das unbeschreibliche Vergnügen , das der geschlechtliche Umgang gewähre , kennen gelernt und dann in Zukunft jedem unerlaubten Genusse mit klarem Bewußtsein aus dem Wege ginge , dann erst könnte ich mich der Tugend rühmen . Unerfahrenheit sei keine Tugend . Hierauf beschrieb er mir , wie ich mich auf diese sündige Lustbarkeit zunächst auch ohne Liebhaber genügend vorbereiten könne . Es war ganz unglaublich . Zuletzt bot er sich in unzweideutiger Weise selber an , diese meine Vorstudien zu leiten ; ich solle ihn einmal besuchen ... Ich habe noch ein in Goldschnitt gebundenes Büchlein , Die Nachfolge Christi , das er mir zum Andenken an einen Besuch geschenkt hat . Die Keuschheit der Frommen , das wußte ich seit jener Zeit , ist ein unglaubliches Ding ... Nein , dieser Pater Evorist ... « » Was kann noch Großes an der Keuschheit liegen , wenn selbst im Ehestand Schamlosigkeiten als Pflichterfüllungen honoriert werden ? Schweigen wir darüber . Auch ich gedenke mit Schaudern eines Kusses von heiligen Lippen ... Ich gedenke mit Schaudern meiner Hochzeitsnacht ... Soviel Schmutziges selbst am Erhabensten . Die Ehe hat mich verdorben ... Übrigens bist Du zu sehr verleutnantet - « Frau Leopoldine hatte ins Schwarze getroffen . » Verleutnantet « war eine ganz richtige Bezeichnung der neuesten Geschmackslage ihrer Freundin . Vorausgegangen war die Epoche der » Vermalerung « . In den Ateliers junger , genialer Pinselführer ging ' s so ungebunden und anregend zu ! Da war so viel zu sehen - und so Überraschendes . Und es war gar nicht schwer , mit diesen flotten Kunststadtgenossen in Verkehr zu kommen . Mit einigen mußte man sich freilich in acht nehmen , denn sie hielten nicht reinen Mund und brachten böse Reden in Umlauf . Der Herr Schnürle zum Beispiel war so einer . Da hatte man gleich einen Spitznamen weg . » Madame Voulezvous « hatte der Undankbare eine ehemalige gefällige Freundin getauft - und der Titel war ihr lange hängen geblieben . Bei einem andern gab ' s so schwüle , aufregende Sachen , mythologische Tiermenschen von unerhörter Leidenschaft , Zentauren , halb Mann , halb Roß , von zermalmender Muskelkraft . Einmal malte er ein Zentaurenpaar : das Männchen mit dem Leibe eines schwarzen Hengstes , das Weibchen mit dem Leibe einer isabellenfarbigen Stute ; mit den nervigen Menschenarmen hielten sie sich den Oberleib umschlungen , während sie sich hinten aneinanderpreßten , daß die Flanken krachten , und mit hochgeschwungenen , sausend die Schenkel und den Rücken sich peitschenden Schweifen trabten sie im Abendlicht am Ufer hin , der violetten , schäumenden Meeresbrandung entgegen . Es war ein kolossal ergreifendes Bild , eine Verkörperung und zugleich poetische Verklärung unerhörter natürlicher Liebeskraft . Hätte nur der Maler nicht die Indiskretion begangen , seiner Zentauren-Stute die Züge seiner Freundin Bertha zu leihen ! So kam ' s zum Bruch , denn Bertha mußte noch obendrein das Bild um teures Geld erwerben , damit es nicht in fremde Hände gerate . Später wandte sich der Maler einer zahmeren Gattung zu und hatte den Vorteil , von dem König mit einträglichen Bestellungen für das Chiemseeschloß ausgezeichnet zu werden . Bertha hatte inzwischen die Geschmackswandlung vom mythologischen Zentaurentum zum modernen Heldentum der leichten Reiter mit den malerischen grünen Uniformen vollzogen . Sie war » verleutnantet « , wie Frau Raßler sagte . » Verleutnantet ist schön gesagt , « lachte Bertha frech auf , daß es wie hündisches Bellen klang . Bertha schwor in der That damals nicht höher , als auf die » feschen Leutnants « , die stets zu allem zu haben und viel ritterlicher seien , als die losen Maler . » ... Ja , zu sehr verleutnantet , um mein Ideal von Liebe und Keuschheit zu begreifen . « » Ideal ! Mich trifft der Schlag . Wo hast Du denn diese Merkwürdigkeit aufgegabelt ? Vielleicht als Empfangsdame in der photographischen Anstalt von Albrecht , wo der verrückte Attenkofer als Cerberus Deine Keuschheit bewachte ? « Diese Anspielung gab der Plauderstunde eine böse Wendung . Leopoldine brach den Verkehr mit Bertha ab . Erst nach monatelangem Bemühen gelang es der letzteren , die alten Beziehungen allmählich wieder anzuknüpfen . Wenn man bei Frau Leopoldine Raßler Sonnenschein in schlechtes Wetter verwandeln wollte , brauchte man sie nur an jene voreheliche Epoche , die empfindlichste in ihrem Leben , zu erinnern . Auch hier barg sogar für ihren nächsten Bekanntenkreis die Empfindlichkeit Leopoldinens ein ganzes Nest von Unerklärlichkeiten . Was lag hier eigentlich unter der Decke ? Niemand wußte es . Leopoldinens Mutter war gestorben , mit der Theaterlaufbahn ging es nicht vorwärts , ein mißratener Bruder hing ihr an der Geldtasche , plötzlich war sie vom Schauplatz verschwunden , dann tauchte sie als Empfangsdame im photographischen Salon der berühmten Albrechtschen Anstalt auf : das war die äußere Reihenfolge ihrer Lebensthatsachen , deren innerer Zusammenhang dem profanen Blick verschlossen blieb . Bei Albrecht hatte der verwitwete Kommerzienrat Raßler Leopoldine kennen gelernt und zur Überraschung aller die Gunst der rätselhaft stolzen und schönen Empfangsdame in so hohem Maße gewonnen , daß sie dem häßlichen Manne in die Ehe folgte als zweite Frau . Natürlich sah die sittsamliche öffentliche Meinung der Schmierblätter , sowie die Klatschsucht der Freunde und Bekannten und sonstiger Maulaffen und Frechlinge , die ihre Nase in alles stecken , in diesem Ereignis nur eine unerhörte Schmutzerei . » Sein Reichtum hat sie verlockt ; sie hat nicht ihn , sondern seinen Geldsack geheiratet ; sie hat sich wie eine Dirne ihm verkauft , « deutelten die braven Tugendbolde . Der Kommerzienrat Raßler und die Exkomödiantin Klebnikow ! Alle Wetter ! Das ist ja ein wahres Ereignis ! Natürlich war ' s ein Ereignis im Leben zweier Menschen , die für ihr Handeln in Herzensangelegenheiten nur sich selbst verantwortlich waren . Was ging das die andern an ? Gar nichts . Aber eben weil sie ' s gar nichts anging , stürzten sie sich um so gieriger darüber her und