zu dem Kaufe geraten habe . “ „ So willst Du hinreisen ? “ fragte Ernestine mit einer geheimen Freude , über die sie sich nicht Rechen ­ schaft gab . „ Ja , ich muß Dich auf einige Tage verlassen , so schwer es mir fällt . Versprich mir aber noch , be ­ vor ich gehe , daß Du den bewußten Abschnitt fertig machst , bis ich zurückkomme . Laß Dich durch nichts abhalten . Wenn Du Dich auch unwohl fühlst , Du weißt ja , das hat bei Dir nichts zu sagen — mit Willenskraft überwindet man jede Schwäche . Im Notfall nimm Chinin.37 Nun — darf ich mich freuen ? Darf ich hoffen , das Kapitel fertig zu finden ? “ „ Ja , Oheim — ich verspreche es Dir und es wäre wohl das erste Mal , daß ich mein Wort nicht hielte . “ „ Nun so leb ’ wohl , mein Kind ! Ich muß eilen , daß ich rechtzeitig zur Station komme . Laß Dich durch nichts stören , hörst Du ? Durch nichts ! “ Er eilte von dannen und suchte noch die Willmers auf . „ Frau Willmers “ , raunte er ihr zu : „ Ich verlasse mich darauf , daß Sie jeden etwaigen Besuch von dem Fräulein ferne halten — sei es , wer es wolle . Entdecke ich bei meiner Rückkehr die geringste Überschreitung meines Befehls , so sind Sie entlassen . Wann ich wieder komme , kann ich Ihnen nicht sagen . Handeln Sie immer so , daß Sie keine Überraschung von mir zu fürchten haben , denn ich kann jede Stunde unverhofft vor Ihnen stehen . “ „ Verlassen Sie sich nur ganz auf mich , Herr Professor “ , versicherte Frau Willmers und Leuthold warf sich in den Wagen . „ Nun denkt der schlaue Patron : das heilige Grab sei wohl verwahrt , — und er könne ein zweiundzwanzigjähriges Mädchenherz unter Schloß und Riegel legen ! Wie dumm doch oft die klugen Leute sind ! “ So meinte Frau Willmers in ihrem schlichten Sinn . Fünftes Kapitel . Verschämte Geistesarme . „ Dein neuer Frack ist vom Schneider gekommen . “ Mit diesen Worten empfing die Professorin Herbert den eintretenden Gatten . „ So , wo ist er ? “ fragte dieser mürrisch . „ Im Schlafzimmer auf dem Bett . “ „ Auf dem Bett ? “ fuhr der Gatte sie an : „ Daß er gleich voll Federn wird ? Wie ungeschickt ! “ Die Frau schlug die Augen nieder und schwieg . Herbert eilte in das bezeichnete Gemach , um das ge ­ fährdete Gut zu retten . — Das Wohnzimmer des Professor Herbert war klein und ziemlich nieder , doch trug es auf den ersten Blick einen Anstrich von Eleganz . Sofa und Stühle waren mit feinem Wollstoff bezogen — die Gardinen reich gestickt , ein festgeschlossener großer Spiegelschrank schien das Silber zu verwahren und auf dem Tisch war eine weiße Marmorplatte . Bei näherer Untersuchung fand es sich indessen , daß die schönen Möbel mit Seegras gepolstert , die Gardinen schadhaft und die Löcher darin nicht gestickt , sondern mit Kleister zugeklebt waren , daß der sogenannte Silberschrank nichts barg als wertloses Hausgerät nebst den Resten der Mahlzeiten , welche die sorgsame Hausfrau vor dem hungrigen Dienstmädchen wegschließen mußte und daß die Marmorplatte auf dem Tisch lackiertes Holz war . Selbst der Lehnstuhl am Fenster , in wel ­ chem die offenbar kränkliche Frau saß , war so hart wie eine Steinbank . Das Einzige , was wirklichen und zwar bedeutenden Wert hatte , war eine Samm ­ lung jener bekannten altenglischen Kupferstiche , 38 Szenen aus Shakespeares Dramen und der römischen Ge ­ schichte darstellend , welche die Wände des Zimmers bedeckten . Diese alten Bilder waren eine Liebhaberei des Professors Herbert , und er gehörte zu den Männern , bei denen es sich von selbst versteht , daß die Bedürf ­ nisse der Frau und des Hauses ihren Liebhabereien zurückstehen müssen . Die Professorin Herbert war eine jener unglück ­ lichen Frauen , die im Gefühl der Last , welche sie ihrem Gatten sind , Alles , auch das Ungerechteste ertragen zu müssen glauben , die sich verpflichtet halten , ihren Eheherrn beim Aufstehen und Schlafengehen um Verzeihung für ihr mißliebiges Dasein zu bitten . Wer diese stille Frau mit dem fest verbundenen Gesicht , auf dem jedes Leiden seine Furchen eingegraben hatte , am Fenster sitzen und ihrem Manne die strohgelben Glacés flicken sah , in denen er am Abend zuvor den galanten Salonästhetiker spielte , während sie daheim in Schmerzen lag , — dem trat das ganze Bild weib ­ lichen Elends an der Seite eines kalten Egoisten vor Augen . „ Der arme Professor Herbert “ , sagte die Gesell ­ schaft , „ welch ein Unglück für einen Mann , eine so kranke Frau zu haben ! “ Wer tiefer in diese Ehe geblickt , der hätte sagen müssen : „ Welch ein Unglück für eine kranke Frau , einen solchen Mann zu haben ! “ Die Beklagenswerte selbst dachte indessen nicht so , sie wäre am liebsten gestorben , nicht nur um von ihren Schmerzen erlöst zu werden , sondern um ihren Mann von ihrem Anblick zu befreien . In ihrem innersten Herzen verachtete sie seinen Egoismus , seine Gefühllosigkeit . Sie wußte wohl , daß ein edlerer Mensch Nachsicht und Geduld mit ihr gehabt hätte , da sie doch den schwersten Teil zu tragen hatte — aber sie war zu sehr in der Furcht vor ihm , um sol ­ chen Gedanken Ausdruck zu geben . Ein Schmerz , der beständig nagt und den Körper untergräbt , lähmt auch allmälig jede Seelenkraft und so war hoffnungsloses Dulden noch die einzige Stärke der unglücklichen Frau . Professor Herbert trat in seinem neuen Frack wieder ein und betrachtete sich vor dem großen Spiegel . „ Er sitzt gut , nicht wahr ?