! « Und der Mensch brach in lautes Weinen aus , während ich mir die Hand vor die Stirn legte und einen entsetzlichen Traum zu träumen glaubte . Wie im Traume hörte ich den Schrei des Mädchens , das Schluchzen des Menschen zu meinen Füßen ; in meinen Ohren tönte es immer : » Tot ! Gestern abend ! « Mein Herz war mit einem Male so still geworden , als hätte es aufgehört zu schlagen . – Dann lachte ich laut auf , es war ja lächerlich , was sie da sagten . Wilhelm sollte tot sein ? Mein Wilhelm ? Das war ja einfach unmöglich . Wie konnte er sterben , er , so voll Leben und Gesundheit , wie konnte er kalt und starr daliegen , an den ich Tag und Nacht mit aller Glut der Sehnsucht und Liebe dachte ? – » Seid ihr verrückt ? « rief ich zornig und stieß Friedel weg , der noch immer mein Kleid erfaßt hielt . Dann ging ich in die Stube , tastete mich nach Kathrins Bett und rief : » Kathrin ! Wach auf und sage du den Menschen , daß es nicht wahr ist , sage ihnen , daß Wilhelm nicht tot sein kann . Nein , es kann ja nicht sein , es ist ja nicht möglich ! « Ich erinnere mich noch ganz deutlich dieser Worte und der Ruhe , der Gewißheit , womit ich sie aussprach . Ich war völlig im Besitz meiner Sinne , obgleich man mir später oft erzählte , daß man für meinen Verstand in dieser Stunde gefürchtet habe . Nein , ich war vollständig bei mir . Ich hielt eben das Gräßliche nicht für möglich . Ich konnte es nicht fassen , daß ich das Teuerste auf Erden verloren , daß ich von dem Gipfel des Glückes bis in das tiefste Elend geschleudert sei . – Das Mädchen hatte , wie ich später erfuhr , die Frau Renner geweckt mit dem Rufe : » Ach , kommen Sie doch nur , der Herr Leutnant ist tot , und das Fräulein ist wahnsinnig geworden ! « Ich saß noch auf dem Bett der zum Tod erschreckten Kathrin , deren zitternde kalte Hände die meinen hielten – um mich her die Dunkelheit des frostigen Novembermorgens , – da bemerkte ich Licht im Wohnzimmer und hörte Stimmen . Dann kam das Licht auch in die Schlafstube , und das leichenblasse Gesicht der guten alten Renner schaute mich mit unverhohlenem Entsetzen an . Ich ging ihr entgegen und ließ mich in das Wohnzimmer führen . Dort stand Friedel an die Tür gelehnt , den Kopf in seinen Armen verborgen . Das Mädchen war bemüht , Feuer anzumachen im Ofen . » Gretchen , mein armes Kind « , sagte die kleine Frau , und große Tränen rannen über die blassen Wangen , » Trost kann ich Ihnen nicht geben , das vermag nur Gott . « – Friedels dumpfes Schluchzen , die bebenden Worte der alten Frau fuhren mir wie ein Dolchstoß ins Herz : die Überzeugung , daß das Schreckliche doch wahr sei , trat mit furchtbarer Deutlichkeit vor meine Seele . » Wilhelm ! Wilhelm ! « schrie ich in rasendem Schmerz auf – dann weiß ich nichts mehr von dieser bitteren Stunde . Als ich wieder zu mir kam , war es heller Tag geworden , ein klarer , reiner Wintertag . Ich erwachte mit dem vollständigen Bewußtsein des grenzenlosen Leids , das mich betroffen . Mit einer Ruhe , die ich noch jetzt bewundere , und mit einer Kraft , wie sie eben nur in solchen Leidenstagen der liebe Gott uns verleiht , stand ich auf und kleidete mich an , obgleich Frau Renner lebhaft dagegen war . Dann wollte ich Friedel sprechen , um aus seinem Munde zu hören , wie und auf welche Weise die schreckliche Katastrophe herbeigeführt worden sei . Er war aber schon fort , und Frau Renner sagte mir mit vor Weinen erstickter Stimme , Eberhardt habe ein junges Pferd geritten , dieses sei durchgegangen und habe sich mit ihm überschlagen . Da sei er mit dem Kopf an einen Prellstein geschleudert worden und sofort tot gewesen . Ich schauderte , mein Herz zog sich zusammen : sein Bild stand vor mir – das schöne Gesicht entstellt , die dunklen Augen geschlossen – , starr blickte ich ins Leere hinaus , dann aber kam mir der Gedanke : » Du mußt ihn sehen , noch einmal sehen , das letztemal ! « Ruhig zog ich mir ein schwarzes Kleid an , dasselbe , welches ich zur Trauer um meinen Vater getragen , dann fragte ich nach dem Kinde – man hatte es zu Renners drüben gebracht . Es wurde geholt , die kleine Waise . Ein Jammer ohnegleichen füllte meine Brust , und ich konnte doch nicht weinen , ach , nicht eine Träne trat in mein Auge . Der Kleine fürchtete sich vor dem schwarzen Kleide und meinem blassen Gesicht und verlangte nach Kathrin , die der Schreck vollständig sprachlos gemacht hatte . Ich nahm Hütchen und Mantel des Kindes und zog es an , band mir ein schwarzes Tuch um , nahm den Kleinen auf den Arm und schritt an der starren Frau Renner vorüber , aus der Haustür und durch den Park nach dem Schlosse . Was ich eigentlich wollte – klar war es mir selbst nicht . Das Kind jauchzte einem Schwarm Vögel zu , die hoch oben im blauen Himmel schifften . Ich sah nichts , vor meinen Augen stand das schreckliche Bild des Todes . Mechanisch setzte ich meinen Weg fort und gelangte , ohne jemand zu sehen , ins Schloß . Frau v. Bendeleben saß an ihrem Schreibtischchen , als ich eintrat . Dann sprang sie auf und hielt sich mit zitternden Händen an der Lehne ihres Stuhles , während ein entsetztes » Barmherziger Gott ! « über ihre blassen Lippen kam . » Hier ist das