Kinderstube . Die kleine Leonie lag nach dem Bade schlafend im Bettchen . Da war Ihre Durchlaucht Prinzeß Thekla erschienen , fix und fertig zur Abreise , hinter ihr Frau von Berg , und hatte nichts mehr und nichts weniger verlangt als das Kind ! Die alte Dörte hatte sich darauf mit ausgebreiteten Armen vor das Bettchen gestellt und erklärt , das müßte der Herr ihr erst selbst sagen , daß die Kleine mit der Großmutter abreisen solle ! Durchlaucht vergaßen sich aber in diesem Augenblick so weit , daß sie die alte Bäuerin höchst eigenhändig an die Seite zu schieben versuchten . Allein so ein derbes Weib steht fest an seinem Platz . » Das mag Gott mir verzeihen « , hatte die Alte gesprochen , indem sie den fürstlichen Händen energisch wehrte , » daß ich so den Respekt vergesse gegen eine , die zu unserem durchlauchtigen Herzogshause gehört ! Aber er wird mir verzeihen , ich tue meine Pflicht , ich lasse meinem Herrn nichts stehlen . « » Einfältige Person « , hatte Frau von Berg gescholten , » wer will denn stehlen ? Ihre Durchlaucht ist die Großmutter des Kindes . « » Mein Herr mag ' s mir selbst sagen ! « war die Gegenrede gewesen . » Ihr Herr ist ja nicht zu Hause , nehmen Sie Vernunft an ! « Aber auch das half nichts , Dörte hatte den Ellenbogen in die Seite gestemmt und war auf ihrem Posten geblieben . Plötzlich war es ihr gelungen , den altmodischen Glockenzug zu erwischen – manch ungeduldiges Läuten mochte von dort schon erklungen sein , aber so wie heute wohl noch nie . Die Kinderstubenklingel war im ganzen Hause bekannt . In diesem Zimmer hatten der alte Herr und die Frau krank gelegen und waren hier gestorben – kein Wunder , daß alle Welt dachte , es sei ein Unglück geschehen , und daß Lothar , der eben von seinem morgendlichen Ritt in die Felder zurückgekommen war , allen voran den Flur entlang gejagt war , Beate hinter ihm drein , und daß von allen Seiten die Dienerschaft hinzustürzte . » Was geht hier vor ? « war seine erste Frage gewesen . Er schien seinen Augen nicht zu trauen , als er Ihre Durchlaucht erblickte , die sich beim Frühstück wegen ihrer Kopfschmerzen hatte entschuldigen lassen und die nun dort stand mit hochrotem Gesicht und mit gebieterischer Stimme sprach : » Ich wünsche meine Enkelin mit mir zu nehmen , und diese Person – « » Ah ! Durchlaucht glaubten , ich sei so versunken in mein Bräutigamsglück , daß ich die Stunde der Abreise vergessen würde ? Oder vielmehr , Durchlaucht wollten mein Nachhausekommen nicht abwarten und mit einem früheren Zug abreisen ? Deshalb die Wagen vor der Auffahrt ? Und Durchlaucht wünschen die Enkelin mitzunehmen « – seine Stimme hatte geklungen wie fernes Wettergrollen – » ohne meine Erlaubnis vorher einzuholen ? Mit welchem Rechte , wenn ich fragen darf ? « » Sie ist das Kind meiner Tochter ! « » Und das meine ! Das Recht des Vaters dürfte doch wohl etwas über dem Recht der Großmutter stehen , Durchlaucht . « » Nur auf wenige Monate , Gerald « , hatte die Prinzessin eingelenkt , die jetzt wohl zu der Einsicht kam , daß sie in ihrem Groll eine Torheit begangen hatte . » Nicht auf eine Stunde ! « rief er , und eine auffallende Blässe hatte sich auf sein Gesicht gelegt . » Dies Kind will ich bewahren vor dem Gifthauch , der da draußen weht und die reinsten Blüten aussucht , um sie zu verderben . Meine Tochter soll erzogen werden , wie es einst Sitte war im Hause meiner Vorfahren , einfach , natürlich und vornehm denkend . Und hier wird es geschehen , hier in Neuhaus , Durchlaucht , unter meiner und meiner künftigen Gattin eigener Aufsicht ! « Und er hatte rasch die Vorhänge des Bettchens zurückgeschlagen , in dem die Kleine mit erschrockenen Augen lag . » Wenn Durchlaucht Abschied nehmen wollen ? « – hatte er kühl hinzugesetzt . Die Prinzessin war einen Augenblick zu der Wiege getreten , die Stirn des Kindes mit ihren Lippen berührend , und dann ohne ein weiteres Wort durch den Flur nach der Halle hinausgerauscht , wo Prinzeß Helene , mit der Hofdame und dem Kammerlierrn , der Mutter harrte . Die alte Durchlaucht war eingestiegen , mit dem verbindlichsten Lächeln auf den Lippen , Beate , die sich tief verbeugte , hatte aber doch kaum ein herablassendes Kopfneigen für ihre wochenlange Gastlichkeit bekommen . Lothar saß den Durchlauchten gegenüber , wie damals , als er sie holte . Als die Pferde anzogen , war aus zwei dunklen Mädchenaugen ein langer Blick über das alte Haus geglitten , so voll bitterer Enttäuschung , so voll schmerzlicher Reue , daß Beate trotz aller Erleichterung vor Mitleid das Herz geschwollen war . Arme , kleine , trotzige Prinzessin ! Beate ertappte sich darüber , daß sie da noch immer vor dem Spiegel stand und an den Hutbändern knüpfte . Sie seufzte tief auf . Gottlob , es war Friede im Hause ! Dort oben wehte die kräftige Waldluft den letzten Hauch von dem durchdringenden Parfümgeruch aus dem Zimmer der Frau von Berg , und die Hausmädchen hatten längst die Scherben eines kostbaren Kristallglases fortgeräumt , das die alte Prinzessin in ihrem Jähzorn gegen den Kachelofen geschleudert hatte . Auf dem Rasenplatz wurden die Betten gelüftet . Morgen würde alles sein wie früher – gottlob ! » Verzeiht mir « , sprach sie mit heller Summe , als sie ein paar Minuten später in das Wohnzimmer trat , wo Klaudine durch das Fenster blickte , während Lothar gedankenvoll vor dem Bilde seines Vaters stand , um die ganze Zimmerlänge entfernt von seiner Braut . » Verzeiht , ich komme etwas spät . Man hat euch doch den Kaffee gebracht ? Nun , ich wäre bereit zur Fahrt