Theophile , die Hand aufs Herz legend ; - Kleophea hüpfte in das Gemach . Sie brachte Sonnenschein mit sich und Jugendlust ; ihre Augen leuchteten , ihre roten Lippen lachten , sie berührte den Boden kaum mit den Füßen . Sie begrüßte den Doktor mit solcher allerliebsten Ironie ; sie war so voll kleiner , boshafter Geschichten und wußte dieselben so gut zu erzählen . Sie war außergewöhnlich gut gelaunt und deshalb auch außergewöhnlich aufgelegt , die Gefühle ihrer Nebenmenschen durch kleine , anmutige , perfide Anspielungen zu verletzen , und äußerte eine große Wißbegierigkeit in Hinsicht auf gewisse mosaische Gebräuche und Gesetzesvorschriften . Es fand sich jedoch , daß ihr der Doktor Theophile mehr gewachsen war als die Mama ; er ließ sich nicht so leicht aus dem Gleichgewicht bringen und konnte schon seiner anmutigen Gegnerin einen Zug vorgeben . Er sprach sehr pathetisch über das Judentum . Die außerhalb der Bibel liegende Geschichte und Überlieferung desselben ist unendlich reich an Zügen individuellen Heldenmutes , stoischer Todesverachtung , reich an Zügen von Standhaftigkeit und Glaubensstolz , wie sie kaum ein anderes Volk aufzuweisen hat . Auch nach der Zerstörung des Tempels sind Helden und Propheten unter dem zerstreuten Israel aufgetreten , und über eine eigene Poesie , einen Schatz voll ergreifender und hinreißender Anekdoten hat der zu gebieten , welcher diese so tragische und so unbekannte Welt emporsteigen lassen kann . Theophile Stein wußte von der Heroen- und Märtyrerhistorie seines Volkes den besten Gebrauch zu machen , und wenn schon die Seelen der Weiber durch Anekdoten leicht zu fesseln sind , mußte man es doch dem Doktor lassen , daß er die Kunst . Geschichten zu erzählen , bis zur Meisterschaft ausgebildet hatte . Er brachte sogar Kleophea zum aufmerksamsten Lauschen , und nachdem er zum Schluß und besonders für die gnädige Frau sich in seinen seraphweißen Konvertitenmantel drapiert hatte , konnte er mit einer demütig-stolzen Verbeugung sich empfehlen und mit den Erfolgen seines Besuches zufrieden sein . Er war , was er sein wollte - Hausfreund ! Von jetzt an konnte er , ohne Schaden an seinem seelischen und körperlichen Wohlbefinden zu leiden , den Besuch des Kandidaten Hans Unwirrsch annehmen . Er war der festen Überzeugung , daß ihm derselbe nicht mehr gefährlich sein könne : er beherrschte die öffentliche Meinung des Hauses des Geheimen Rates und fühlte sich stark genug , nötigenfalls den armen Hans so wie das Fränzchen , seine andere kleine Pariser Bekanntschaft , vor die Tür zu setzen . Nun war der Frühling in seiner ganzen Pracht gekommen : das Getümmel auf dem Spazierwege vor den Fenstern des Geheimen Rates Götz hatte sich verdoppelt und verdreifacht . Die Kinder der armen Leute liefen mit nackten Füßen umher , und die Kinder der besseren Stände mit nackten Beinen . Der Park war grün , und es gab seltsamerweise sogar Nachtigallen darin ; aber Hans Unwirrsch zog nicht den Trost heraus , den er davon gehofft hatte und welcher auch allenfalls darin hätte liegen können . Kaum war das Lustgehölz grün geworden , so fraßen es die Raupen wieder kahl , und eine abscheuliche Sorte von diesem Getier war ' s , die sich das Vergnügen machte . Wenn die Ungeheuer , welche durch ihre Zahl sehr imponierten , einen Baum leer und sich voll gegessen hatten , betätigten sie einen ausgebildeten Sinn für das Schöne . An langen Fäden ließen sie sich von den Zweigen hernieder auf die Köpfe und Nacken der lustwandelnden Damen , und der Kandidat Unwirrsch konnte nicht aus dem Fenster sehen , ohne daß er holde Frauen und Jungfrauen in Gruppen oder einzeln in der berühmten Stellung der Venus Kallipygos , doch mit anderm Gesichtsausdruck , stehen sah . Hans guckte jedoch wenig aus dem Fenster . Er hatte keine Zeit dazu . Je tiefer er in der Gunst und Achtung der Geheimen Rätin sank , desto weniger überließ sie ihn sich selbst , desto enger fesselte sie ihn an den Pfahl , desto schärfer bewachte sie ihn . Sie hatte nun mal das Opfer gebracht und » diesen Menschen « auf Wunsch ihres Gemahls ins Haus genommen , und täglich mußte sie sich diese Schwachheit vorwerfen ; aber es war ihr Trost , sich sagen zu können , daß sie auch unter solchen Umständen ihre Mutterpflicht nicht versäume . Mit verdoppelten Kräften griff sie in das Erziehungswerk des Hauslehrers ein , wirkte sie allen schädlichen Einflüssen entgegen , und glänzend waren die Erfolge . Es ist ein Glück , für uns sowohl wie für den Leser , daß wir dieselben beiseite liegenlassen können , ohne irgend jemand Rechenschaft darüber schuldig zu sein , da Aimé ein Charakter ist , dessen Wohl und Wehe uns in diesem Buche wenig berührt . Fränzchen - Fränzchen Götz ! - wie ein lieblicher Ton von jenem fernen , fernen Göttereiland , welches den Haß , den Neid , den Eigennutz und die hundert gleichen praktischen Weltlichkeiten nicht kennt , klingt uns dieser Name ins Ohr und ins Herz . Aber tiefe Wehmut überfällt uns zugleich , daß wir von solcher Stelle aus ihm lauschen und ihn nachsprechen müssen , und von derselben Wehmut wußte der Kandidat Unwirrsch zu sagen . Ach , es war eine Trostlosigkeit sondergleichen , sich diesen süßen Namen innerhalb dieser kalten , bösen , im Katakombenstil bemalten Mauern immer , immer wiederholen zu müssen . Tief in den Wald gehört der Klang oder noch besser an den Rand des Waldes , wo dicht neben dem kühlen , lieblichen Schatten das Ährenfeld im Sonnenglanz sich wiegt , wo die Glocken der Heimat aus dem Tal heraufklingen und der Bach , lustig aus dem Forst hervorspringend , mit fröhlich jugendlichem Geplauder ins Tal hinabhüpft . Wie mochte es kommen , daß Hans Unwirrsch in dieser öden Gegenwart den Namen Fränzchen mit allen teuern Erinnerungen immer fester verknüpfte ? Er konnte nicht an den Mondenschein seiner Kinderjahre gedenken , ohne daß das Bild Franziskas darin emporstieg . Was hatte das Fränzchen