Liebe bei der Herzogin von P * * * mit Bernhard durchlebte , gingen bei diesem Anblick wieder an ihr vorüber , und weit drängten sie die Gegenwart zurück . Anna glaubte wieder Bernhards leisen Tritt zu hören , als schliche er herbei , als wolle er , wie er einst im fröhlichen Scherz gethan , über ihre Schulter blicken , um in dem kleinen Raume der hellspiegelnden Fläche sein Bild mit dem ihrigen zu vereinen . Wunderbar durch sich selbst getäuscht , glaubte sie das Wehen seiner Nähe zu empfinden , unwillkürlich warf sie einen Blick in das Innere des Kästchens - doch ach ! nicht das Bild des Geliebten , nicht das ihrer eignen längst entschwundnen Jugendblüthe lächelte ihr daraus entgegen - sie erblickte nichts weiter als ihre jetzige gealterte Gestalt . Ergriffen von der unnennbaren und doch so menschlichen Trauer um den versunknen Frühling ihres Lebens , bedeckte sie bei diesem Anblick ihr Gesicht mit beiden Händen , und sank mit einem kaum zu unterdrückenden Schrei des Entsetzens in ihren Armstuhl zurück , als habe erst in diesem Moment eine feindliche Gewalt ihre Jugendherrlichkeit mit einem Schlage zerstört . Was sie gelitten , was sie verloren , alle längst verjährten Schmerzen , die sie im Laufe ihres Lebens gefühlt und überwunden , drangen jetzt mit unsäglicher , neubelebter Gewalt auf sie ein ; das Gefühl des Alters überwältigte sie plötzlich mit seiner ganzen Trostlosigkeit , ihr starkes Gemüth unterlag dem Schmerze über den entsetzlichen Unterschied zwischen jetzt und damals , als diese nämliche Platte das leztemal ihr Bild ihr gezeigt hatte , und sie brach in bittre heiße Thränen aus , wie sie nie wieder sie weinen zu müssen gehofft hatte . Wir alle , Männer und Frauen , würden fühlen , wie Anna damals empfand , dürfte das Alter uns so plötzlich nahen , als der Tod , zu unserem Heile es darf ; aber die , ihre Kinder immer schonende Natur führt uns glücklicherweise in leisen Uebergängen , von Stufe zu Stufe dem Ziele unmerklich näher , das der blühendsten Schönheit , wie der unverwüstlichsten Jugendkraft , unvermeidlich , wenn gleich meistens unbeachtet gegenüber steht . Annas lang geübte Gewalt über sich selbst gab ihr indessen bald wieder Kraft genug , um den Inhalt des Kästchens näher zu untersuchen . Sie fand darin alles wie Raimund es ihr geschrieben hatte , eine versiegelte Abschrift seines letzten Willens , und die , sein nicht ganz unbeträchtliches Vermögen betreffenden Documente . Sie nahm alles dieses heraus und bereitete sich nun , die verborgenen Fächer des Kästchens zu öffnen , von deren Daseyn Raimund nichts wußte , und die auch ihr verborgen geblieben wären , wenn nicht Bernhard von Leuen sie einst zufälliger Weise damit bekannt gemacht hätte . Dabei war sie überzeugt , daß Raimunds Vater seinem Sohne das Daseyn dieser Fächer noch zu entdecken gewünscht hatte und daß nur das schmerzliche Gefühl , dieses nicht mehr zu vermögen , die letzten Stunden des sterbenden Greises beunruhigt haben mochte . Uebrigens konnte in dem kleinen Behältnisse diese verborgenen Fächer niemand ahnen , der nicht in das Geheimniß eingeweiht war . Denn die mit Gold eingelegte Arbeit , welche die elfenbeinerne Aussenseite fast über und über bedeckte , nebst den sehr massiv scheinenden silbernen Platten im Innern desselben waren mehr als hinlänglich , um die Dicke und Schwere des Deckels und Bodens vollkommen zu motiviren . Abermals schob jetzt Anna am Griff des Schlüssels die Rosette zurück , welche einen kleinen Magnet verbarg , dessen Kraft ein fast unsichtbares , im Innern des Kästchens angebrachtes stählernes Knöpfchen beseitigte und beide , im Deckel und im Boden angebrachte Silberplatten sprangen im nämlichen Momente auf , so wie sie die dadurch jetzt sichtbar gewordne Feder berührte . Mehrere Papiere , größtentheils Briefe , füllten , zierlich zusammengefaltet , beide , so lange verborgen gebliebene Fächer des Kästchens aus . Anna heftete den trüben Blick lange darauf , ohne daß sie es wagte , die Papiere zu berühren , denn ihr scharfes Auge erkannte sogleich in einigen von diesen Bernhard von Leuens Schriftzüge , und ihr war , als wolle der bleiche , längst geschlossene Mund des Todten noch einmal sich öffnen um ihr freundlichen Gruß aus einem höheren Leben zu senden , und ihr wirklich zu entdecken , was ihrem ahnenden Gemüthe schon längst , wenn gleich dunkel und unbestimmt , vorgeschwebt hatte . Mitten unter den Papieren schimmerte eine kleine Kapsel ihr entgegen ; mit zitternder Hand ergriff und öffnete sie diese , und fand darin einen Ring mit Bernhards Bildniß . Die edlen Züge , das seelenvolle Auge , im kleinsten Raum aufs treuste wieder gegeben , ganz so , wie sie zum erstenmal ihn sah , leuchteten ihr in blühender Jugendfrische entgegen , von blitzenden Diamanten umgeben . Sogar das Kleid schien dasselbe , welches Bernhard von Leuen bei jenem der Herzogin von P * * * zu Ehren gegebnen Feuerwerk trug . Das dunkle Behältniß , welches das schöne Miniaturbild so lange aufbewahrte , hatte die Farben vor dem Verbleichen geschützt , sie strahlten noch im ursprünglichem Glanze , und Anna erkannte mit erhöhter Wehmuth die Arbeit eines ehemals berühmten , jetzt ebenfalls schon längst entschlafnen Künstlers darin , der vor langen Jahren zu den Hausfreunden ihres Vaters gehört hatte . Sie betrachtete das Kleinod genauer , und unwiderstehlich drang sich ihr die Ueberzeugung auf , daß dieser Ring ihr zum Brautgeschenk bestimmt gewesen sey , ehe ein unseeliges Mißverstehen Bernhard von ihr entfernte ; denn ihr eigner Namenszug mit dem des Geliebten zierlich verschlungen , war der innern Seite desselben eingegraben . Jener wilde Schmerz , den sie so eben mühsam niedergekämpft hatte , erwachte bei dieser Entdeckung nicht wieder , wohl aber bemeisterte sich ihrer ein tiefes Gefühl inniger Wehmuth , dem sie ohne Widerstand mit schmerzlicher Freude sich hingab . Sie zog ein Gemälde Bernhards hervor , welches sie nie von sich lies , und das ihn so darstellte , wie er war