vielleicht ihre stille Freude daran hatte , daß er von Doktor Stauber gleichsam ins Gebet genommen wurde . Absichtlich schlug er einen immer leichtern Ton an , als hätten seine persönlichen Zukunftspläne mit Anna überhaupt nichts zu tun und sagte endlich lustig : » Ja , wer weiß wo ich im nächsten Jahr um diese Zeit bin , am Ende in Amerika . « » Das wäre nicht das Schlimmste « , erwiderte Doktor Stauber ruhig . » Ich habe einen Vetter , der ist Violinspieler in Boston , ein gewisser Schwarz , der verdient dort mindestens sechsmal soviel , als er hier an der Oper gehabt hat . « Georg liebte es nicht , mit Violinspielern namens Schwarz verglichen zu werden und behauptete daher mit einer Bestimmtheit , die er selbst als übertrieben empfand , daß es ihm für den Anfang überhaupt nicht aufs Geldverdienen ankäme . Plötzlich , er wußte nicht , woher der Gedanke ihm kam , fuhr es ihm durch den Sinn : Wenn Anna stirbt ! ... Wenn das Kind ihr Tod wäre ! Er erschrak aufs tiefste , als hätte er mit diesem Gedanken eine Schuld auf sich geladen . Und im Geist sah er Anna daliegen , das Bahrtuch bis übers Kinn gezogen , und sah das Licht des Tags und der Kerzen über ihr wachsbleiches Antlitz rinnen . Angstvoll beinahe wandte er sich um , wie um sich zu vergewissern , daß sie da war und lebte . Im Dunkel verschwammen ihm die Züge ihres Gesichts , was ihn erschauern machte . Er blieb mit dem Doktor stehen , bis Anna mit Heinrich herangekommen war . Er war glücklich , sie so nah zu haben . » Jetzt wirst du aber doch schon müd sein « , sagte er zu ihr in zärtlichstem Tone . » Mein Pensum hab ich allerdings für heute redlich absolviert « , erwiderte sie . » Im übrigen « , und sie wies zur Veranda hin , wo auf dem gedeckten Tisch die Lampe mit dem grünen Papierschirm stand , » wird auch das Nachtmahl gleich da sein . Es wär hübsch , Herr Doktor , wenn Sie bei uns blieben , ja ? « » Leider , liebes Kind , ist es mir nicht möglich . Ich sollte schon längst wieder in der Stadt sein . Grüßen Sie die Frau Golowski von mir . Auf Wiedersehen . Adieu Herr Bermann . Na « , fügte er hinzu , » wird man bald wieder etwas Schönes von Ihnen zu hören oder zu lesen bekommen ? « Heinrich zuckte die Achseln , lächelte gesellschaftlich und schwieg . Warum , dachte er , werden sogar die besterzogenen Menschen meistens taktlos , wenn sie mit unsereinem zusammenkommen ? Frag ich ihn nach seinen Angelegenheiten ? Der Arzt sprach noch mit einigen Worten Heinrich seine Teilnahme an des alten Bermann Tod aus . Er erinnerte sich an dessen berühmt gewordene Rede gegen die Einführung der tschechischen Gerichtssprache in gewissen böhmischen Bezirken . Damals war es an einem Haar gehangen , daß der jüdische Provinzadvokat Justizminister geworden wäre . Ja , die Zeiten hatten sich geändert . Heinrich horchte auf . Das ließ sich am Ende für die politische Komödie verwenden . Doktor Stauber verabschiedete sich , Georg begleitete ihn zum Wagen , der draußen wartete , und benutzte die Gelegenheit , einige Fragen medizinischer Natur an den Arzt zu richten . Dieser konnte ihn in jeder Hinsicht beruhigen . » Nur schade « , schloß er , » daß die Umstände es Anna nicht gestatten , das Kind selbst zu stillen . « Georg stand gedankenvoll . Ihr konnte es doch nicht schaden ? ... Höchstens dem Kind . Oder auch ihr ? ... Er fragte den Arzt . » Was sollen wir davon reden , wenn es ja doch nicht geht , lieber Baron . Na , machen Sie sich keine Sorgen « , setzte er hinzu und hatte den einen Fuß schon auf dem Wagentritt . » Um das Kind von Ihnen beiden braucht einem nicht bang zu sein . « Georg blickte ihm fest ins Auge und sagte : » Ich werde jedenfalls dafür Sorge tragen , daß es seine ersten Lebensjahre in gesunder Luft zubringt . « » Das ist ja sehr schön « , sagte Doktor Stauber mild . » Aber gesündere Luft als im Elternhaus gibts im allgemeinen für Kinder nirgends auf der Welt . « Er reichte Georg die Hand , und der Wagen rollte davon . Georg blieb einen Augenblick stehen , fühlte eine lebhafte Verstimmung gegen den Arzt und gab sich selbst das Versprechen , es nie wieder zu Gesprächen mit ihm kommen zu lassen , die diesem gewissermaßen das Recht gaben , ungebetene Ratschläge oder gar versteckte Vorwürfe vorzubringen . Was wußte der alte Mann ? Was verstand er im Grunde von der Sache ? Immer heftiger wehrte es sich in Georg . Wann es mir beliebt , sagte er bei sich , werde ich sie heiraten . Könnte sie übrigens nicht das Kind bei sich behalten ? Hat sie nicht selbst gesagt , daß sie stolz darauf sein wird , ein Kind zu haben ? Ich will es ja auch nicht verleugnen . Und ich werde alles tun , was in meinen Kräften steht . Und später , später einmal ... Aber ich beginge ein Unrecht an mir , an ihr , an dem Kind , wenn ich mich heut schon zu etwas entschlösse , wofür es zum mindesten noch zu früh ist . Langsam war er an der Schmalseite des Hauses vorbei in den Garten spaziert . Auf der Veranda sah er Anna und Heinrich sitzen . Eben kam die Marie aus dem Haus , sehr rot im Gesicht , und setzte auf den Tisch eine warme Schüssel , von der der Dampf aufstieg . Wie ruhig Anna dasitzt , dachte Georg , und blieb im Dunkel stehen . Wie wohlgelaunt , wie sorgenlos , als könnte sie mir