die wie rote Beeren in der Dunkelheit hingen . Überall Gefahr ; bloß zu denken , war schon Gefahr ; jeder Anhauch aus fremdem Munde Gefahr . Er fing an zu zittern . Die Knie saßen loser in den Gelenken , es war ihm so leicht und schwer zugleich ; sein Nachdenken hatte eine andre , nähere Folge , auch alle Gegenstände waren näher , und das Ganze der Erde und des Himmels , Wolken , Wind und Nacht hatten etwas eingebüßt , etwas unbegreiflich Flüchtiges und Wandelbares . Alles ist nun so wunderlich wahr . Caspar hält die Scherben eines kostbaren Gefäßes in der Hand , und seine Phantasie will nicht einmal die schöne Form , wie sie gewesen , zurückgestalten . Unten auf der Gasse geht lautlos der Nachtwächter . Der zuckende Schein seiner Laterne vergoldet den Schnee . Caspar folgt ihm mit den Blicken , denn es ist , als ob der Mann in irgendeinem unerklärlichen Zusammenhang mit seinem Schicksal stehe . Sie wandeln miteinander über ein verschneites Feld , jener fragt Caspar , ob ihn friere , und wirft ihm einen Teil seines Mantels um die Schultern , so daß sie beide unter derselben Hülle gehen . Auf einmal gewahrt Caspar , daß es kein Männergesicht ist , das sich so mild erbarmend zu ihm kehrt , sondern das schöne , traurige Gesicht einer Frau . Es enthalten diese Trauer und diese Schönheit etwas Redendes , und daß sie zusammen unter demselben Mantel wandern , hat den allertiefsten Sinn , etwas , das mit Qual und Freuden eines ist und vom Anfang der Dinge stammt . Da tönte das ungeheure Wort des Grafen neuschallend in die Nacht : » In diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren . « Dich geboren ! Welcher Laut ! Was war darin beschlossen ! Caspar legte beide Hände vors Gesicht ; ihm schwindelte . Da hörte er ein Geräusch von Schritten . Jäh drehte er sich um , es war ein Emportauchen aus finsterer Flut ; der Graf stand im Schlafrock vor ihm . Wahrscheinlich hatte Caspars nächtliches Wachsein ihn aufgeweckt , er hatte einen leisen Schlummer . » Was treibst du ? « fragte Stanhope mürrisch . Caspar machte einen Schritt auf ihn zu und sagte dringlich , atemlos , drohend und flehend : » Führ mich zu ihr , Heinrich ! Einmal laß mich die Mutter sehen , nur einmal , nur sehen ; nicht jetzt , später vielleicht . Einmal , nur einmal ! Nur sehen ! Nur einmal ! « Stanhope wich zurück . Dieser Aufschrei hatte etwas Überirdisches . » Geduld , « murmelte er , » Geduld . « » Geduld ? Wie lange noch ? Hab schon lange Geduld . « » Ich verspreche dir - « » Du versprichst es , aber wie soll ich glauben ? « » Setzen wir die Frist eines Jahres fest . « » Ein Jahr ist lang . « » Lang und kurz . Ein kleines , kurzes Jahr und dann - « » Dann - ? « » Dann will ich wiederkommen - « » Und mich holen ? « » Dich holen . « » Gelobst du das ? « Caspar heftete einen suchenden und wie ein mattes Flämmchen erlöschenden Blick auf den Grafen . Da der Widerschein des Schnees die Nacht erhellte , konnte jeder des andern Züge deutlich unterscheiden . » Ich gelob es . « » Du gelobst es , aber wie kann ichs wissen ? « Stanhope geriet in eine sonderbare Bedrängnis ; dies Gegenüberstehen zu solcher Stunde , die immer herrischer , stürmischer werdenden Fragen des Jünglings wirkten wie Gespensterschauer auf seine Einbildungskraft . » Reiß mich aus deinem Herzen aus , wenn es nicht geschieht « , murmelte er dumpf ; er mußte in diesem Augenblick lebhaft des Mannes gedenken , der vom Teufel lebendigen Leibes in den feuerspeienden Vesuv geschleudert wurde . Und Caspar darauf : » Was kann mir das nützen ? Sag mir den Namen , sag mir ihren Namen , sag mir meinen Namen . « » Nein ! niemals ! niemals ! Aber glaube mir nur . Es wacht ein Gott über dir , Caspar . Es kann dir nichts versagt sein , denn du hast die Kaufsumme für das Glück zum voraus entrichtet , die wir andern täglich in kleiner Münze bezahlen müssen . Und bezahlt muß werden , alles muß bezahlt werden , das ist der Sinn des Lebens . « » Du versprichst also , in einem Jahr wieder dazusein ? « » In einem Jahr . « Caspar bohrte die Finger in Stanhopes Hand und richtete einen tiefen , seltsam seelenhaften , seltsam stolzen Blick auf den Lord , der seinerseits die Augen senkte , während sein Gesicht steinalt aussah . Als er in sein Zimmer zurückging , begann er plötzlich leise plappernd das Vaterunser zu beten . Erst gegen Morgen entschlief er wieder . Als er sich mittags erhob , war Caspar längst auf ; er saß am Fenster und schien die Eisblumen zu studieren . Um ein Uhr verließ er mit ihm das Hotel . Arm in Arm , ein Schaugepränge für die Einwohnerschaft , spazierten sie über den hochliegenden Schnee durch das Herrieder Tor zum Markt . Dort war eine große Versammlung von Bauern und Händlern . Vor dem Portal der Gumbertuskirche blieb Stanhope stehen und forderte Caspar auf , mit hineinzugehen . Caspar zögerte , folgte jedoch dem Grafen in den hohen , schmucklosen , von schwarzem Gebälk überdachten Raum . Mit raschen Schritten eilte Stanhope zum Altar , warf sich mit den Knien auf die steinernen Stufen , beugte die Stirn herab und verblieb so in vollkommener Unbeweglichkeit . Caspar , peinlich berührt , schaute sich unwillkürlich um , ob niemand Zeuge dieser demütigen Handlung sei . Aber die Kirche war leer . Warum krüppelt er sich so zusammen , dachte er verstimmt , Gott kann doch nicht im Boden drinnen sein . Allmählich