: » Bemerktet Ihr den fanatischen Ausdruck des Knaben ? ist es nicht unerhört daß solcher heidnische Götzendienst in unsrer aufgeklärten Zeit und in unsrer Nähe noch existirt ! « » Es ist sündhaft Kinder für die Heiligenverehrung dermaßen zu fanatisiren , « bemerkte ein fetter Herr mit großer Salbung . Obwol ich nur die Worte , nicht den Sinn verstand , machten sie mir einen starken Eindruck . Später sind sie mir oft eingefallen . Götzendienst ist : wenn die Form statt der Idee angebetet wird , wenn die Formel mehr gilt als der Inhalt , wenn die verknöcherte Gestalt ohne Geist jene Huldigungen empfängt , welche ihm gebühren . Demnach trieb ich damals keinen Götzendienst . Meine Pflegemutter , eine sanfte zärtliche Seele , und mein Pflegevater ein rechtschaffner warmherziger Mann , waren beide wahrhaft fromm und erzogen mich in wahrer , inniger Andacht und Liebe zu unsrer heiligen Kirche . Was in ihnen milde erquickende Frömmigkeit war , wurde in mir , zufolge meiner wilden schwärmerischen Natur , flammender Glaube , inbrünstige Andacht . Dies religiöse Element entsprach vollkommen der Richtung und dem Bedürfniß meiner Seele , und die Pflegeeltern nährten es sorgsam in mir . Sie hatten keine Kinder und liebten mich zärtlich , verwöhnten mich weit über meinen Stand , hatten unbegreifliche Nachsicht mit mir . Ich sollte in die Schule gehen ; ich that es nicht , es langweilte mich so sehr - der pedantische Lehrer , die gedankenlose Bubenschaar , die kahlen Wände der Schulstube , diese gräßlichen braunen Bänke und Tische ! - Menschen und Dinge kamen mir so unerhört häßlich vor , und draußen die Sonne , die Berge , der Fluß , die Vögel , die Schmetterlinge - ach Alles ! so schön , so wunderschön ! - Lesen hatte ich früh bei der Pflegemutter gelernt , der Legenden wegen die ich zu lesen wünschte , weil sie nicht immer Zeit hatte sie mir zu erzählen . Auch rechnen lernte ich bei ihr um ihr behülflich zu sein bei den Wirthschaftsrechnungen , die der Vater nicht immer correct finden wollte . Bis zum schreiben bracht ' ich es endlich auch noch - hauptsächlich durch den Gedanken angefeuert , Noten copiren und den Text darunter setzen zu können . Weiter nichts ! freilich auch Clavier- Orgel- und Geigenspiel und den Generalbaß ; aber in der Schule galt das nichts , sondern ich für einen dummen und trägen Buben . Es liefen Klagen über mich ein ; doch die Eltern meinten das müsse Schuld der Lehrer sein , denn Alles was sie mich lehrten lerne ich mit Fleiß , Ausdauer und Geschick . Es machte sich endlich so , daß ich im Winter mit Leidenschaft die Musik trieb , so daß ich ganz mager und abgezehrt wurde , und im Sommer mich davon erholte , meine Kräfte übte und meine Nerven stählte , indem ich wiederum mit Leidenschaft in Berg und Thal , stromauf , stromab umherschweifte . Tagelang blieb ich fort ! nach Tetschen pilgerte ich , und nach Teplitz . Einmal durchwanderte ich die sächsische Schweiz ; auf Prebisch-Thor hatte ich ein furchtbares Gewitter ; - in Schandau gesellte ich mich zu böhmischen Musikanten und setzte die ganze Bande durch mein Geigenspiel in Erstaunen . Liebe Erinnerungen - das ! Geld hatte ich nicht viel auf meinen Wanderungen . Der Vater schenkte mir nie Geld : ich mußte es mir mit Notenschreiben verdienen ; aber die Mutter gab mir zuweilen ein blankes Fünfkreuzerstück . Damit zog ich ins Weite . Sie sorgten auch nie um mich ! sie hatten Vertrauen zu mir und ich rechtfertigte es . Ich kehrte heim an dem Tage , zu der Stunde , die ich ihnen vorher bestimmt hatte . Aber ich selbst ließ mir nichts vorschreiben ! es mußte Alles nach meinem Willen gehen , jedoch blieb ich meinem einmal gegebenen Wort mit einer unerschütterlichen Festigkeit treu . Die Freunde und Nachbarn sprachen zuweilen ihr Erstaunen gegen meine Pflegeltern über meine seltsame Art aus , und fragten was aus mir werden solle . Dann sagte die Mutter immer mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit : » Was Gott will ! « und der Vater meinte : » Ein tüchtiger Musiker . « Zu Letzterem war ich fest entschlossen . Musik ! Musik ! ich begriff nichts Anderes , und begriff auch sie wiederum in meiner Weise . Die Seele welche ich der Natur und dem Weltall lieh , sprach zu mir in Musik . Ich hörte Musik auf den Wellen der Elbe , im Rauschen der Bäume , im Summen der Insecten - Musik am hohen heißen Sommermittag wenn tiefe Stille und Schwüle über der Natur brütete - Musik an Winterabenden wenn der Sturm pfeifend und sausend wie ein ungestümer Eroberer daher tobte - Musik in lauen Frühlingsnächten wenn ein süßer wilder Schauer wie ein träumerisches Erwachen der Leidenschaft , wie ein ätherischer , entzündender Kuß , die Natur durchrieselte . Die Berge hatten eine Stimme für mich ; sie hieß Musik . Ja die Sterne wandelten für mich am Firmament im harmonischen Reigen einher , und ich hörte Musik wenn ich zu ihnen emporsah . Aber gleichsam nach Innen mußte ich lauschen um all jene Musik zu verstehen . Meine Seele mußte jene ungeheuern Harmonien in sich aufnehmen und verarbeiten , und sie mir dann in ihre Sprache übersetzt mittheilen . Mein Pflegevater rieth mir meine musikalischen Gedanken aufzuschreiben ; ich that es auch nach den Regeln der Composition , die ich fleißig bei ihm studirte . Doch das waren schwache , matte Exercitien , und fand sich einmal eine musikalische Idee dazwischen , so war sie nichts als eine Reminiscenz . Die kleine kindische Seele hörte nur die gewaltigen Schwingen des Genius der Musik um sich rauschen und klingen ; sie zeigte nur Verständniß , nur Befähigung . Die Schöpferkraft liegt nicht in der Sphäre der Kindheit . Unsinn ist es sie von ihr zu erwarten , Missethat - sie erzwingen zu wollen . Wer