er bittend zu Josefine , » so ein Anfall ist allemal etwas Arges . Es schwindelt einem so sonderbar , es ist grad so , wie wenn ich auf dem Kopf stände . Oder das Bett kehrt sich um , und ich schwebe über einem Abgrund , falle nicht , finde aber auch nirgend Halt . Oft geht es eine ganze Nacht so - ich liege dann angeklammert und falle doch unaufhörlich , wie mir scheint . « » Ich bin zu lang geblieben , verzeihen Sie mir ! « bat Josefine und wollte gehen . » Mir ist ' s jetzt angst , daß ich Ihnen geschadet habe . « Aber nun baten Mutter und Sohn , daß sie noch bleibe , den nächsten Zug benutze . » Ich habe immer viel Besuch , aber Ihr Kommen - das ist eine besondere Freude , das dürfen Sie mir nicht abkürzen , weil ich jetzt nicht brav gewesen bin ! Aber nun werd ich schon . « Und voll Stolz erzählte die Mutter , wie viel Briefe immer kommen » und Karten und Grüße jeden Tag für meinen Rudolf . Aus der ganzen Welt . « » Die Schwerkranken und Unheilbaren sind auch eine Brüderschaft , « lächelte Rudolf , » und wir schreiben uns , deutsch und französisch . Das ist ein Trost und ein Genuß . Vielleicht haben Sie , als Medizinerin , von dieser Einrichtung gehört . Sie zieht sich um die ganze Erde . So lebt man trotzdem mit . Und auch Gesunde schreiben mir . Ich habe liebe Freunde . « Er griff in ein ganz niederes Bort , das zu rechter Hand über dem Bette befestigt war , und holte einen kleinen Stoß Briefe und Karten herunter . » Viele liebe Freunde , « wiederholte er , » der liebsten einer ist der . « Und er tat mit der rechten Hand in die linke eine photographische Karte und schob das Bildchen Josefine auf der Decke hin , die eben die Tauben verlassen hatten . Josefine nahm das Bild - zuckte zusammen , bückte sich , um näher zu sehen , und dann , mit durstigen Augen sog sie sich dran fest ... Es war Hovannessian . » Sein Name ist Hovannessian , « sagte der Kranke mit zärtlichem Triumph , » und das Bild kommt aus Persien , denken Sie nur ! Ein Armenier und mein Freund ! Wie kann das sein ? Aber er war in Zürich vor sechs Jahren , und zweimal war er bei mir . Mein Arzt hatte ihm von mir erzählt , und darauf besuchte er mich . Der liebe , liebe Freund Hovannessian . « Die Mutter Rudolfs trat hinter Josefines Stuhl , umfaßte zutraulich ihre Schulter und betrachtete mit ihr das Bildnis . » Und ich seh ' s auch immer wieder gern , weil er mir so lieb ist ! Ja , der ist uns ins Herz eingegraben , gelt Rudolf ? Die Stadt ist Tabris , sag ich ' s richtig ? Ach , wieviel hat er auch erzählt , wie er hier war ! Da ist er gesessen , auf dem gleichen Sessel , und wir sind nicht müd worden zu hören , der Rudolf nicht und ich auch nicht . Wie man dort im fernen Land das Brot macht und den Wein und die Teppiche , und wie man tanzt , und wie die Frauen so verschleiert sind und kein Recht haben , und wie man sich Märchen erzählt , die erwachsenen Leut , denken Sie auch ! « Sie lachte mit kindlichem Wohlgefallen . » Schöne Märli , wir haben ' s auch gern gehört , gelt Rudolf . Aber jetzt ist er dann ein Großer worden , schreibt sein Freund , wo auch manchmal an den Rudolf schreibt , Schulen gründet er , Schulen in Persien , für die Armenier , denken Sie . Aber einfach und arm ist er geblieben und geht noch immer im russischen Hemd , lueget Sie nur das Bild an . « Und sie deutete eifrig auf die Photographie . » Und ein Dichter , « fiel der Kranke begeistert ein , » ja , das ist ein Mensch , wie ich sonst keinen kenne . Er dichtet das Leiden des unterdrückten armenischen Volkes , das die christlichen Völker von Europa hinschlachten lassen aus Freundschaft für die Türken , die sie morden . Aus Freundschaft - nein ! aus Profitsucht ! Ach ! « » Wenn man ' s nur lesen könnte ! « sagte die Mutter , und ihre geschwächten Augen bekamen Glanz , » es muß herzzerreißend sein ! « » Ja , es ist dann russisch ! Schad dafür ! « Und mit einem sehnsüchtigen Seufzer setzte der Kranke hinzu : » O , daß ich ihn nur noch einmal sehen dürfte im Leben , den lieben , meinen lieben Hovannessian , Tag und Nacht möcht ich ihm zuhören . « » Gefällt er Ihnen nicht ? « fragte die Alte , jetzt völlig aufgelebt und beglückt ; » gelt , er ist ein edler Mann ? Ja , und wann ich hundert Jahr alt werde , nimmer vergeß ich ' s , wie er da saß und erzählte und so gut mit dem Rudolf war . « Der Kranke faltete die Hände : » Er lebt , und Gott ist mächtig in ihm , « sagte er mit hingerissener Stimme , » und mir ist ' s ein Trost , daß ich ihn in der Welt weiß ... Ach , daß Sie ihn nicht kennen , Frau Josefine ! Sie hätten sich auch verstanden , Sie zwei ! Wieviel Gemeinsames , wieviel Ähnliches . « In ihrer Begeisterung war es weder Mutter noch Sohn aufgefallen , daß Josefine ganz verstummt war . Sie aber saß auf dem Stuhl , auf dem einst er gesessen , und hörte aus dem Munde reiner Liebe wiedererzählen , was er auch ihr erzählt , und