herben Beigeschmack , aber Rottenstein achtete nicht darauf . Das drohende Gespenst dieses so ganz unerbetenen Schwiegersohnes , das da plötzlich vor ihm auftauchte , raubte ihm alle Fassung . Er traute freilich seiner Tochter einen derartigen Geschmack nicht zu , aber er kannte auch den Starrkopf seiner Friedel , die sich schon einmal aus Trotz zu einem Jawort hatte hinreißen lassen . Inzwischen ritt Wellborn ahnungslos an der Seite seiner Dame und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten , die heute besonders gnädig aufgenommen wurden . Endlich war das Ziel erreicht , ein kleiner , hochgelegener Bergort , malerisch und armselig wie die meisten in der Umgegend . Aber die Unterkunft in dem häufig von Fremden besuchten Wirtshause war leidlich , und selbstverständlich wurde hier eine mehrstündige Rast gemacht . Nach einem in Anbetracht der Verhältnisse ganz annehmbaren Frühstück wandte man sich nach dem eigentlichen Aussichtspunkte , der , noch eine Strecke entfernt , am Ausgange des Dorfes lag . Dort , auf einem felsigen Abhange , wo ein einsames , halb zerfallenes Gehöft stand , öffnete sich ein weiter und umfassender Ausblick über den schönsten Teil der Insel . Der Punkt war in der That herrlich . Adlau , der mit dem Fernglase in der Hand die Landschaft musterte , nannte dem Geheimrat die einzelnen Ortschaften und Berggipfel , da Herr Wellborn mit seinem unvermeidlichen Reisebuche anderweitig in Anspruch genommen war . Er half der gnädigen Frau , die ihr Skizzenbuch mitgenommen hatte , einen geeigneten Platz zum Zeichnen aussuchen . Als man endlich die Wahl getroffen hatte , breitete er mit der äußersten Sorgfalt seinen Plaid über die Steinmauer , um einen bequemeren Sitz zu schaffen . Rottenstein sah in stiller Verzweiflung zu , er hatte schon verschiedene , aber ganz erfolglose Versuche gemacht , den Diensteifrigen von der Seite seiner Tochter wegzubringen , – da auf einmal kam ihm ein rettender Gedanke . » Bitte , Herr Wellborn , auf ein paar Worte , ich möchte Sie etwas fragen ! « Damit faßte er den jungen Mann ohne weiteres beim Arm und zog ihn einige Schritte seitwärts , während er mit gedämpfter Stimme fortfuhr : » Was muß ich denn da von Adlau hören ! Sie stellen sich uns ganz bescheiden als Fabrikbesitzer vor , und dabei sind Sie Schriftsteller , werden ein großes Reisewerk veröffentlichen , ein berühmter Mann werden – und das erfährt man erst jetzt nach wochenlanger Bekanntschaft ! « Herr Wellborn sah unendlich geschmeichelt aus bei diesem Vorwurf , aber er erwiderte stolz bescheiden : » Das ist vielleicht noch verfrüht – die Berühmtheit meine ich – ich beabsichtige allerdings – das Werk ist nämlich noch nicht geschrieben . « » Ja , das sagte mir Adlau , aber er sprach doch von einem Manuskripte , das Sie ihm vorlesen wollten . « Wellborn nahm eine tiefbeleidigte Miene an . » Ich wünschte allerdings seine Kritik über das erste Kapitel – ich habe natürlich bis jetzt nur unsere Seereise und Korfu behandelt – aber er nahm das sehr merkwürdig auf , durchaus ablehnend , man möchte beinahe sagen – grob ! « » Das sieht ihm ähnlich , er kann ja stellenweise recht grob sein , « gab der Geheimrat zu . » Aber das ist bei ihm nur äußerlich , er hat trotzdem sehr eingehend mit mir darüber gesprochen , und ich interessiere mich ungemein für solche Dinge . Da könnten Sie ja – « er zögerte doch einen Augenblick , in der dunklen Vorahnung dessen , was er damit auf sich herabzog , vollendete dann aber opfermutig : » Da könnten Sie es ja mir vorlesen . « Das Gesicht des angehenden Schriftstellers verklärte sich förmlich bei diesem Vorschlag . » Herr Geheimrat – Sie wollen es kennen lernen ? « » Selbstverständlich – aber hier wird das nicht angehen . Meine Tochter hat jetzt nur Sinn für ihre Skizze , und Adlau ärgert Sie am Ende wieder mit irgend einer rücksichtslosen Bemerkung , er scheint mir heute sehr kritisch angelegt . Kommen Sie , wir gehen nach dem Wirtshause zurück , da sind wir ganz ungestört . « Wellborn zögerte , er hätte es offenbar vorgezogen , auch Frau von Wilkow als Zuhörerin zu haben , aber die letzte Bemerkung entschied . Er hatte keine Lust , nochmals die » stellenweise Grobheit « des Hinterwäldlers auszuhalten , und willigte deshalb ein . » Wir gehen nach dem Wirtshause ! « rief der alte Herr jetzt laut den beiden anderen zu . » Laß dich nicht stören , Elfriede , vollende ruhig deine Skizze , und Sie , Robert , werden wohl auch noch etwas hier herumsteigen wollen . Ihr braucht euch gar nicht zu beeilen , wir haben ja Zeit , mindestens noch eine Stunde ! « Damit faßte er das Opfer seiner Intrigue freundschaftlich unter den Arm und zog es mit sich fort . Jetzt brauchte er sich nicht mehr anzustrengen mit dem Reden , das besorgte Wellborn , der sich in seinen litterarischen Plänen erging und dabei sein Manuskript , ein sehr dickleibiges Heft , aus der Tasche zog . Unter anderen Umständen hätte der Umfang dieses ersten Kapitels dem Geheimrat einen gelinden Schauer verursacht , heute aber blickte er mit außerordentlichem Wohlgefallen darauf und ließ sich sogar die Schrift zeigen . Das dauerte ja jedenfalls noch viel länger als eine Stunde , da konnte sich jene andere Angelegenheit hinreichend entwickeln ! Wellborn dagegen war sehr angenehm berührt durch diese so lebhaft kundgegebene Teilnahme , und so langten denn beide im allerbesten Einvernehmen beim Wirtshause an . » So , nun wollen wir es uns gemütlich machen ! « sagte der alte Herr . » Bestellen Sie uns noch etwas von dem ausgezeichneten Tropfen , den sie da drinnen haben ! Dann setzen wir uns drüben unter die Oliven , und es kann losgehen . « Der Platz war gut und der Wein war noch besser . Zwar gaben die Oliven nur spärlichen Schatten , aber man wußte sich