breiten Strome schwammen unzählige Gondeln . Das Ufer entlang schwärmten singende Gruppen . Unter den Spazierengehenden fiel mir eine kräftige Männergestalt auf , die in Gang , Haltung und Tracht etwas Fremdartiges hatte . Der Mann war muskulös gebaut , hoch gewachsen , sein Haar zwischen blond und braun . Die Kleidung sehr fein , aber durchaus nicht europäisch . Dabei schien weltmännische Bildung ihm nicht fremd zu sein . Da er ohne Begleitung ging , gesellte ich mich zu ihm . Auf seinem Gesicht lag eine Heiterkeit , wie ich sie fast noch nie gesehen hatte . Es war nicht jener scherzend lose Frohsinn , wie ihn der Sanguiniker unseres Schlages gewöhnlich zur Schau trägt , es lag mehr Kraft , mehr Bewußtsein männlicher Stärke in diesen offenen Zügen . Das Gesicht war stark gebräunt , aber schön , einige leichte Falten umzogen die hohe Stirn , der Mund sprach Festigkeit aus , das Auge blickte frei und besonnen umher . Keine Tücke bog sich verstohlen in den glänzenden Himmel hinein . Eine solche Physiognomie macht den nämlichen Eindruck , wie jene melancholisch-tiefsinnigen Gesichter , denen wir , namentlich in Deutschland , so oft begegnen . Die gedankenbleichen Gesichter unserer Jünglinge ziehen an , aber wecken auch ein Schmerzgefühl in uns , das mit einem Male jede wahrhaftige Freude lächelnd umbringt . Man kann sich nicht erfreuen an diesem Tiefsinn eines grübelnden Lebens , er drückt nieder , so interessant er ist , es ist der Tod unseres Volkes , der uns auf jedem Schritte heimlich nachschleicht . Der Fremde blieb an einer Krümmung des schmalen Fußpfades stehen und betrachtete den Strom , die Stadt mit ihren alten vielen Thürmen und dem ungewohnten Leben , das herüber und hinüber zog über die Schiffsbrücke . Sein Auge blieb heiter , ein sanftes Lächeln bewegte in glücklichem Stolz die männlich reifen Züge , die starke Brust schien nie geschwächt worden zu sein durch angstvolles , öfteres Seufzen . » Das Volk ist heut einmal recht vergnügt , « sprach ich , zu dem Fremden tretend , » man findet eine solche ungebundene Fröhlichkeit nicht alle Tage . « » Es ist ein mächtig lustiges Leben , « erwiederte der Fremde in reinem Deutsch , aber mit fremdartigem Accent . Das » mächtig lustig , « ließ mich sogleich den freien Sohn Nordamerika ' s in ihm erkennen . Eine junge Hoffnung schoß üppig auf in meinem Herzen bei dieser Wahrnehmung . Es war der erste Amerikaner , den ich sprach , und die letzten Wochen hatten mir das ferne Land im Westen so nahe gebracht , so eng in den Kreis meiner Wünsche und Lebenserwartungen eingesponnen , daß ich mich selbst einen Bürger dieses fabelhaften Weltreichs fühlte . » Haben Sie Ihr überatlantisches Vaterland schon längst verlassen ? « fragte ich , in der Absicht des Fremden Stolz zu wecken und dadurch zu einem Gespräch über Amerika zu nöthigen . » Woher wissen Sie , daß Amerika mein Geburtsland ist ? « » Ihr freies Wesen , ihr männlich froher Blick verriethen es mir . « » Wahrlich , Sie verrathen mir gleichermaßen , « erwiederte der Amerikaner , » daß Sie ein Europäer sind . Das ist ein mächtig schmeichelndes Volk , unbehaglich für uns mehr als grade , etwas derbe Menschen . Warum schmeicheln Sie mir , der ich Sie eben so wenig kenne , wie Sie mich ? « Es ist beschämend , gestehen zu müssen , daß ich nicht im mindesten die unbewußt ausgesprochene Schmeichelei gefühlt hatte . So unnatürlich sind wir geworden durch die Verhältnisse , daß selbst die offenste Ehrlichkeit nicht mehr fühlt , wenn sie aus Ehrlichkeit unehrlich wird . Complimente sind so dicht verwachsen mit unserm Leben und Denken , daß ein glücklicher Gedanke gewiß das Halsbrechen riskirte wenn er nicht in gehörigem Schritt dem Leben Reverenz machen dürfte . Es ist zum verzweifeln ! Du glaubst nicht , Ferdinand , wie erbärmlich klein ich mich fühlte mit all meiner sublimen Bildung gegenüber der Gradheit dieses ehrlich stolzen Amerikaners . Ich machte keine Entschuldigung , sondern gestand offen und frei meinen Fehler . Dies gefiel dem Amerikaner . » Wie heißen Sie ? « fragte er , meine Hand tüchtig schüttelnd . Ich nannte meinen Namen . » Schön , « sprach er , » und der meinige ist Burton . Ich bin aus Cincinati am Ohio . Kommen Sie . Der Rhein ist ein mächtiger schöner Strom , mit dem Ohio aber kann er sich nicht messen . « Wir gingen den Strom entlang . Der Jubel des Volks versank in die Ferne . Die Sterne blinkten mild herab vom blauen Himmel , in stillem Glanz stieg der Mond auf und überstrahlte das alte Köln mit duftigem Schimmer . Felix , der bisher den Amerikaner von allen Seiten betrachtet hatte , ergriff jetzt Burton ' s Hand , indem er sagte : » Laß ' mich sie küssen , Amerikaner ! Vater hat immer gesagt , ein Amerikaner sei ein ganzer Mensch , und das ist einmal ganz wahr gewesen vom Vater . Ich bin Dir gut , Amerikaner , und ich möchte wol auch einer werden , wenn die Mutter es nur erlauben wollte . Du siehst grade aus , wie ein ganzer Mensch . « » Ein liebes Kind , « sprach Burton , » nur etwas idealisch . Das taugt nichts , am wenigsten für Amerika . Indeß der Knabe würde sich schon ändern . « » Auf dem Ohio würde ich Schiffe bauen , « sprach Felix » und damit in den Missisippi fahren . Das muß ein recht großer Strom sein . « » Es ist ein mächtig großes Wasser , der Vater der Gewässer , mein Sohn . « Nach einigem Hin- und Herfragen erfuhr ich von Burton , daß er bereits seit zwei Jahren sein Vaterland verlassen habe , um Europa und vor allem Nordamerika ' s Mutterstaat , England , zu besuchen . Handelsverbindungen