auch unter Lärm und Gepolter ; denn mit den richtigen Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der Gesellschaft verlorengegangen . Aber viel Feind , viel Ehr , und jede Stelle verlangt heutzutage ihren Mann von Worms , ihren Luther . Hier stehe ich . Am elendesten aber sind die paktieren wollenden Halben . Zwischen schön und häßlich ist nicht zu paktieren . « » Und schön und häßlich « , unterbrach hier Melusine ( froh , überhaupt unterbrechen zu können ) , » war auch die große Frage , die wir , als wir Sie begrüßen durften , eben unter Diskussion stellten . Herr von Stechlin sollte beichten über die Schönheit der Engländerinnen . Und nun frag ich Sie , Herr Professor , finden auch Sie sie so schön , wie einem hierlandes immer versichert wird ? « » Ich spreche nicht gern über Engländerinnen « , fuhr Cujacius fort . » Etwas von Idiosynkrasie beherrscht mich da . Diese Töchter Albions , sie singen soviel und musizieren soviel und malen soviel . Und haben eigentlich kein Talent . « » Vielleicht . Aber davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen . Bloß das eine : schön oder nicht schön ? « » Schön ? Nun denn nein . Alles wirkt wie tot . Und was wie tot wirkt , wenn es nicht der Tod selbst ist , ist nicht schön . Im übrigen , ich sehe , daß ich nur noch zehn Minuten habe . Wie gerne wär ich an einer Stelle geblieben , wo man so vielem Verständnis und Entgegenkommen begegnet . Herr von Stechlin , ich erlaube mir , Ihnen morgen eine Radierung nach einem Bilde des richtigen englischen Millais zu schicken . Dragonerkaserne , Hallesches Tor - ich weiß . Übermorgen laß ich die Mappe wieder abholen . Name des Bildes : Sir Isumbras . Merkwürdige Schöpfung . Schade , daß er , der Vater des Präraffaelitentums , dabei nicht aushielt . Aber nicht zu verwundern . Nichts hält jetzt aus , und mit nächstem werden wir die Berühmtheiten nach Tagen zählen . Tizian entzückte noch mit hundert Jahren ; wer jetzt fünf Jahre gemalt hat , ist altes Eisen . Gnädigste Gräfin , Comtesse Armgard ... Darf ich bitten , mich meinem Gönner , Ihrem Herrn Vater , dem Grafen , angelegentlichst empfehlen zu wollen . « Woldemar , die Honneurs des Hauses machend , was er bei seiner intimen Stellung durfte , hatte den Professor bis auf den Korridor geleitet und ihm hier den Künstlermantel umgegeben , den er , in unverändertem Schnitt , seit seinen Romtagen trug . Es war ein Radmantel . Dazu ein Kalabreser von Seidenfilz . » Er ist doch auf seine Weise nicht übel « , sagte Woldemar , als er bei den Damen wieder eintrat . » An einem starken Selbstbewußtsein , dran er wohl leidet , darf man heutzutage nicht Anstoß nehmen , vorausgesetzt , daß die Tatsachen es einigermaßen rechtfertigen . « » Ein starkes Selbstbewußtsein ist nie gerechtfertigt « , sagte Armgard , » Bismarck vielleicht ausgenommen . Das heißt also , in jedem Jahrhundert einer . « » Wonach Cujacius günstigstenfalls der zweite wäre « , lachte Woldemar . » Wie steht es eigentlich mit ihm ? Ich habe nie von ihm gehört , was aber nicht viel besagen will , namentlich nachdem ich Millais und Millet glücklich verwechselt habe . Nun geht alles so in einem hin . Ist er ein Mann , den ich eigentlich kennen müßte ? « » Das hängt ganz davon ab « , sagte Melusine , » wie Sie sich einschätzen . Haben Sie den Ehrgeiz , nicht bloß den eigentlichen alten Giotto von Florenz zu kennen , sondern auch all die Giottinos , die neuerdings in Ostelbien von Rittergut zu Rittergut ziehn , um für Kunst und Christentum ein übriges zu leisten , so müssen Sie Cujacius freilich kennen . Er hat da die große Lieferung ; ist übrigens lange nicht der Schlimmste . Selbst seine Gegner , und er hat deren ein gerüttelt und geschüttelt Maß , gestehen ihm ein hübsches Talent zu , nur verdirbt er alles durch seinen Dünkel . Und so hat er denn keine Freunde , trotzdem er beständig von Richtungsgenossen spricht und auch heute wieder sprach . Gerade diese Richtungsgenossen aber hat er aufs entschiedenste gegen sich , was übrigens nicht bloß an ihm , sondern auch an den Genossen liegt . Gerade die , die dasselbe Ziel verfolgen , bekämpfen sich immer am heftigsten untereinander , vor allem auf christlichem Gebiet , auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen , sondern bloß um christliche Kunst handelt . Zu des Professors Lieblingswendungen zählt die , daß er in der Tradition stehe , was ihm indessen nur Spott und Achselzucken einträgt . Einer seiner Richtungsgenossen - als ob er mich persönlich dafür hätte verantwortlich machen wollen - fragte mich erst neulich voll ironischer Teilnahme : Steht denn Ihr Cujacius immer noch in der Tradition ? Und als ich ihm antwortete : Sie spötteln darüber , hat er denn aber keine ? , bemerkte dieser Spezialkollege : Gewiß hat er eine Tradition , und das ist seine eigne . Seit fünfundvierzig Jahren malt er immer denselben Christus und bereist als Kunst- , aber fast auch schon als Kirchenfanatiker die ihm unterstellten Provinzen , so daß man betreffs seiner beinah sagen kann : " Es predigt sein Christus allerorten , ist aber drum nicht schöner geworden . " « » Melusine , du darfst so nicht weitersprechen « , unterbrach hier Armgard . » Sie wissen übrigens , Herr von Stechlin , wie ' s hier steht und daß ich meine ältere Schwester , die mich erzogen hat ( hoffentlich gut ) , jetzt nachträglich mitunter meinerseits erziehen muß . « Dabei reichte sie Melusine die Hand . » Eben erst ist er fort , der arme Professor , und jetzt schon so schlechte Nachrede . Welchen Trost soll sich