s Gesicht war bei dieser gelehrten Auseinandersetzung immer länger geworden . Er hatte sich von Sophie eine wärmere Aufnahme seiner Nachricht versprochen . Fast kleinlaut fragte er daher : Aber , Fräulein Sophie , wie unterscheidet sich denn Liebe von Mitleid ? Ist nicht die Nächstenliebe , die doch die reinste Form der Liebe ist , mit dem Mitleid identisch ? Die Nächstenliebe wohl , erwiderte Sophie ; aber nicht die Liebe , von der wir sprechen , die Liebe , die man empfinden muß , wenn man Jemand heirathen will ; die Liebe zum Beispiel , die ich für Franz empfinde und die Franz für mich empfindet . Das ist noch etwas ganz anderes , ganz anderes - und sie wiegte gedankenvoll das Haupt . Aber was ist es denn ? rief Bemperlein voll Verzweiflung , wie soll man erfahren , ob man wirklich liebt ? Das ist sehr schwer , erwiderte Sophie , und auch wieder sehr leicht . Haben Sie zum Beispiel nur immer das Verlangen gehabt , Fräulein Marguerite aus ihrer abhängigen Stellung in eine bessere versetzt zu sehen , sie zu beschützen , zu beschirmen vor aller Noth und Gefahr ; oder haben Sie auch manchmal gewünscht - Hier stockte Sophie und wurde roth . Nun ? fragte Bemperlein eifrig . Ihr einen Kuß zu geben ; sagte Sophie , entschlossen , der Sache auf den Grund zu kommen , selbst auf die Gefahr hin , indiscret zu werden . Wenn ' s weiter nichts ist , sagte Bemperlein triumphirend die Frage kann ich mit Ja beantworten . Bravo , Bemperchen ! Und haben Sie ihr auch schon einen Kuß gegeben ? Nein ! Haben Sie ihr denn schon Ihre Liebe gestanden ? Nein ! Wissen Sie denn , daß sie Sie wieder liebt ? Nein ! Die immer geringer werdende Herzhaftigkeit dieser Verneinungen war so komisch , daß sich Sophie des Lachens kaum enthalten konnte . Aber , Bemperchen , rief sie , wie wollen Sie denn das erfahren ? Ich werde sie fragen , sagte Bemperlein entschlossen . Sehr gut ! und wenn sie nun Nein antwortet ? Das kann sie nicht , das wird sie nicht , rief Bemperlein , blaß vor großer Aufregung . Ich habe daran noch gar nicht gedacht , aber das wäre schrecklich ! Ich - ich habe es mir so schön ausgemalt , wenn sie mein Weib würde , für das ich arbeiten könnte , und das ich lieben könnte und das mich wieder liebte . Denn ich muß Jemand von ganzem Herzen lieben , und ich muß fühlen , daß ich von ganzem Herzen geliebt werde , oder ich bin der unglücklichste Mensch von der Welt . O , Fräulein Sophie , nicht wahr , Marguerite wird nicht Nein sagen ? Seine Stimme zitterte und seine Augen standen voll Thränen . Das guthmüthige Mädchen war kaum weniger gerührt . Die Leidenschaftlichkeit Bemperlein ' s hatte eine sympathetische Saite in ihrem Herzen angeschlagen . Sie fühlte sich plötzlich verpflichtet , die junge Liebe ihres dreißigjährigen Schülers aus allen Kräften zu beschützen . Wissen Sie was , Bemperchen , sagte sie mit großer Entschiedenheit , wir wollen das bald erfahren . Bringen Sie die Marguerite einmal zu mir . Bemperlein athmete hoch auf . Darf ich das wirklich ? Nun natürlich . Ich kann nicht gut zu ihr gehen , weil das auffallen würde ; aber hierher kann sie ohne Aufsehen kommen . Sagen Sie ihr nur , ich wünschte sie kennen zu lernen . Wenn sie Sie liebt , wird sie sich nicht lange bitten lassen . Haben wir sie erst einmal hier , so findet sich das Andre von selbst . - Ja , ja , fuhr die junge Dame fort , und schnippte vergnügt mit den Fingern , so geht ' s , so geht ' s. Und wenn wir gute Freundinnen werden , so habe ich noch einen andern Plan - o , Bemperchen , einen andern Plan , wenn Sie den wüßten - ich sage Ihnen , einen Plan , - nein , nein ! - Sie kriegen es nicht zu wissen - und Franz auch nicht - St ! da kommt er ! Kein Wort , Bemperchen , von unserm Geheimniß ! Dreiundzwanzigstes Capitel Mit Felix war in dieser Zeit eine traurige Veränderung vorgegangen . Wie an einem Hause , dessen Holz der Schwamm zerfressen hat , nur ein Strebepfeiler weggenommen zu werden braucht , um es der Gefahr des Einsturzes nahe zu bringen , so hatte die an sich nicht gefährliche Verwundung , welche er in dem Duell mit Oswald davon getragen , seinen ganzen , durch ein überaus wüstes Leben zerrütteten Organismus vollends erschüttert . Die Kugel hatte keine edleren Theile verletzt ; an der sorgfältigsten ärztlichen Behandlung hatte es nicht gefehlt , dennoch wollten die Wunden nicht heilen . Und als es damit anfing , besser zu gehen , hatten sich plötzlich höchst bedenkliche Symptome einer schon weit vorgeschrittenen Lungenkrankheit gezeigt . Die herbeigerufenen Aerzte schüttelten den Kopf und sprachen von der Nothwendigkeit einer Luftveränderung , eines längeren Aufenthaltes in südlichen Klimaten . Aber Felix wollte von Allem , was Andere doch so deutlich sahen , nichts sehen . Die lumpigen Schrammen ? pah ! ich bin schon anders gezeichnet gewesen ! Das bischen Fieber ? lächerlich ! mir ist nach einer tollen Nacht schon schlimmer zu Muthe gewesen ! Meine Lunge ? dummes Zeug , was versteht die alte Perrücke , der Balthasar , von meiner Lunge ; ich pfeife was auf alle gelehrten Perrücken . Felix von Grenwitz ist so leicht nicht todt zu machen . Seit einigen Tagen aber stand es mit seiner Gesundheit so schlecht , daß selbst sein Leichtsinn sich gegen die Möglichkeit einer ernsteren Gefahr nicht länger verschließen konnte . Die kaum geheilten Wunden brachen wieder auf ; ein schleichendes Fieber nagte Tag und Nacht an seinen Nerven , und wenn er kaum eingeschlafen war , weckte ihn ein quälender Husten aus so