Wuchse ängstlich überwachte Sechzehnjährige , welche vorzugsweise der Obhut , der Gesellschaft , der Unterhaltung Lucindens angewiesen werden sollte . Der Vorstand des Instituts hatte die neue Lehrerin und Gesellschafterin des Hauses im Wandeln durch die Säle laut eingeführt . Erst hatte er sie allen flüchtig vorgestellt , dann aber mit besonderm Vorzug einer unter ihnen , die in einem abgesonderten Zimmer lag und von ihm Comtesse Paula von Dorste-Camphausen genannt wurde . Wie Lucinde auch diesen Namen hörte , erschrak sie . Auch diesen kannte sie ja schon ! Es war ja jene Größere von den Mädchen gewesen , die sie am Weiher im Park von Neuhof beobachtet , jene Gräfin Paula , die reiche Erbin , die Nichte des Kronsyndikus , die vielleicht einst mit jenem österreichischen Offizier vermählt werden konnte , den sie vor zwei Jahren in Kiel gesehen ... Kam das alles hier so wieder zusammen ? Wie fügte sich Ring an Ring ? Sollte sie die Kette festhalten , sich binden , aufs neue sich in das große , bewegte , thatsachenreiche Leben um Schloß Neuhof und die uralte Stadt Witoborn hinüberziehen lassen ? Auf einem schrägliegenden Ruhebett , von einigen Gurten und Bandriemen , einigen eisernen Klammern in fester Lage gehalten , lag , weißgekleidet , das schlanke junge Mädchen , eine Gestalt zart , wie durchsichtig , ganz von jenen länglichen Formen , sowol im Oval des edeln griechischen Profils , wie des Oberkörpers und der Hände , die wir gelernt haben als Ausdruck des Seelischen zu nehmen . Die Comtesse , die ihr eigenes Zimmer hatte , schien zu schlummern . Der Director sagte leise : Sie ist krank und mir ganz besonders empfohlen ! Sehen Sie nur ! ... Sie neigt zum Traumschlafe ... Sie spricht ! Ganz deutlich ! Und doch schläft sie ! Lucinde trat näher ... Ihr Herz pochte ... Murmelnd sprach das junge Mädchen Worte , die einem Gebet gleichkamen . Der Director schloß die Thür , die zu den lauten Sälen führte ... Nimm hin , sprach das junge Mädchen , leise und langsam betonend , nimm hin - das - priesterliche - Kleid - welches - die Liebe bedeutet ! - Gott ist mächtig - genug in dir - die Liebe zu vermehren und sein Werk - zu - vollenden - ! Der Director horchte hoch auf ; so zusammenhängend hatte die Kranke noch nie gesprochen . Lucinde träumte noch von Neuhof , von der Kathedrale ... Die Schläferin schwieg eine Weile , dann fuhr sie deutlich fort : Du willst , o Herr - diese Hände - weihen und heiligen - - durch die Salbung - damit alles , was sie weihen - geweiht und geheiligt sei im Namen unsers Herrn ! Dann setzte sie mit einer andern , fast männlichen Stimme hinzu : Amen ! Was mag sie beschäftigen ? fragte der Director erstaunt . Lucinden aber war es , als wäre sie an den Hochaltar zurückversetzt , wo sie Serlo gesehen zu haben glaubte , wie er von den Todten erstand . Der Director winkte , daß sie nicht spräche ; eben wollte sie an die Priesterweihe erinnern . Die Schlafende fuhr fort : Nimm hin - den Heiligen Geist ! Welchen - du die Sünden - erlassen wirst , denen - sind sie erlassen ! Welchen - du sie - behalten - wirst , denen - sind - sie - behalten ! Sie spricht dem Bischof nach , der in diesem Augenblick in der Kathedrale die Priesterweihe hält ! ... flüsterte Lucinde . Sieh ! Sieh ! bemerkte jetzt der Director kopfschüttelnd und setzte dann leise und fast lächelnd hinzu : Es ist ein Verwandter ihrer Familie darunter , Zögling des hiesigen Convicts , ein junger ehemaliger Offizier , ... er wird in diesem Augenblick ausgeweiht ... Ein Herr von Asselyn ! Ganz recht ! Der Director flüsterte nach einer Weile : Sie hat eine große Verehrung vor diesem ihrem Landsmann ... sie leidet entweder darunter , der Feierlichkeit nicht beiwohnen zu können , sieht sie aber im Geiste vor sich ... oder ... sie wünscht wol gar ... Auf dieses bedeutungsvoll gezogene : » Wol gar « , in dem Lucinde die Vermuthung erkannte , die Kranke litte darunter , daß der ihr Theuere überhaupt Priester wurde und Frauenliebe nun ein ganzes Leben lang nicht mehr erwidern durfte , schienen plötzlich die Empfindungen der Schlummernden Inhalt und Ausdruck zu verändern . Die Mienen verdüsterten sich , die Hände hoben sich als wollten sie irgendetwas Störendes verhindern . Der Rücken , den sie nicht bewegen konnte , schien sich erheben zu wollen . Zurückgehalten von dem Mechanismus des Bettes , mehrte sich ihre Angst . Seufzer entrangen sich der Brust , die sich mächtig hob . Der Mund blieb starr geöffnet als wollte er : Nein ! Nein ! Nein ! rufen ... Da fuhr der Director sanft über ihr Antlitz und weckte sie . Befremdet sah sie um sich , als hätte sie hier zu erwachen nicht vorausgesetzt . Als dann der Director ihr die neue Pflegerin vorgestellt hatte , veränderten sich ihre Züge allmählich zur frühern Milde . Sie schien Lucinden nicht von früher zu erkennen . Sie lächelte gelassen , ergeben , sanft , ja dies Lächeln war wie jener lichte Hauch , jener sanfte röthliche Schimmer im Innern einer weißen Rose . Tief andachtsvoll , gläubig der Gruß ihres schönen Antlitzes . Sie bewegte sich nicht , aber in den Augenwimpern lag etwas , wie wenn sie sich im Geiste verneigte . Sie verneigte sich wie einem Engel der Verkündigung . Kommt aber wol der Engel , der sich in freundlicher Anrede jetzt über Paula von Dorste-Camphausen niederbeugt , aus den reinen Regionen des Lichtes ? Ihr Kinderseelen ringsum ! Mögen lichtgeborene gute Engel über euch wachen , Hüter und Schirmer vor dem nachtdunkeln Gefieder , das an Lucindens Haupte , wie einer Tochter Lucifer ' s , dämonisch aufzurauschen scheint ! Nachdem sie ihr Zimmer angewiesen