einem Munde mit mir sprach Kirchberg , der gegenwärtig war : » Sie müssen produziren . « » Immer soll ich mich ganz extraordinär benehmen , Ihr wunderlichen Leute , « sagte sie mit ihrer alten Heiterkeit ; » aber doch nur grade so weit , wie Euch das Ungewöhnliche nicht extravagant erscheint . Ach , wie seid Ihr so schwerfällig , Ihr Subtilen ! - Aber heut ' hab ' ich wirklich Lust , das Innere des Campo santo zu zeichnen ; Ihr könnt allein spazieren reiten ! « Dieser Entschluß wurde dahin abgeändert , daß sie erst mit uns einen Spazierritt machte , worauf wir sie zum Campo santo begleiteteten und ihr Pferd mitnahmen . Sie blieb allein unter der Obhut der Kustoden . In zwei Stunden sollte ich ihr den Wagen schicken . - Ich war höchst befremdet , als der Wagen leer zurück kam und der Diener meldete , der Kustode habe gesagt , die Signora sei schon vor einer Stunde fortgefahren . Ihr Zeichnenbuch brachte er ; der Kustode hatte es im Campo santo auf der Erde gefunden . Ich glaubte , Bekannte hätten Faustine zu einer Spazierfahrt entführt ; doch war mir bänglich zu Muth , weil sie niemals bestimmte Stunden versäumte . Jetzt war es halb 5 ; um 5 speisten wir , aber sie war um halb 6 noch nicht da . Dies überschritt all ' ihre Gewohnheiten ! mich befiel unsägliche Angst , Kirchberg konnte mich nicht beruhigen ; ich ließ aufs Gerathewohl anspannen . Da kam sie auf einmal , zu Fuß , im Reitanzug , leichenblaß , verstört , athemlos . Wie zerbrochen fiel sie in meine Arme , und ächzte : » Er ist da ! er ist da ! er stirbt und will mich nicht sehen . « Andlau war in Pisa , todtkrank an seinen alten Brustwunden . Der milde Tag hatte ihm große Sehnsucht gegeben , das Campo santo zu sehen , und er war in Begleitung seines Arztes hingefahren . So wie Faustine ihn gewahrte , erkannte sie ihn , trotz der Verwüstung der Krankheit , und flog ihm mit einem Weheruf entgegen . Andlau aber streckte die Hand abwehrend aus , und sank ohnmächtig in die Arme des Arztes . So ward er in den Wagen und in seine Behausung gebracht ; Faustine begleitete ihn verzweiflungsvoll . Der Arzt beschwor sie , den Kranken zu verlassen , als er wieder zur Besinnung gekommen , da ihr Anblick ihn tödtlich erschüttere . » Er soll mich auch nicht sehen , « sagte sie und rang die Hände ; » aber lassen Sie mich nur hier im Vorzimmer , damit ich ihn sehen kann . « So blieb sie zwei Stunden . Andlau erholte sich momentan . » Er fragte nicht den Arzt nach mir , und wo ich geblieben sei , « sagte Faustine traurig ; » da fiel mir ein , wie Du besorgt sein müßtest , Mario , und ich kam heim . « - Dies erzählte sie Alles so hastig , so abgebrochen , daß wir sie kaum verstehen konnten . Kirchberg ging sogleich zu Andlau ; er kannte ihn aus früherer Zeit . Sie gab ihm einen Diener mit , der ihr jede Stunde Nachricht bringen sollte . Anfangs lautete sie immer gleichförmig . Faustine ging den ganzen Abend auf und ab im Zimmer und sagte zuweilen : » Mario ! Mario ! Mario ! ich tödte ihn ! dem Clemens hab ich Leib und Seele getödtet ; .... Ihm , das Herz .... und jetzt auch den Leib . « Gegen Mitternacht kam Kirchberg und fragte Faustine , ob sie noch einmal Andlau sehen wolle ? er werde den Morgen nicht erleben . Sie stürzte sich in den Wagen ; Kirchberg begleitete sie . Er sagte mir hernach , sie habe sogleich neben Andlau niedergekniet , der mit geschlossenen Augen und schon über den Todeskampf hinaus auf dem Bett gelegen . Sie sagte fast unhörbar : » Anastas ! « - und er , der nichts mehr beachtete , hörte auf ihre Stimme , öffnete die Augen , lächelte , versuchte die Hand ihr zu reichen , sagte » Ini ! « und verschied . Ihr gehörte jeder Hauch seines Lebens , auch der letzte . In der folgenden Nacht , bei Fackelschein , fuhren wir in einer Barke mit seiner Leiche den Arno hinab nach Livorno , wo sie auf dem protestantischen Gottesacker ihre Ruhestatt fand . Faustine war dabei . Sie schien absichtlich all diese Emotionen zu suchen , vielleicht in der Hoffnung , ihrem Schmerz dadurch einen Ausweg zu bahnen . So macht man Wunden größer , damit die Kugel oder der Splitter herausgenommen werden können . Aber bei ihr blieb der Splitter . Sie verfiel in herzzerreißende Trauer . Zuweilen sagte sie mit heißer Sehnsucht : » O , wenn Gott mir doch einen großen Gedanken in die Seele hauchen wollte , so wie sonst , daß ich ihn ausbilden , ihn auch Andern verständlich machen , und mich daran erfreuen könnte ! aber nichts ! nichts ! meine Seele ist dürr und öde , keines Aufschwungs mächtig , ausgesperrt aus ihrem alten Himmel der Begeisterung , der Phantasie , der Kunst . Laß mich einen neuen suchen , Mario ! den , welchen die Religion uns verheißt . Laß mich den Rest meines Lebens einzig Gott weihen , und in ein Kloster gehen . « » Du tödtest Dich ! « sagte ich mit dumpfer Verzweiflung . » Nein , « antwortete sie , » dort werd ' ich still werden . Mario , dies Fieber in mir , das durch nichts auf der Welt gestillt werden konnte , nicht durch die Liebe , nicht durch den Schmerz , nicht durch das Glück , nicht durch den Genuß , durch nichts , nichts , was sonst der Menschen Lust und Wonne oder ihre Vernichtung ausmacht - dies Fieber , das mich rastlos umhertreibt ,