sich so nannten , die waren es nicht . Zuweilen wohl tauchte , hier oder dort , der lebendige Glaube auf ; dann ging auch sogleich eine Kraft von ihm aus , welche Ströme von Segen spendete . Doch kaum war er mächtig geworden , so machte man ihn wieder zum Worte , zum Wahlspruch für irdische Zwecke , zur blutigen Fahnendevise , die man von Schlacht zu Schlacht schleppte , bis er zusammenbrach . Der Wissenschaft gönnte man Frieden , obwohl sie dem Menschen die Werkzeuge des Kampfes verfertigte ; den Glauben aber , den friedlichen Sohn des Himmels , der die Liebe , die Versöhnung predigte , verwandelte man in das Zerrbild seiner selbst , kleidete ihn in das Gewand des Hasses und nahm ihn zum Vorwand des Kampfes bis auf den heutigen Tag . So hat man aus dem Worte Glaube , allerdings nicht aus ihm selbst , das Gegenteil gemacht von dem , was er ist und für die Menschheit sein soll , und schüttelt höhnisch lächelnd den Kopf , wenn jemand sich unterfängt , zu behaupten , er führe zur höchsten Erkenntnis und sei der einzige Weg zur Wahrheit . Aber der Allweise gab ewige Gesetze , die stetig bestehen und wirken , die nimmer aufhören , auch eure verehrten Kräfte und Stoffe zu lenken und zu beherrschen , und diese Gesetze verbürgen dem Glauben den einstigen Sieg . Nehmt euch nur seiner an , wie ihr euch der Wissenschaft angenommen habt ! Widmet ihm denselben Fleiß , dieselbe Arbeit und Thatkraft , die von jeher auf sie verwendet wurden , und ihr werdet sehr bald erkennen , daß er stärker und mächtiger ist als sie . Denn die Wissenschaft ist das Ergebnis nur menschlichen Strebens , der Glaube aber ist göttlichen Geschlechtes ; sie belehrt euch über das Wesen und die Wechselwirkungen der Stoffe ; er aber läßt euch Gott schauen und führt euch zur Gemeinschaft mit ihm . Denkt ja nicht , sie beherrsche mehr Gebiete als er ! Im unendlichen Reiche des Glaubens giebt es mehr Provinzen als in ihrem vergänglichen Bezirke ; nur liegen die ihrigen dem irdischen Sinne näher als die seinigen ; die ihrigen stehen in euern Büchern schon verzeichnet ; die seinigen sind noch zu entdecken . Wenn ihr an der Erforschung dieser himmlischen Gebiete in treuer Begeisterung arbeitet , so schärft ihr die seelischen Augen , welche bisher geschlossen waren ; es wächst ihre Uebung im Erkennen , und bald werden sie dann schauen , was jetzt für sie noch im Verborgenen liegt . Die Menschheit ist wohlgeübt in irdischen Dingen , aber in himmlischen nicht . Bindet einen eurer Füße herauf , fest an den Körper , und bewegt euch hinfort auf dem andern ; der gefesselte wird nach und nach steif , wird verdorren und euch schließlich seinen Dienst , wenn ihr ihn braucht , versagen . So humpelt und springt der Mensch jetzt einbeinig durchs Leben ; nur für den irdischen Wandel gerüstet , fehlt ihm für den Pfad zum Jenseits der Fuß . Darum übt euch im Gehen auf diesem himmlischen Wege ; er ist nicht so schwierig und eintönig , wie ihr meint ! Führt er auch anfangs über rauhe , steinige Strecken , so kommt ihr doch bald durch Gefilde , wie sie euch so herrlich der andere niemals kann bieten , und aufgehen wird euch dann weiter und mehr die erhabene , strahlende Pracht , die jenseits des Zweifels dem gläubigen Blick sich erschließt . Ihr