» sonst müssen wir z ' lang auf a Schiffl warten . « Er rannte talwärts . Als Tassilo bei sinkendem Abend den Wetterbach erreicht und den frisch gezimmerten Steg überschritten hatte , blieb er vor der öden Klause stehen . Auf der Marmortafel über der Tür war in der Dämmerung die halb verwitterte Inschrift kaum mehr zu erkennen . » Hier wohnt das Glück ! « Tassilo entblößte nicht den Kopf und faltete nicht die Hände , wie es der Jäger vor der Buche getan - aber auch ihn erfüllte ein schmerzendes Erinnern . Er stand vor dem » Marterl « seiner Mutter . Vom Ufer klang die rufende Stimme des Jägers , der ein Schiff gefunden hatte . Es war das Boot des Fischers , und man mußte auf engem Platz zwischen triefenden Netzen sitzen . Tassilo ließ sich quer über den See hinüberbringen , zu Annas Villa . Als die Steintreppe erreicht war , drückte Tassilo die Hand des Jägers . » Auf dem Heimweg komm ich zu Ihnen . Grüßen Sie mir einstweilen Ihre Mutter ! « » Vergelts Gott , Herr Graf ! « stammelte Franzl mit einer Hast , als wäre ihm ein stiller Wunsch erfüllt worden . Tassilo sprang über die Stufen hinauf . Von der Villa klang eine Mädchenstimme : » Wer kommt ? « » Ich bin es , Anna ! « Ein leiser Schrei , fliegende Schritte auf dem Kies , dann wieder Stille . Nur das Ruder des Fischers plätscherte , und vor dem Bug des gleitenden Nachens rauschte das Wasser . Nach kurzer Fahrt landete das Boot vor dem Seehof . Franzl , in der Eile , schien den Weg zu verfehlen . Statt den Fußpfad zur Linken einzuschlagen , der zu seinem Hause führte , rannte er nach rechts , der Straße zu . Vor den Leuten , die ihm begegneten , drehte er das Gesicht auf die Seite . Immer rascher wurde sein Schritt , je näher er dem Brucknerhaus kam , und heiße Röte brannte auf seinem erschöpften Gesicht , als er im dämmerigen Hof das Mädel gewahrte , das bei einer Holzbeuge stand und den Arm mit Scheiten belud . Franzls Stimme klang gepreßt und heiser : » Guten Abend , Mali ! « Da fielen die Holzscheite prasselnd zu Boden , und Mali , mit weißem Gesichte , rannte zur Haustür . » Aber Mali ! Was hast denn ? Ich bin ' s ja , der Franzl ! « Mali schien nicht zu hören , nicht zu sehen . Noch ehe sie das Haus erreichte , streckte sie schon die Hände nach der Tür . Auf der Schwelle zögerte sie und drehte halb das Gesicht ; dann verschwand sie im finsteren Flur , hinter ihr fiel die Tür zu , und drinnen klirrte der eiserne Riegel . Franzl griff sich wie betäubt an den Kopf und guckte in der Dämmerung umher , als hätte er das rechte Haus verfehlt . » Heilige Mutter ! Was is denn dös ? « Er sprang in den Hof , warf den Bergstock auf die Bank und faßte die Türklinke . » Mali ! Mali ! « Immer rüttelte er an der versperrten Tür . » Ich bitt dich um Gotts willen , was hast denn ? « Im Hause blieb alles still . » Mali ! So mach doch auf ! Ich bin ' s ja , ich , der Franzl ! « Von der Küche her vernahm er das Geknister des Herdfeuers und hörte im Flur eine wispernde Kinderstimme , die plötzlich verstummte , als hätte sich eine Hand auf den kleinen vorwitzigen Mund gedrückt , um ihn zu schließen . Dem Jäger wurde der Verstand wirbelig . Ein paarmal riß er noch an der Klinke ; dann griff er nach seinem Bergstock und taumelte auf die Straße hinaus . Er ging und wußte nicht , welchen Weg er nahm . In seinen Ohren begann ein dumpfes Summen . War das in seinem Kopf , oder war ' s die Kirchenglocke , die den Abendsegen läutete ? Auch fallende Tropfen meinte er zu spüren und streckte mechanisch die Hand aus . Richtig , es regnete ! Immer dichter fiel es aus den Wolken , alles in der Runde wurde grau , und hinter dem trüben Schleier verschwanden die Berge . Von Franzls Kleidern troff das Wasser , und es quietschte in seinen Schuhen . Er ging und ging . Als er einmal aufblickte , sah er , daß er vor dem Parktor von Hubertus stand . » Wo bin ich denn hinglaufen ? « Er kehrte um . - In Strömen rauschte der Regen über die Ulmenkronen . Auf den Kieswegen des Parkes gurgelten die wachsenden Bäche , und sinkendes Dunkel verhüllte das endlose Gießen und Triefen . Es ging auf Mitternacht , als Tassilo von seinem Besuch bei der Horneggerin heimkehrte , in einen Lodenmantel gehüllt , den ihm Franzl geliehen hatte . Er klopfte an ein Fenster . Fritz öffnete ihm die Tür , mit erhobener Kerze , verwundert und erschrocken : » Herr Graf ! So spät ! Und ganz allein ? In einer solchen Nacht ! Ist denn etwas passiert ? « » Nein ! « erwiderte Tassilo ruhig . » Ich komme nur heim , weil ich morgen nach München muß . Sehen Sie zu , daß ich noch eine Tasse Tee bekomme ! Dann müssen Sie mir packen helfen . Den Wagen für morgen hab ' ich schon bestellt . « » Einen fremden ? « fragte der Diener verblüfft . » Ich will Papas Pferde nicht bemühen bei solchem Wetter ! « Ein bitteres Lächeln . Er nahm den triefenden Mantel von den Schultern . » Meine Schwester schläft schon ? « » Jawohl , Herr Graf ! Aber denken Sie nur , was heut geschehen ist ! « Und Fritz erzählte , was sich am Vormittag in der Ulmenallee ereignet hatte . Als Tassilo von der