seine Erziehung leiten sollte , damit , wie er unverholen äußerte , der Knabe nicht durch die Mutter den Händen der katholischen Priester übergeben werden möchte . Meine unglückliche Mutter erfuhr also den doppelten Schlag des Geschickes , daß sie den Mann ihrer Liebe verlor , ohne , wie sie meinte , seine Seele gerettet zu haben , und daß gleich nach dessen Tode ihr auch der Sohn entrissen wurde , um dessentwillen sie nur noch lebte . Da es nun durch die Entfernung des Knaben der trauernden Mutter unmöglich gemacht wurde , unmittelbar für seine Bekehrung zu wirken , in welchem Gedanken sie einen schwachen Trost beim Tode des Mannes gefunden hatte , so blieb nichts übrig , als mittelbar durch ihr und mein Gebet dahin zu wirken , und ich wurde zu allen geistlichen Uebungen schon in dieser zarten Jugend angehalten . Da es wie eine ausgemachte Sache betrachtet wurde , daß mein Leben dem Dienste Gottes im Kloster geweiht sei , so hegte ich selbst auch keinen andern Gedanken , und da meine Mutter den Einfluß lebensfroher Gespielen fürchtete , so erzog sie mich in völliger Einsamkeit ; ich sah beinah nur den Beichtvater und sie ; und als Grund für diese Zurückgezogenheit wurde ohne Hehl meine Bestimmung zum Klosterleben angeführt , so daß ich nicht Theil nahm an den wenigen Gesellschaften , die meine Mutter besuchte , und auch das Gesellschaftszimmer verließ , wenn zuweilen Besuch bei uns erschien . Ich fügte mich ohne Zwang und ohne Klage in diese Einsamkeit ; ich lebte in Träumen , die meine Phantasie erzeugte ; ich bildete mir innerlich ein wunderbares , reiches Leben und hielt mich so für alle äußeren Entbehrungen schadlos . Mein lebhafter Geist , der mit nichts genährt wurde , mußte alle Beschäftigung in sich selber suchen und führte mich oft an die Gränze des Wahnsinnes , denn ich glaubte selbst an meine wachen Träume . Die einzige Störung dieses einsamen , träumerischen Lebens trat ein , wenn uns mein Bruder , von seinem Vormunde begleitet , besuchte . Der muntere Knabe verspottete die werdende Nonne , und wenn er prahlend von der Heiterkeit seines Lebens erzählte , so regte sich zuweilen die Sehnsucht in meiner Brust , Theil an seiner Freude zu nehmen . Auf meine Mutter machten diese Besuche , nach denen sie sich so heftig sehnte , jedes Mal den traurigsten Eindruck , und unsere Gebete in der Einsamkeit wurden verdoppelt , um eine Bekehrung zu erflehen , die immer zweifelhafter zu werden schien . Mein Bruder hatte ungefähr das Alter von sechzehn Jahren erreicht , als ich bemerkte , daß sein Betragen gegen uns anders wurde . Er kam jetzt zuweilen allein , theils weil seinem Vormunde der Aufenthalt bei uns langweilig war , theils weil er glaubte , mein Bruder sei so befestigt in seinen religiösen Ansichten , daß die Mutter keinen Einfluß mehr auf ihn würde ausüben können . Diese Besuche gewährten dieser einen kaum mehr gehofften Trost ; mein Bruder spottete nicht mehr über meine Bestimmung , ja er konnte mit Bewunderung von der Heiligkeit eines einsamen , Gott geweihten Lebens sprechen ; er ließ in solchen Stunden meine arme Mutter hoffen , daß , sobald er das mündige Alter erreicht haben würde , er sich in den Schooß der katholischen Kirche würde aufnehmen lassen , und es bedurfte keiner großen Ueberredung , um die Mutter und den Beichtvater zu überzeugen , daß diese frommen Gedanken vor dem Vormunde verborgen gehalten werden müßten , damit dieser nicht den Sohn auf ' s Neue von der Mutter trennte . Die arme Frau hatte sich ohne große Kunst von dem Manne täuschen lassen , der ihre Liebe gewann , und ließ sich nun noch bereitwilliger von einem Knaben hintergehen . Sie bemerkte es nicht , daß sie diese frommen Aeußerungen jedes Mal mit ansehnlichen Summen bezahlen mußte , die mein Bruder von ihren Ersparnissen empfing . Mein Vater hatte meiner Muter ein sehr mäßiges Einkommen bestimmt , da aber ihre Eltern in der Zwischenzeit gestorben waren , so hatte sie durch die ihr zugefallene Erbschaft bedeutendere Mittel , und mein Bruder hatte nicht so bald Kenntniß von diesem Zuwachs , als er ihn für sich benutzte , durch eine Heuchelei , die der Beweis einer großen Schlechtigkeit gewesen wäre , wenn er diesen Kunstgriff nicht mit kindischem Dünkel für das Zeichen eines starken Geistes gehalten hätte , der sich erlauben dürfte , die Schwachheit einer bigotten Mutter auf diese scherzhafte Weise zu benutzen . So hatte mein Bruder nach und nach das ganze Erbe meiner Mutter erhalten , ehe er sein mündiges Alter erreichte , und diese fing an die Entbehrungen zu fühlen , die sie sich aus Liebe für diesen Sohn selbst auferlegt hatte ; doch machte ihr dieß keinen Kummer , denn für mich war gesorgt , indem ich aus der Welt schied , und sie selbst konnte dann bei dem geliebten , geretteten Sohne den Rest des Lebens in heiliger Freude hinbringen . Ich war noch sehr jung , aber ich sah mit Befremden die bedenklichen Mienen , die mein Bruder zu solchen Träumen machte , wenn sie ihm mitgetheilt wurden . Ich war ungefähr funfzehn Jahr alt geworden , und meine Mutter fing sich an ernstlich darüber mit dem Beichtvater zu berathen , in welchem Kloster ich meine Probezeit hinbringen sollte , als ein Brief von einer Tante meiner Mutter ankam und unserem Leben eine neue Wendung gab . Diese Tante hatte sich mit einem bedeutenden Vermögen , die Schönheit der Natur zu genießen , nach der Schweiz zurückgezogen ; sie war alt und kinderlos , und forderte meine Mutter auf , mit mir zu ihr zu kommen , damit sie ihr Leben nicht unter fremden Menschen endigen müsse , und versprach zugleich , wenn meine Mutter diesen Wunsch bereitwillig erfüllen wollte , sie zu ihrer einzigen Erbin zu ernennen . Niemand unterstützte den Vorschlag dieser Tante eifriger als mein Bruder , und als meine Mutter