mehr , sondern lebte wie einer , der morgen sterben soll und Mut hat und sich heute noch freut ; er beruhigte sich aber immer , indem er sich sagte , daß der Wucherer schon selbst wissen werde , wie er wieder zu seinem Gelde komme . Aus dieser Betäubung riß ihn die Rede eines leichtfertigen Handwerkers . Er mußte nämlich an einem Stall Reparaturen machen , der erst vor nicht allzu langer Zeit gebaut war , aber weil der Zimmermann betrüglicherweise frisches Holz genommen , so waren einige Balken stockig geworden . Wie er den Menschen nun zu Rede stellte und ihn in scharfen Worten an seine Handwerkerehre erinnerte , erwiderte der patzig , dafür sei ja der Bauherr da , aufzuachten , daß alles ordnungsgemäß gemacht werde . Diese Worte gingen dem alten Mann sehr nahe , denn er dachte bei sich , daß er selbst ja ebenso vernünftelt habe wie dieser unredliche Handwerker , und dabei war er ein vornehmer und adeliger Mann , der Stolz hatte . Deshalb fuhr er gleich in die Stadt zu dem Wucherer und erzählte dem alles , der heftig erschrak und nach Art solcher gemeinen Menschen in häßlichen Worten ihm Vorwürfe machte . Indessen gelang es doch , das Gut vorteilhaft zu verkaufen an einen wohlhabenden Herrn aus der Großstadt , dessen Vater viel Geld verdient hatte und der sich zu diesem ererbten Gelde nun eine gesellschaftliche Stellung verschaffen wollte ; so blieben dem alten Herrn sogar noch mehrere tausend Mark übrig . Mit diesem geringen Gelde zog er nun nebst seiner Frau nach Berlin , wo sein Sohn schon früher lebte als ein frischer und unbefangener junger Offizier , der mäßig war und sehr verständig an seine Zukunft dachte . Die Frau beschloß , eine große Wohnung zu mieten und Fremde bei sich aufzunehmen um Geld , welcher Plan ihr auch gelang , da sie manche Familienbeziehungen hatte , der alte Mann aber , welcher einsah , daß er dergestalt keine Tätigkeit für sich selbst fand , durch die er zum Unterhalt der Familie beitragen konnte , wollte nicht durch seiner Frau Arbeit leben , und bemühte sich so lange , bis er eine Anstellung bei der Pferdebahn erhielt als ein Aufseher über die Schaffner , damit die immer ordentlich alles Geld abliefern und nicht betrügen . Und wiewohl sein Körper schon gebrechlich war und dieser Dienst ihn recht anstrengte , so fühlte er sich doch nunmehr glücklich und zufrieden und erzählte seiner Frau des Abends vieles über die verschiedenartigen Charaktere der Schaffner , indessen die mit einer Küchenarbeit für das Mittagessen des nächsten Tages beschäftigt war . Bei diesen Eltern lebte der junge Offizier , und weil er gesund und rotwangig war , auch vor seinen Vorgesetzten angenehm und bei seinen Kameraden beliebt , so dachte er , daß er wohl eine Heirat machen könne , durch die er seine Glücksumstände wieder aufbesserte . Und wie in Berlin alle verschiedenen Kreise der Gesellschaft sich in der wunderlichsten Weise berühren , so hatte er bei einer gewissen Gelegenheit Luise kennen gelernt und durch ein lange geführtes Gespräch liebgewonnen , denn bis dahin hatte er nur solche jungen Damen gekannt , die mit ihm über Beförderungen und Rangliste sprachen . Nun bedachte er zwar , daß sie eine Jüdin war und wenig angenehme Eltern hatte , auch blieb es ihm nicht unanstößig , daß sie Studentin gewesen , wenn schon ihr Benehmen nichts Auffälliges zeigte ; indessen wußte er doch , daß sie eine große Mitgift erhoffen konnte , auf die er ja angewiesen , und dann hoffte er , daß der Umgang mit den Damen vom Regiment sie bald zu einer richtigen Offiziersfrau machen werde ; über das alles hinaus gab bei ihm aber den Ausschlag , daß er eine große Zuneigung zu ihr gefaßt hatte , was freilich verwunderlich schien in Anbetracht der sonderlichen Verschiedenheit zwischen den beiden . So entschloß er sich denn und schrieb ihr einen wohlgesetzten Brief , in dem er sie fragte , ob er ihren Vater um ihre Hand bitten dürfe . Ihre Eltern hatten aus Anzeichen schon vorher die Werbung geahnt , die von der Mutter begünstigt wurde , der Vater aber , der früher oftmals heftig gegen reiche Glaubensgenossen gesprochen , die ihre Töchter an Christen gaben , war der Verbindung feindlich gestimmt , und so wurde schon lange , bevor der Brief ankam , in der Familie lebhaft und nicht mit Würde über das Kommende gesprochen , unter tiefem Leiden Luisens , die den jungen Mann wohl ganz gern sah als einen gesunden und tüchtigen Menschen , aber keine weitere Neigung zu ihm verspürte ; denn durch diese Gespräche wurde ihr , als werde ihr Innerlichstes und Heimlichstes ans Licht gezogen und vor den Menschen zur Schau ausgebreitet . Und wie nun der Brief wirklich ankam , da hatte sie eine heftige Angst vor den Gesprächen und Reden , die noch folgen würden , und zudem wurde der Überdruß , den sie schon lange empfunden , plötzlich sehr viel heftiger ; so beschloß sie , daß sie aus dem Leben gehen wollte , ohne daß sie eigentlich einen augenscheinlichen Grund gehabt hätte . Ehe sie aber ihre Tat ausführte , schrieb sie noch einen Brief an Hans , der ihrer Seele wohl am nächsten gestanden haben mochte . In dem sagte sie ungefähr folgendes : » Ich sterbe , weil ich auf keinerlei Weise sehen kann , wie ich zu leben vermöchte , und weiß auch nicht , wie andre Leute leben können . Lange habe ich nachgedacht , denn ein jeder hat doch einen Willen zu leben ; und vielleicht wäre es am besten für mich gewesen , ich hätte jung geheiratet und Kinder gekriegt ; denn nachdem wir für uns selbst an das Ende gekommen sind , daß wir nichts mehr zu erstreben sehen , haben wir dann noch Ziele für die Kinder und ihr Größerwerden . Und so ist meine törichte Liebe zu Peter wohl noch das klügste