. Er geriet an die Ferdinandsbrücke und wußte genug von der Topographie des Orts , um überlegen und wählen zu können zwischen einem Gang und Glas Eis im Prater und den Geheimnissen und nächtlichen Reizen der innern Stadt . Der Stephansturm , der schwarz durch die Dämmerung herübersah , gewann natürlicherweise schnell die Oberhand in einem Menschen , welcher daheim der schönen Natur zur Genüge hatte und der mit der allerschönsten Natur stets nur körperlich durch die trefflichste Gesundheit in Gefühlsverwandtschaft gestanden hatte . Also kreuzte Hennig diese kleine Donau , irrte ein wenig auf dem Glacis umher und die Trümmer der alten Basteien entlang und fand endlich seinen Weg durch die Kärntnerstraße in immer höherer Stimmung . » Es ist doch eine vornehme Stadt « , brummte er . » Schade , daß wir sie nicht an unser Berlin anhängen können , wir würden dann , glaube ich , jedes andere Nest rund um den Erdball herum um mehrere Nasenlängen schlagen ! « Nun fiel ihm eine alte Melodie aus der alten , lustigen , längstvergessenen Posse , den » Wienern in Berlin « , ein , und er summte sie im Weiterschlendern behaglich vor sich hin . So verwöhnt war er nicht , daß er nicht sein Behagen genommen hätte , wo er es fand , und es war in der Tat ein Behagen , sich hier in Wien zu finden , den Chevalier , das Fräulein von Saint-Trouin und den Freund Fröschler in Krodebeck sitzend zu wissen , Geld zu haben , mit der schönen Jugendfreundin dieselbe Luft einzuatmen und ein Freiherr in der angenehmsten und tiefsten Bedeutung des Wortes zu sein . » Am Ende ist es mir auch höchst gleichgültig , ob er Verona verproviantiert oder nicht . Was kümmert mich das , worüber die Alten daheim die Köpfe schütteln ? Da fällt einer nach dem andern heraus , und selbst meine arme Mutter hat herausfallen müssen , und das Leben mit seinen Lichtern und Wagenrollen und Kling und Klang geht weiter , und jedermann hat doch nur mit seiner eigenen Gegenwart abzurechnen . Es lebe die Gegenwart ! Da wäre ich doch ein Narr , wenn ich mich in Wien an einem Haar ekeln würde , das die andern Vor einem Menschenalter in Krodebeck in der Suppe fanden ! Und die Tonie hat ja in jedem Briefe gemeldet , daß es ihr wohl gehe und daß ihr kaum etwas zu wünschen übrigbleibe . Le Nozze di Figaro ? Ob das der Barbier von Sevilla ist ? Hören wir dem Herrn von Häußler zu Ehren noch einen Akt von diesem Barbier ! Zum Teufel , in der richtigen Stimmung kann man alles in Musik setzen , selbst den Barbier von Krodebeck ! « Er geriet wirklich noch zum Finale der » Hochzeit des Figaro « in das Opernhaus und erfuhr , wie man in Österreich Silber mit Silber zahle . Dazu machte er einige recht freundliche Bekanntschaften , welche ihm allerlei Dinge wiesen , die nur den Ortseingeborenen und den von diesen unter die Flügel Genommenen bekannt zu werden pflegen , und vergnügte sich durchgängig vortrefflich . Seine Laune wurde immer besser ; mit sich selber war er recht zufrieden , und mit dem Universum fand er sich im vollkommensten Einklang . Einige Offiziere - Norddeutsche im Dienste des Hauses Habsburg - , welche mit Bereitwilligkeit die Landsmannschaft hatten gelten lassen , geleiteten ihn weit nach Mitternacht nach der Leopoldstadt zurück . Sie wußten von dem Edlen von Haußenbleib , kannten ihn jedoch nicht persönlich , wenn sie ihn gleich als eine sehr bekannte Persönlichkeit darstellten . Im National-Gasthof konsumierte der Junker von Lauen noch ein bedeutendes Quantum Sodawasser und schlief den Schlaf der Glücklichen bis tief in den hellen Sommermorgen hinein . Siebenundzwanzigstes Kapitel Glücklicherweise haben wir uns mit den Empfindungen unseres Schutzbefohlenen bei seinem ersten Erwachen in Wien nicht eingehender zu beschäftigen . Wenn wir sagen , daß er einen großen Teil seiner gestrigen Exaltation für kaum begründet erklärte und auf den Rest derselben mit einem nur mit Mühe zurückgedrängten Mißvergnügen blickte , so haben wir in dieser Hinsicht das Unsrige geleistet und können ihn ruhig für die ersten beschaulichen Morgenstunden sich selbst überlassen . Es war irgendein kirchlicher Feiertag , und zugleich wurde irgendwo eine Parade abgehalten oder die kaiserlich-königliche Infanterie zu sonst einem Zweck in Gala durch die Straßen geführt . Die Sonne schien , die Glocken klangen , und die Musikbanden der verschiedenen weißröckigen Regimenter lärmten kriegerisch-munter durch die Gassen und über die Märkte , in und auf welchen das eilig-behäbige Menschengetriebe heute sonderbar wenig mit den Kümmernissen und Sorgen anderer Städte der Erdenbewohner zu tun zu haben schien . Nahe Glocken und ferne Militärmusik sind etwas , was die Stimmung nicht verschlechtert , und solches erfuhr unser Freund Hennig , den wir jetzt in einem Fiaker wiederfinden , welcher ihn der Wohnung des Edlen Dietrich Häußler von Haußenbleib zuführt . Der Junker befand sich in diesem Moment in der Lage , solche äußerliche Anreize wohl gebrauchen zu können ; er sah dem ersten Zusammentreffen mit der Jugendfreundin nicht mehr durch solch einen rosigen Schleier wie gestern entgegen , und er konnte nicht mehr über die Bilder der Heimat lachen , sondern fühlte tief und klar , daß der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern sich nie dazu geeignet habe , für ihn - Hennig von Lauen - , auch in der aufgelegtesten Stimmung nicht , den Stoff zur geringsten possenhaften Bemerkung abzugeben . Jetzt blickte der Junker trübselig genug auf die bunten Gruppen und in die lachenden Gesichter auf seinem Wege . Er saß vorgebeugt , mit den Händen auf den Knien , und von Zeit zu Zeit griff er in der Brusttasche nach den Briefen , welche ihm der Chevalier und Fräulein Adelaide an ihr Pflegekind mitgegeben hatten . Er hielt sich , sozusagen , daran und hatte allen Grund dazu . » Nun weiß ich doch wieder nicht , wie mir ist « , murmelte er . »