legte Magnus das Buch weg und trank den Rest seiner Chocolade . » Was willst Du , Jean ? « fragte er den Kammerdiener , der bewegungslos , den Sammetrock des Gebieters auf dem Arme , im Zimmer stand . » Mit Ew . Gnaden gütiger Erlaubniß wollte ich unterthänigst melden , daß so eben zum dritten Male zur Kirche geläutet worden ist . « » Schon so spät , Jean ? - Ja , dann muß ich mich beeilen . Die Zeit vergeht doch wunderbar schnell bei angenehmer , geistreicher Lectüre . « Magnus erhob sich von seinem bequemen Lager , winkte dem Kammerdiener , ihm dem Pudermantel umzuwerfen und ließ sich die Haartour in Ordnung bringen . Dabei gähnte er mehrmals . » Der gnädige Herr Graf scheinen eine schlaflose Nacht gehabt zu haben . « » Ach nein , guter Jean , ich langweile mich nur im Voraus schon bei der stundenlangen albernen Predigt unseres zahnlosen alten Pfarrers . « » Dann brauchen ja Ew . Gnaden blos nicht in die Kirche zu gehen , « sagte Jean . » Sind Sie nicht Ihr eigener unabhängiger Herr ? « » Nicht so ganz , wie Du glaubst . Ich muß meinen Unterthanen mit gutem Beispiel vorangehen und mich also ihnen zu Liebe zu Tode langweilen . Man hält mich für einen Freigeist , ich weiß es bestimmt , und eben deßhalb will ich von heut an jeden Sonntag die Kirche besuchen . Ich gebe Dir mein Ehrenwort , Jean , es geschieht blos so lange , bis sich die dummen Bauern von meiner wahrhaftigen Gottesfurcht augenfällig überzeugt haben . « Es war nämlich Magnus erzählt worden , daß viele seiner Unterthanen laut geäußert hatten , ihr Herr müsse ehestens vom Himmel bestraft werden , weil er nicht ein einziges Mal das Gotteshaus besucht habe , und so hielt er es denn für unumgänglich nöthig , sich in die Umstände zu fügen . » Noch kein Bote von Boberstein angekommen ? « fragte er , während ihm der Kammerdiener den Pudermantel abnahm und einige weiße Tüpfel von Stirn und Wange stäubte . » Man hat noch nichts gehört . « » Wie geht es mit Sultan ? « » Der Voigt ist mir die Antwort auf meine Frage bis jetzt schuldig geblieben . « » Warum ? Sollte Sultan ' s Leben bedroht sein ? - Geh , Jean ! Bescheide den Voigt zu mir . Ich will sogleich die genaueste Nachricht über das Befinden meines Lieblingspferdes haben . « » Irre ich nicht , gnädigster Herr , so höre ich den schwerfälligen Tritt des Voigtes auf dem Corridor . « So war es . Der Voigt erschien . Er hatte einen ziemlich großen Brief in der Hand , der schlecht couvertirt und mit schwarzbraunem Siegellack äußerst plump verschlossen war . Auf dem Siegel konnte man kein bestimmtes Zeichen erkennen , da der vermuthlich ungeübte Schreiber zwei- oder dreimal das Petschaft in das halb geronnene Lack gedrückt hatte . » Du wirst täglich lässiger , Ephraim , « redete Magnus den Eintretenden ziemlich barsch an . » Wenn das so forfgeht , werde ich künftig eine Gesandtschaft an Dich abschicken müssen , um zu erfahren , wie Du Dich in meinen Diensten benimmst . Was bringst Du von Sultan für Nachricht ? « » Die Geschwulst mindert sich , gnädigster Herr , « versetzte der Voigt mit niedergeschlagener Miene , » bei sorgfältiger Pflege wird das arme Thier wieder vollkommen hergestellt werden . « » Das ist mir lieb , aber was zum Henker schneidest Du für Gesichter ? Und was hast Du denn da in den Händen ? « » Ich wollte Ew . Gnaden eben um Entschuldigung bitten der Säumniß wegen , der ich mich schuldig gemacht habe . Dieser Brief - « » Brief ? « fiel Magnus schnell ein , mit dem rechten Arm in den Sammetrock fahrend und so plötzlich dem Voigte entgegenschreitend , daß er dem Kammerdiener das Kleidungsstück entriß und es auf dem Boden hinter sich fortschleifte . » Ein Brief von Boberstein ? « » Von dem Stammschlosse des gnädigen Herrn ist mir ein solcher Brief noch nicht zu Gesicht gekommen , « versetzte der Voigt . » Ueberhaupt habe ich solche Schriftzeichen noch niemals erblickt , und eben deshalb zögerte ich mit der Ueberreichung . « » Wer brachte ihn ? Wie kam er an Dich ? « fragte Magnus hastig , jetzt mit Hilfe des Kammerdieners auch den zweiten Aermel seines Feierkleides anziehend . » Ich fand ihn , gnädigster Herr . Draußen am Thor zwischen Schloß und Riegel war er eingeklemmt . « » Vermuthlich ein Pasquill , « sagte Magnus verächtlich , » laß doch sehen ! « Der Voigt überreichte das ungleich gefalzte , äußerlich beschmuzte Schreiben . Magnus besah das verwischte Siegel , die unleserliche , gekleckste Handschrift . » Vielleicht ist es ein Brandbrief . Man hat neuerdings verschiedene auf Edelhöfen ausgeworfen , um Milderung der Hofedienste zu erzwingen . Wie ich höre , haben sich einige Furchtsame dadurch einschüchtern lassen und wirklich Versprechungen gethan . Bei mir können diese Thoren auf solche Weise nichts erlangen . Ich trotze der Rohheit und werde um so härter strafen , je unerlaubter ein solches Verfahren ist . « Während dieses Gesprächs hatte er den Brief erbrochen . Schon beim Durchlesen der ersten Zeilen runzelte er die Stirn und wechselte die Farbe . » Was ist das ? « hörten ihn Voigt und Kammerdiener murmeln . Er las noch einige Zeilen , worauf die Anwesenden bemerken konnten , daß ihm die Hände zitterten . » Meinen Wagen ! « befahl er dem Voigt . » Du , Jean , hole mein Gesangbuch aus der Bibliothek . « Kaum hatten sich die Diener entfernt , so warf sich Magnus auf einen Stuhl und stampfte wüthend mit dem Fuße . » Abscheulich ! « rief er . » Mich zwingen zu wollen und in so stolzen , beleidigenden