Geistes und die Schmerzparoxismen machten einer sanfteren Schwermut Platz ; stundenlang weinte sie an meiner Brust - ich besuchte sie natürlich täglich . Nach weiteren zwei Monaten konnte die Anstalt sie als geheilt entlassen und seither lebt sie bei mir . Immer noch tief melancholisch . - Aber , sie ist ja noch jung , ich rechne auf die Heilkraft der Zeit ; vielleicht bietet ihr das Schicksal doch noch Trost ... Die Scheidung ihrer Ehe ist vollzogen . Leider in einer Weise , als hätte nur sie alle Schuld . Anton hat vor kurzem seine Sängerin zur Gräfin Delnitzky gemacht . Diese hat das Theater verlassen und die beiden leben in dem Landhaus , das Anton ihr schon vor Jahren geschenkt . Und Rudolf ? Diese Frage hätten Sie jetzt sicher an mich gestellt , wenn ich Ihnen alles obige mündlich erzählt hätte ; denn Sie wissen ja , daß in meinen Gedanken und Sorgen stets meine beiden Kinder den gleichen Platz einnehmen . Sie lesen überhaupt in meiner Seele , Kolnos , und haben mich immer so gut verstanden , - selbst damals , als Sie einem kurzen Irrtum sich hingegeben hatten - haben Sie schnell begriffen , warum es nicht sein konnte ... doch davon reden wir eigentlich niemals . Verzeihen Sie , daß ich da an einer Erinnerung rührte , die ihnen vielleicht peinlich ist ... mir gehört sie eben zu den lieben Erinnerungen ... Also Rudolf ? Er war am Vorabend jenes Duells von Wien abgereist und erfuhr davon erst nach einigen Tagen durch die Blätter . Vom Zustande Sylvias wußte er nichts . Ich wollte ihn nicht benachrichtigen , weil ich wußte , das er eingegangene Verpflichtungen erfüllen mußte und ich wollte ihm diese Aufgabe nicht erschweren . Aber von anderer Seite erhielt er Mitteilung : da löste er seine Engagements und eilte zu mir . Der Mutter und der Schwester in Unglück und Bedrängnis beizustehen : das erkannte er als seine nächste Pflicht . - Und wahrlich , seine Nähe hat mir wohlgetan . Noch ein anderes liebes Wesen hat sich um mich bemüht - so viel Trost und Aufrichtung als möglich zu bringen getrachtet : Cajetane Ranegg . So oft ich allein war , kam sie zu mir ; nur wenn Rudolf mir Gesellschaft leistete , ging sie fort . Sogar in auffallender Weise ; sie mied ihn , so gut sie konnte . Daß sie ihn lieb hat , weiß ich schon lange ... ich habe es Ihnen ja auch gesagt , und meinen Wunsch dazu , daß er sie heimführe , aber er will von Wiederverheiratung nichts hören . Als Sylvia vollständig genesen war , übersiedelten wir nach meinem alten Grumitz , dem ich für Brunnhof untreu geworden war . Ach , wie ist der Ort so bevölkert von den Gespenstern meiner Jugend ... Rudolf brachte mich hierher und reiste dann wieder ab - er mußte das Versäumte nachholen . Was er tut und denkt und plant - das erzähle ich Ihnen mündlich . Ich bin ja noch immer mit ganzer Seele bei den großen Aufgaben , die mein Gatte hinterlassen und mein Sohn übernommen hat . So sehr der eigene Kummer - um meine unglückliche Sylvia - mich auch bedrückt , so sehr ich selber leidend war , alle diese Sachen haben mein Herz stark hergenommen ( Herz nicht im bildlichen Sinne , sondern als Organ ) , und meine Gesundheit ist arg erschüttert - so habe ich doch nie aufgehört , für jene Ideale - die meine Religion sind - zu sinnen und zu sorgen . Im Unglück flüchtet ja jeder zu seiner Religion . Was soll ich Ihnen noch erzählen ? Max und Elisabeth Dotzky , die seelenvergnügt auf Brunnhof residieren ( ob Rudolf da nicht übereilt gehandelt hat ? ... er wollte Ketten abstreifen , und doch : wie viele schleppt er noch hinter sich ! ) also diese beiden glücklichen Leutchen haben - pour comble - auch noch einen Thronerben bekommen - - Armes , kleines Fritzi ... es war ein gar so lieber Bub ' ! Auch etwas , was ich nie recht verschmerzen kann . In der » Kunst , Großmutter zu sein « , war ich eine so frohe Künstlerin ... Von Lori Griesbach höre ich schon lange nichts . Sie soll eine große Betschwester geworden sein : tägliche Frühmesse , Paramentensticken , Sammlung für Kirchenbaufonds , Protektion katholischer Vereine , Unterstützung der Missionen , Verkehr mit dem hohen Klerus u.s.w. Den Tod ihrer Tochter und ihres Enkels betrachtet sie - so sagte sie neulich einem gemeinsamen Freunde - als ein göttliches Strafgericht für die Familie Dotzky , weil die Dotzkys nicht von echter Gläubigkeit durchdrungen sind . Nun ja - es war ein harter Schlag für die Arme . Möge auch sie in ihrer Religion Trost und Stütze finden ... Vorausgesetzt , daß dieses fromme Gehaben nicht nur das Mitmachen einer eleganten Mode ist ; denn es wird ja in unseren Kreisen täglich mehr und mehr als bon ton betrachtet , sich recht kirchlich zu zeigen - nach dem von oben gegebenen Beispiel . Hier in Grumitz leben wir drei Frauen äußerst still und freuen uns nur der sommerlichen Natur - » es ist die Zeit der Rosenpracht « . Wir drei , sagte ich . Cajetane Ranegg ist nämlich mein Gast . Ich bin ihr unendlich dankbar dafür , denn ihre Gesellschaft ist für meine traurige Sylvia eine Wohltat , ein wahrer Segen . Cajetane ist jung - und obwohl sie auch einen Herzenskummer hat - heiterer , sonniger Gemütsart . Das ist ein Umgang , der für meine Rekonvaleszentin doch viel ersprießlicher ist , als der einer selber leidenden und wahrlich recht gedrückten alten Frau . Nicht , daß ich mich gar so alt fühlte ... Aber in den Augen junger Leute ... Es muß ein Naturgesetz sein , daß der Jugend wieder nur Jugend als vollgültig erscheint . - Ob meine Freundin Ranegg damit einverstanden ist , daß