, es auf das Aeußerste ankommen zu lassen . Nordeck selbst kam nur selten nach dem einsamen abgelegenen Forsthause . Er hatte zu viel mit Wilicza zu thun , um jenem eine besondere Aufmerksamkeit widmen zu können . Auch jetzt wollte er offenbar nur hinüber , um durch sein persönliches Erscheinen einen Widerstand zu brechen , wie er ihm öfter entgegentrat , und dem er keine besondere Wichtigkeit beilegte . Entdeckte er aber , daß man auf der Försterei seinen Befehlen offen Hohn sprach , daß hier gerade der Widerstand gegen ihn organisiert wurde , so ging er schonungslos vor und entriß seiner Mutter auch diesen letzten Posten , wo sie Fuß gefaßt hatte , und die Entdeckung konnte nicht ausbleiben , sobald man ihm verriet , daß ihm von dorther eine Gefahr drohe . Das alles stand mit unerbittlicher Klarheit vor der Seele Wandas , aber ebenso klar stand dort auch die Gefahr Waldemars . Sie hatte die unumstößliche Ueberzeugung , daß jene Kugel , die ihn kürzlich bedrohte , aus der Büchse des Försters gekommen war , daß der Mann , dessen fanatischer Haß sich bis zum Meuchelmord verstieg , sich auch nicht bedenken werde , seinen Herrn niederzuschlagen , wenn dieser allein vor ihm stand , und sie mußte den Bedrohten gehen lassen . Verrat ! Vor diesem furchtbaren Worte sank all ihre Willenskraft machtlos zusammen . Sie war von jeher die Vertraute ihres Vaters gewesen ; er baute unbedingt auf seine Tochter und hätte mit Entrüstung den Gedanken von sich gewiesen , daß sie auch nur ein Wort von seinen Geheimnissen preisgeben könne , preisgeben , um einen Feind zu retten . Sie selbst hatte Leo mit ihrer Verachtung gedroht , als er in einer Aufwallung der Eifersucht zögerte , seiner Pflicht zu folgen ; jetzt befahl ihr diese Pflicht , die ihn nur von der Seite der Geliebten in den Kampf riß , das Schwerste , schweigend und unthätig zuzusehen , wie die Gefahr hereinbrach , die sie mit einem Federzug abwenden konnte , und diesen Federzug nicht zu thun . All diese Gedanken stürmten in wildem Wechsel auf die junge Gräfin ein , die ihnen fast zu erliegen drohte . Sie suchte vergebens nach einem Ausweg , einer Rettung . Immer wieder stand dieses furchtbare » Entweder – oder « vor ihr . Wenn sie wirklich noch nicht gewußt hätte , wie es in ihrem Innern aussah , diese Stunde würde es ihr enthüllt haben . Seit Monaten wußte sie Leo in der Gefahr und hatte um ihn gebangt , wie um einen teuren Verwandten , wohl mit Angst , aber doch mit der gleichen Fassung und dem gleichen Heldenmut , wie die Mutter , jetzt aber galt es Waldemar , und jetzt war es vorbei mit der Fassung und dem Heldenmut – sie flohen vor der Todesangst , die Wanda bei dem Gedanken an seine Gefahr durchschauerte . Aber es gibt einen Punkt , wo auch das wildeste , qualvollste Leiden der Betäubung weicht , auf Augenblicke wenigstens , weil die Kraft zum Leiden völlig erschöpft ist . Mehr als eine Stunde war vergangen , seit Wanda sich eingeschlossen hatte , und ihr Antlitz gab Zeugnis davon , was sie in dieser Stunde durchlebt hatte . Jetzt trat auch für sie einer jener Momente ein , wo sie nicht mehr kämpfen und verzweifeln , wo sie nicht einmal mehr denken konnte . Wie todesmatt warf sie sich in einen Sessel , lehnte das Haupt zurück und schloß die Augen . Da tauchte leise wieder das alte Traumbild auf , das sich einst aus Sonnenglanz und Meeresrauschen gewoben und mit seinem Zauber die beiden jugendlichen Herzen umsponnen hatte , die damals noch nicht ahnten , was es ihnen bedeutete . Seit jenem Herbstabend am Waldsee war es so oft wieder emporgestiegen und wollte sich mit aller Willenskraft nicht bannen und nicht verscheuchen lassen . War es doch auch vorgestern mit den beiden gewesen auf der einsamen Fahrt durch die winterliche Landschaft . Es flog mit ihnen über das weite Schneegefilde ; es dämmerte aus dem Nebel der Ferne und schwebte in dem düstern Wolkenzuge , der sich so tief herabsenkte – keine Oede , kein Eishauch hinderte sein Erscheinen . Auch jetzt stand es urplötzlich wieder da , wie von Geisterhand hervorgerufen , mit seinem goldig verklärenden Schein . Und doch hatte Wanda mit der ganzen Leidenschaft und Energie ihres Charakters dagegen gekämpft . Sie hatte Trennung und Entfernung zwischen sich und den Mann gestellt , den sie hassen wollte , weil er nicht der Freund ihres Volkes war , hatte in dem jetzt wieder so wild aufflammenden Streit der beiden feindlichen Nationen ihre Rettung gesucht – was nützte all das verzweiflungsvolle Kämpfen , der Sieg war ja doch nicht errungen worden . Jetzt galt es keinen Traum und keine Selbsttäuschung mehr . Sie wußte jetzt , welch ein Zauber es gewesen war , der sie damals auf dem Buchenholm umfangen , dessen halb zerrissene Fäden jene Stunde am Waldsee aufs neue und diesmal unzerreißbar geknüpft hatte – sie kannte endlich die Schätze , welche ihr die alte Wunderstadt gezeigt , nur auf flüchtige Minuten , um sie dann wieder mit sich hinabzunehmen in die Tiefe . Nur in einem hatte die Sage wahr gesprochen : die Erinnerung wollte nicht verlöschen , das Sehnen nicht schweigen , und mitten hinein in Haß und Streit , in Kampf und Widerstand klang es süß und geheimnisvoll wie der Glockenklang Vinetas aus dem Meeresgrund . – – – Wanda erhob sich langsam . Der furchtbare Widerstreit in ihrem Innern , der Kampf zwischen Pflicht und Liebe war zu Ende . Die letzten Minuten hatten ihn entschieden . Sie eilte nicht zum Schreibtisch , und die Feder blieb unberührt . Es galt keine Nachricht und keine Warnung mehr , sie schob nur den Riegel von der Thür zurück , und in der nächsten Minute rief der helle , scharfe Laut der Klingel den Diener herbei . Gräfin Morynska