sie preßte beide Hände gegen die Brust , ein Fieberschauer schüttelte ihren Leib . Doch sagte sie fest : » Ja , das ist das schwerste der Opfer , die ich fordere und bringe ; schwerer selbst als das deiner Liebe , Max . « Er ging mit heftigen Schritten im Saale auf und ab ; sie fuhr fort : » Wüßte ich einen Erwerb , irgendeine Lebensstellung , die mir ermöglichte , meine Mutter und meine verwaisten Geschwister so zu versorgen , wie der brechende Blick meines Vaters es von mir forderte , ich würde , wie demütigend der Ausweg , ihn diesem demütigendsten vorziehen . Da ich keine Wahl habe , nehme ich für eine unbestimmte Frist das Erbe in Anspruch , das deine Schwester sich gesichert glaubte und das ihr ein Jahresdatum - und kein Recht außer diesem - verkümmert . Als du eintratest , Max , flehte ich zu Gott um die Kraft der Überredung , Sidonien zu einer zeitweisen Teilung dieses Erbes zu bewegen . Es ist hinlänglich reich , uns beiden zu genügen . Wenn aber der Buchstabe der Verfügung es auch nicht also heischte , die erste Benefiziatin , das heißt die Versorgerin meiner Mutter und ihrer Kinder , kann nur ich sein , nicht sie . « » Mit anderen Worten , « rief Max , » du schämst dich der Dankbarkeit gegen die Schwester des Mannes , dem du Treue gelobt hast ; aber du schämst dich nicht , mit dem Verlobten zu brechen , weil er ein Ärmling geworden , und jenes edle Geschöpf , von Natur und Schicksal mißhandelt , zu einem Ausgleich berechtigt und bestimmt , wie es war , zur Almosenempfängerin zu erniedrigen . Pfui über diesen Stolz ! « Lydia war bis in den Herzgrund erschüttert . So schroff hatte sie die Deutung ihres Entschlusses nicht geahnet , so grausam nicht die Probe ihrer Standhaftigkeit . » Sei barmherzig , Max , « bat sie mit aufgehobenen Händen . » Nein , sei nur gerecht . Ich darf ja nicht anders , und es ist ja auch nur auf wenige Jahre , daß ich die Entsagung von dir erflehe und die schwere Überwindung von ihr . Ich liebe dich , Max , wie in der ersten Stunde , da ich dein geworden bin , ja tiefer als in ihr , denn ich mußte dir wehe tun . Habe ich dir deine Freiheit zurückgegeben , ich werde dir treu sein , werde deiner warten , bis - « » Bis der Erbe des reichen Mehlborn dir ein Äquivalent zu bieten hat für soundso viel tausend Taler Rente ! « Max war gewiß keine unedle Natur . Eigennutz in diesem gröblichen Sinne lag ihm so fern , daß er ihn auch nicht leicht in einem anderen vorausgesetzt haben würde , am wenigsten in diesem Mädchen . Das schnöde Wort kam nicht aus seinem Herzen und nicht aus seiner Vernunft . Der Zorn hatte es ihm eingeblasen , und der Trotz bäumte sich zu sagen : » Ich war ein Rasender , vergib ! « Wehe ihm ! Er hatte mit barbarischer Faust sein Bild im reinsten Herzensspiegel zertrümmert , und solange seine Ohren offen stehen , wird er die Scherben klirren hören . Wie reich des Lebens Becher ihm sprudeln möge , daß er den Adel der Liebe verwirkte , ist die Hefe , die ihn trüben wird . Wehe ihm und ihr ! Sie schwankte nach ihres Vaters Zimmer ; die Tür fiel hinter ihr in das Schloß , wie die der Zelle , in welcher die Jungfrau sich zur Nonne weiht . Mit stürmischen Schritten verließ Max den Saal nach der entgegengesetzten Seite . - Im Pfarrhause war der Abendsegen früher als sonst gelesen worden ; nach drei abspannenden Tagen sehnte ein jeder sich nach Ruhe . Frau Hanna hatte zum ersten Male das Krankenzimmer der Witwe verlassen , auch Dezimus treulich Dienst geleistet als Totenwächter und Vermittler der letzten schweren Obliegenheiten für ein Menschenleben . Nun dachte er in seiner Bodenkammer » einen langen Schlaf zu tun « . Da wurde hastig die Klingel gezogen , und wie Sidonie vor wenig Wochen außer Atem eingetreten war mit dem Rufe : » Max und Lydia sind verlobt ! « so trat sie heute wieder außer Atem ein mit dem Rufe : » Max und Lydia sind entzweit ! « Sie kam , um Lebewohl zu sagen , da sie noch diesen Abend mit ihrem Bruder abzureisen gedachte . Den Hergang des Bruchs stellte sie dar , so wie sie ihn nach einer Unterredung mit ihrem Bruder und einer leider erst darauffolgenden mit Lydia selbst aufgefaßt hatte . Für dieses kluge Mädchen , scharfblickend , gerecht und billig , wie junge Menschen es selten sind , gab es einen Punkt , auf welchem die Bildfläche sich verkehrte , und das war sein Liebespunkt , sein Max . So viel goldene Luftschlösser hatte die kleine Sidi auf die Freiheit des Reichtums gebaut , sich die Zukunft so reizvoll ausgemalt : ein Künstlerleben , ähnlich dem der alten Harfenkönigin , aber durch das Verhältnis zu ihrem Bruder erweitert und vertieft ; nun wurmte die Enttäuschung sie nur um seinetwillen , und ihres eigenen Schiffbruchs gedachte sie kaum . Es handelte sich um ihn , darum statt des sicheren Klarblicks blinder Groll . Der höhnende Geifer hatte sich aus seiner Brust in die ihre gestürzt , hatte sich darin gestaut und ergoß sich nunmehr in brausenden Strömen . » So sind sie , diese Heiligen ! « rief sie aus . » Als sie Max für eine Partie hielten , lockten sie ihn an , fingen ihn ein , wie man einen Gimpel einfängt , den man zum Dompfaffen abrichten will . Nun , im Elend , schlagen sie die einzige Pforte der Freiheit vor ihm zu und berufen sich , wie Shylock auf seinen Schein , auf den Buchstaben ihres Rechts . Kaltblütig zerfleischt dieses Mädchen ihm das Herz