Frau in die Front und in die Politik zu bringen ? Jetzt schloß die Rednerin , und ihre letzten Worte flammten über die atemlos Lauschenden hin wie eine Fackel über Gase - und züngelnd lohte die Begeisterung und der Jubel ihr zu . Besonders vielleicht jauchzten alle die Herzen , die vom Mann Uebles oder - gar nichts erfahren hatten ; und die allgemeine Schuld der Männer machte es so viel leichter , dem Mann entsagen zu müssen . Ja , eher könnte man wohl all die vielen spinnwebfeinen Hanffäden eines armdicken Schiffstaues auseinanderwirren als das , was sich hier verflicht und wie einhellige Zustimmung aussieht , dachte Allert . Auf dem Programm war angezeigt : Nach dem Vortrag findet eine Debatte statt ; Anfragen werden erbeten und beantwortet . Deshalb blieb man sitzen . Eine Pause ... Die Begeisterung mußte erst abschwellen und sich vom Jubel und Beifallklatschen zum leisen Flüsterton mit der Nachbarin verebben . Das war sehr merkwürdig - gemahnte an das Zurücksinken einer künstlich aufgepeitschten Woge . Die Hüte neigten sich hin und her . Das Licht ließ Reflexe aufblitzen auf den Steinen von Hutnadeln und den Brillanten an Ohrläppchen . Dann stockte die Bewegung der vielen Köpfe . Und es wurde wieder still . Mitten in der Versammlung stand eine Dame auf . Sie fragte mit scharfer Stimme , laut und unbefangen , ob nicht in den Volksmädchenschulen für sexuelle Aufklärung gesorgt würde . Doktor Marya Möller gab einen kurzen Ueberblick , wie weit die bezüglichen Bemühungen Erfolg verhießen . So ging es weiter ... Da und dort in der Versammlung erhob sich ein Arm und eine gespreizte Hand , oder ein Zeigefinger - in Schulgewohnheit - meldete , daß man zu sprechen wünsche . Und mit großer Gewandtheit wußte die Frau vom Rednerpult aus jede der sich Meldenden nach und nach zu Worte kommen zu lassen . Die Stimmen fragten hell und keck , schüchtern und heiser - Doktor Marya Möller antwortete in nie versagender Autorität . Und Allert fühlte immerfort sein Herz pochen - rasch und hart - jeder Nerv in ihm war gespannt . Er dachte : Vieles ist vernünftig - das sind viele Wahrheiten . Ein Bruchteil von dem allem ist durchführbar und kann nützen ... Und doch ? ... Bin ich die Reaktion ? Es ist mir furchtbar ... Ich möchte allen diesen Frauen zurufen : Halt - besinnt Euch - geht Euch für das , was Ihr nützt , nichts anderes verloren , das vielleicht noch wichtiger ist ? ... Hab ' ich unrecht ? - Versteh ' ich die Zeit nicht ? - Ich , der Edelmann , der Kaufmann ward - das moderne Leben begreifend - bin ich die Reaktion ? Und ein Gefühl war in ihm , das er nicht niederringen konnte . Der feste Glaube : So denke nicht ich allein - so empfinden tausend , aber tausend Männer . - Sind wir Männer nicht vielfach die Benachteiligten - ist dies nicht alles Uebergang - und wir die Erleidenden ? Fabelhaft , was für ein fertiges sozialpolitisches Urteil all diese Frauen hatten - wie verwegen sie Dinge beim richtigen Namen nannten , von welchen ehedem die Frauen nur flüsterten . Oder die in einer gewissen naiven Unbefangenheit genommen wurden - wie auf dem Lande , wo das Natürliche weniger verhüllt ist . Warum verletzte es ihn hier so ? Etwa , weil man sich so wissenschaftlich und sozialpolitisch gebärdete ? Oder weil so viele vor aller Ohren laut davon sprachen ? Er wußte es nicht . Er dachte : wenn nur sie - sie - sie nicht mitspricht . Sein Blick hing an ihr . Die Minuten , die verrannen , ohne daß Marieluis ein Zeichen gab , hoben seine Hoffnungen . Wenn sie seiner Bitte , nicht mitzusprechen , nachgab ! Seligstes Geständnis durfte es ihm bedeuten . Sein ganzes Wesen war erschüttert von diesem Gedanken ... Nun hörte er die klangvolle Stimme der mannhaften Frau am Rednerpult ausrufen : » Ja , große Entwicklungen sind wie ein Adlerflug ... « Und er dachte : Aber die Adlerflügel werfen ihre Schatten auf das Gelände , über das sie wegfliegen - kann schon sein , daß manch einer sich gerade nur vom Schatten gestreift fühlt . Wie still seine Mutter neben ihm saß . Er ahnte : benommen und zweifelnd - hin und her gerissen . Auch ihre Blicke heften sich an Marieluis und nur an sie . Ihm schien : noch blasser war die Geliebte geworden - in ihren Augen funkelte eine fremde , seltsame Energie - die der Hingegebenheit ? Die der Abkehr ? Oh , wenn er es wüßte ! Würde auch sie gleich ihre Hand erheben , um sich zum Wort zu melden ? Ihm schien - ja - sie bewegte schon die Finger - wie voll Ungeduld - zögerte noch - vielleicht , weil so viel andere Hände sich erhoben ... Würde er gleich das Schauspiel erleben , daß die geliebte , schöne Hand sich emporreckte ? ... Allert hörte nichts mehr von den Fragen und Antworten - all diese Stimmen waren leeres Geräusch geworden . Er sah nur noch . Er wartete . Er fühlte - an den nächsten Sekunden hing sein Schicksal . - - Zögerte sie , weil sie mit sich kämpfte ? Zögerte sie , weil die Raschheit der Anmeldungen zum Wort ihr die Lücke zum Einfallen nicht ließ ? Er griff nach der Hand seiner Mutter - Sophie schrak förmlich zusammen - fühlte auf der Stelle , ihrem Sohn war das Wesen aus den Fugen . Sie ahnte seine Spannung - teilte sie - spürte : sein Geschick war in der Schwebe . Ihre Nerven waren krank vor Ungeduld . Wenn doch dies ein Ende nähme - wenn man doch diese Sitzung schlösse - ehe - ja ehe Marieluis auch ihre Stimme erhob . Warum griff Marieluis noch nicht ein ? Warum ließ sie die Debatte sich weiter wälzen ? Diese mißtönige , gewagte Debatte