rasende Eifersucht den Verschmähten dort ; er gönnte dem toten Bruder bis heute nicht , daß das glühend begehrte Weib sein eigen gewesen ... » Diese › angstvolle Zärtlichkeit ‹ war glücklicherweise nicht von Dauer , « sagte er heiser . » Der gute Gisbert ist noch rechtzeitig zur Vernunft gekommen ; er hat die › berühmte Lotosblume ‹ als – eine Unwürdige verstoßen . « » Dafür fehlten mir die vollgültigen Beweise , Onkel – « Als quelle die Windsbraut von gestern durch das Fenster und treibe die verdorrte , gebrechliche Höflingsgestalt vor sich her , so plötzlich verließ der Hofmarschall den Fensterbogen und stand vor seinem Neffen . » Die vollgültigen Beweise , Raoul ? Sie liegen drüben im weißen Saale im Raritätenkasten , der gestern leider das Opfer einer Attacke gewesen ist . Ich werde dir doch wahrhaftig nicht wiederholen sollen , daß du Onkel Gisberts fest und unwiderruflich ausgesprochenen letzten Wunsch und Willen gestern nachmittag erst prüfend in den Händen gehabt hast ? « » Ist jener Zettel das einzige Dokument , auf welches du dich stützest ? « fragte Mainau kurz und rauh – der impertinente Ausfall gegen Liane hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben . » Das einzige allerdings – Raoul , wie kommst du mir vor ? Was soll noch gelten auf Erden , wenn nicht die eigenhändige Niederschrift des Sterbenden ? « » Hast du ihn schreiben sehen , Onkel ? « » Nein – das nicht – ich war selbst krank . Aber ich kann dir einen Zeugen beibringen , der es mit gutem Gewissen beschwören wird , daß er Buchstaben für Buchstaben hat niederschreiben sehen – schade , daß er vor einer Stunde nach der Stadt zurückgefahren ist . Du hast dich zwar in neuester Zeit seltsam zu unserem Hofprediger gestellt – « Mainau lachte fast heiter auf . » Lieber Onkel , diesen klassischen Zeugen verwerfe ich hier und vor dem Gesetze . Zugleich erkläre ich die Wirksamkeit jenes sogenannten Dokumentes für null und nichtig und außer aller Kraft . O ja , ich glaube , daß der Herr Hofprediger bereit ist , zu schwören – er schwört bei seiner Seelen Seligkeit , daß er dem Sterbenden die Feder eingetaucht hat – warum denn nicht ? Den Herren Jesuiten ist ja ein Schleichpförtchen in den Himmel garantiert , wenn sie das große Entree der Seligen allzusehr verwirken sollten ... Ich muß mich selbst anklagen , gehandelt zu haben , wie ein Mann von Gewissen nicht handeln soll . Ich war nicht zugegen , als der Onkel gestorben ist – als Miterbe seiner reichen Hinterlassenschaft mußte ich doppelt vorsichtig sein und durfte nicht Anordnungen sanktionieren , lediglich gestützt auf ein kleines Stück Papier , das kein gerichtlicher Zeuge beglaubigt . In einem solchen Falle soll und darf man sich nur an den klaren Wegweiser des Gesetzes halten . « » Gut , mein Freund , « nickte der Hofmarschall – er war unheimlich ruhig geworden . Den Krückstock vor sich auf das Parkett stemmend , stützte er beide Hände darauf und ließ seine kleinen , funkelnden Augen über das schöne Gesicht des Neffen hinspielen . » Nun bezeichne mir aber auch das Gesetz , unter dessen Schutze die Frau im indischen Hause steht . Sie ist vogelfrei , denn sie war nicht meines Bruders eheliches Weib ... Wenn wir uns also an › den klaren Wegweiser ‹ halten wollten , dann hatten wir das Recht , sie sofort über die Schwelle zu stoßen , denn es existierte kein gerichtlich beglaubigtes Testament , das ihr auch nur einen Bissen Brot oder ein Nachtlager auf Schönwerther Grund und Boden zusicherte . Haben wir in dem Punkt nicht nach dem eisernen Gesetze gefragt , so sind wir in dem anderen Falle auch davon entbunden . « » Onkel , soll das Logik sein ? Also weil wir nicht teuflisch erbarmungslos gewesen sind , darum steht uns nun das gute Recht zu , nach einer unverbürgten letztwilligen Verfügung zu handeln , die eine grausame ist ? ... Gesetzt aber , Onkel Gisbert habe in der That das Dokument verfaßt und geschrieben und die Frau verstoßen , weil Gabriel nicht sein Kind gewesen , was , frage ich , gab ihm dann die Befugnis , über das Schicksal des ihm völlig fernstehenden Knaben aus eigener Machtvollkommenheit zu entscheiden ? ... Ich war noch ein junger , unbesonnener Kopf , als Onkel Gisbert starb . Was frug ich damals nach Gesetz und gründlicher Prüfung ! – Mit genügte deine Mitteilung , daß die Indierin eine Treulose gewesen , um mich toll und blind zu machen , denn ich hatte den Onkel innig geliebt ... Nur das entschuldigt mich einigermaßen . Später bestärkte mich der Knabe durch seine sklavische Fügsamkeit in dem festen Glauben , daß er keinen Tropfen des herrischen , stolzen Blutes der Mainaus in seinen Adern habe – ich stieß ihn wie einen Hund mit dem Fuß aus meinem Wege und habe die Verfügung , daß er Mönch werde , als vortrefflich passend , stets gebilligt – das widerrufe ich hiermit als einen beklagenswerten Irrtum meinerseits . « Auf diese letzten feierlichen Worte folgte eine sekundenlange , atemlose Stille . Selbst Leo mochte instinktmäßig fühlen , daß im nächsten Augenblicke ein Riß durch das Haus Mainau gehen werde – er bog , seitwärts an die junge Frau geschmiegt , den Kopf vor und sah mit weitoffenen , ängstlichen Augen in das tiefernste Gesicht seines Vaters . » Willst du die Güte haben , dich deutlicher auszusprechen ? Du weißt , mein Kopf ist alt ; er faßt nicht mehr rasch ; am wenigsten aber das , was nach modernem Umsturze aussieht , « sagte der Hofmarschall . Seine hagere Gestalt streckte sich steif und fremd , in einer Art von eisiger Unnahbarkeit – in diesem Moment bedurfte er des stützenden Stockes nicht ; die Spannung hielt ihn aufrecht . » Mit Vergnügen , lieber Onkel . Ich sage kurz und bündig :