vermutlich die letztvergangenen fünf oder sechs Nächte die Augen wenig zugetan hatte . Vater und Mutter schwiegen daher und lehnten in dem geschlossenen Wagen zurück , um sich nach all den trüben Geschichten innerlich zu beschauen und darüber ebenfalls ein bißchen einzuschlummern . Es war ziemlich dunkel , als der Wagen über das Straßenpflaster der Stadt Münsterburg rollte und die Eltern darüber munter wurden . Setti erwachte erst , als das Gefährt plötzlich vor dem Hause hielt . Sie war indes so schlaftrunken und müde , daß der Vater sie leiten mußte , und erst als die treue Magdalene herbeieilte und ihnen die Treppe hinauf voranleuchtete , lebte sie auf und rief lächelnd : » Da bin ich ja ! Guten Abend , Magdalene , denk , wie froh ich bin ! Und du bist immer wohlauf , wie ich sehe ! « » Gottlob , man tut es immer noch aushalten , liebes Settli ! Wenn nur bald alle Kinder wieder beisammen sind , so wollen wir auch noch frohmütig werden und Kastanien braten wie ehmals ! « Sie sagte es jedoch etwas gedrückt , wie wenn sie kein sehr gutes Gewissen hätte , und öffnete der Herrschaft die Türe des Wohnzimmers , sich sofort zurückziehend . Am Tische saß , den Kopf auf die Hände gestützt , Schwester Netti von Lindenberg . Auch sie schien zu schlafen und hatte guten Grund dazu , da sie ebenfalls die letzten Nächte mit wachen Augen zugebracht und gegen Abend zu Fuß im Vaterhause angelangt und natürlich todmüde war ; denn ihr Mann Julian hatte sich seit vier Tagen nicht mehr sehen lassen und sie sich geschämt , davon zu reden ; der Schreiber , der sie nicht darum befragte , ging ab und zu , wie er wollte , und die Dienstmagd machte ein unvertrautes Gesicht . Heut aber las sie in der Zeitung die Nachricht von Schwager Isidors Unfällen mit dem Zusatze , es gehe bereits das Gerücht von einem zweiten in Untersuchung geratenen Notar . Es handelte sich zwar noch nicht um Julian , sondern um einen weiteren Unglücksbruder , der sein Privatglück an den durch seine Hände laufenden anvertrauten Gütern ein wenig gerieben hatte , um sie fruktifizieren zu lassen , wie der Kunstausdruck lautete . Allein sie vermochte natürlich nur an ihren Mann zu denken , sowie an das öffentliche Unglück , in welches das häusliche sich verwandelte und die ganze Familie verwickelt wurde . Sie war in der Angst keines anderen Beschlusses fähig , als sofort nach Münsterburg zu eilen ; ein Bahnzug stand während mehrerer Stunden nicht in Aussicht , auch fürchtete sie schon die Leute , die mitreisten , und die Angestellten sowie die auf den Stationsplätzen Herumstehenden . So machte sie sich kurzentschlossen auf und legte den dreistündigen Weg zu Fuß zurück . Wie sich später ergab , waren Ahnung und Furcht wohlbegründet . Julian saß zwar nicht im Gefängnis wie Isidor ; aber er war bei der ersten Kunde von den Vorgängen im Lautenspiel außer Landes geflohen ; und die in Isidors Amtskreis erwachte Erregung der vom Schaden Ergriffenen oder Bedrohten fand schon einen starken Widerhall im Lindenberger Gebiet . So kam es , daß die Salanderschen Eltern beide Töchter am gleichen Abend wieder unter ihrem Dache bargen . Bei ihrem Eintreten erwachte Netti aus dem Halbschlafe und hinkte ihnen traurig entgegen ; denn sie hatte die Füße wundgelaufen . Vater und Mutter umarmten und küßten sie ; doch die Töchter , da sie sich nun gegenüberstanden , gaben sich nur mit niedergeschlagenen Augen die Hände , die sie indes nicht fahren ließen . Die Schicksalslast , die sie sich auferlegt , als sich die Zwillingsjünglinge einst an den Ohrläppchen zupften , hatte sich auf einmal verdoppelt , und sie schämten sich aufs neue voreinander . Die von Lindenberg mußte nun dartun , warum sie gekommen sei , und sie erzählte es . » Der hat sich aus dem Staube gemacht « , sagte der Vater ; » hier in der Stadt ist er schwerlich ! Aber gründliche Arbeit haben sie besorgt , diese jungen Scheusale von Flachköpfen ! « Die Mutter ermahnte , die Beratung für heute abzubrechen und die Ruhe zu suchen ; wer könne wissen , was die kommenden Tage wieder bringen . » Fürs erste « , sagte Salander , » muß Netti morgen bei guter Zeit nochmals nach dem Lindenberg zurück und das Haus samt der Kanzlei in amtliche Obhut geben ; ich will mitgehen und dafür sorgen , daß es ordentlich geschieht ; denn so kann man die Sache nicht im Stiche lassen ! « In der Frühe fuhr er mit Netti hinüber und wunderte sich , auf der Höhe angelangt und rings umschauend , aufs neue mit tüchtigem Ärger , wie man in diesem friedlichen Himmelsglanze so vom Teufel besessen werden und sich Welt und Leben schmählich zerstören könne . Drinnen im Hause jedoch gab es abermals Neuigkeiten , und es war gut , daß Netti , und zwar vom Vater begleitet , erschien . In der Kanzlei hauste schon ein Trupp Untersuchender , Gemeindammann , Statthalter , einer vom Gericht und ein zugezogener Notar , und bereits war festgestellt worden , daß auch die Frau des verschwundenen Landschreibers das Haus unbekannt wohin und heimlich verlassen habe . Sie kam daher gerade recht , ein ordentliches Verhör zu bestehen , worauf man sie aufforderte , ihr im Hause befindliches Eigentum zu bezeichnen , und ihr erlaubte , das Unentbehrliche mitzunehmen und in Ehren abzuziehen . Das tat sie auch , nachdem sie unter Beihilfe des Vaters die Magd ausbezahlt und fortgeschickt , auch der Behörde überlassen hatte , über das Verbleiben des Schreiberleins zu verfügen . Martin Salander brachte desselben Tages auch diese Tochter mit ihren paar Kisten und Schachteln in Sicherheit . Die Voraussage hingegen der beiden Schwestern , daß die guten Jünglinge bald genug zu ganzen Männern auswachsen würden , die von sich reden machen , war seltsam erfüllt . XVII Jeden Tag