er damit vielleicht dem ganzen eine ungesunde Entwicklung , einen allzu großartigen Zuschnitt gegeben ; hätte er nicht , statt auf Erweiterung des Besitzes zu sinnen , lieber das einmal Besessene so ertragreich wie möglich gestalten sollen ? Hatte er nicht durch diese Verrückung der Verhältnisse seinem Nachfolger eine gefahrvolle Erbschaft hinterlassen , doppelt gefahrvoll , wenn dieser Nachfolger ihm nicht gleichkam an Einsicht und Rührigkeit ? ! Oder lag das Versehen nicht außerhalb der Familiengeschichte überhaupt ! Waren es nicht vielmehr die Verhältnisse , die Entwicklung , der Gang der Weltereignisse , die auch auf dieses winzige Zweiglein am großen Baum des Volkes gewirkt hatten ? Stand nicht auch dieser kleine Ausschnitt aus dem Menschheitsganzen unter den Gesetzen des Prozesses von Werden und Vergehen , dem das Völkerleben wie die Geschichte der Familien und des einzelnen unterworfen sind ! - War vielleicht jenes große Ereignis der Bauernbefreiung im Anfange des Jahrhunderts , dessen Zeuge noch Leberecht Büttner als junger Mensch gewesen , zu spät eingetreten ? War dieser mächtige Ruck nach vorwärts nicht mehr imstande gewesen , das Bauernvolk aus der Jahrhunderte alten Gewöhnung an Unselbständigkeit und Knechtsseligkeit herauszureißen ? Oder war die Aufhebung der Frone zu schnell , zu unmittelbar gekommen ? Hatte sie den Bauern nur äußerlich selbständig gemacht , ohne ihm die zum Genüsse der Freiheit nötige Erleuchtung und Vernunft gleichzeitig geben zu können ? Waren die durch viele Geschlechter großgezogenen Laster : des Mißtrauens , der Stumpfheit , der Beschränktheit und der tierischen Roheit , doch so tief in Fleisch und Blut der Kaste übergegangen , daß sie unausrottbar immer von neuem durchbrechen mußten und so den Untergang des ganzen Standes herbeiführen würden ? - Oder spannen sich die Fäden jenes Gewebes von Unrecht , Irrtum und Unglück , die den einzelnen mit dem Ganzen ebensogut verweben , wie Rüstigkeit , Aufschwung und Gedeihen eines Volkes segensreich das Einzelgeschick befruchten und fördern - reichten diese unsichtbaren Wurzeln , die uns mit dem tiefstem Grunde der Vergangenheit unseres Geschlechts verbinden , nicht noch viel viel tiefer hinab in die Vorzeit ? War der große Krieg daran schuld , der das deutsche Volk zum Bettelmann gemacht und seinen Boden zu einer Einöde ? Aber war nicht schon vor dem großen Kriege schweres Unrecht am deutschen Bauern begangen worden ? Drangsal und Vergewaltigung , die ihm zu Luthers Zeiten den Kolben und den Dreschflegel in die Hand nehmen ließen , zum Aufruhr gegen die Großen der Welt , in denen er die Macht verkörpert sah , die ihn am meisten bedrückte : der Feudalismus . Und lag der letzte und tiefste Grund der Unbilden , die dem Bauern durch alle Stände widerfahren , mochten sie sich Fürsten , Ritterschaft , Geistlichkeit , Kaufmanns- , Richter- und Gelehrtenstand nennen , nicht noch viel weiter zurück in der Entwicklung ? War da nicht in unser Volksleben ein Feind eingedrungen , der für Kolben und Flegel unerreichbar war , der mit noch so derben Fäusten nicht aus dem Vaterlande getrieben werden konnte , weil er körperlos war , ein Prinzip , eine Lehre , ein System , aus der Fremde eingeschleppt , einer Seuche gleich : der Romanismus . War denn nicht der deutsche Bauer frei gewesen ehemals ? Frei wie der Baum , der Halm , ein Gewächs des freien Grund und Bodens , verantwortlich nur vor seinesgleichen , gebunden nur durch die Gesetze der Markgenossenschaft . Nur die Gemeinde und ihre Rechte hatte er über sich , deren Lehnsmann er war , die ihm ein Stück der freien Wildnis zuwies , damit er es urbar mache und sich darauf ernähre . In jenen natürlichen , urwüchsigen Zeiten , die noch nichts von den knifflichen Definitionen der Gelehrten , vom pedantischen Schreibwerk der Juristen ahnten , war Besitz und Eigentum noch eins ; Tatsache und Recht fielen da zusammen . Wer den Boden dem Urwalde abrang , der erwarb ihn , machte ihn zu seinem Eigen . Die Ernte gehörte dem , der den Acker bestellt und die Aussaat gemacht . Arbeit war der einzige Rechtstitel , welcher galt . Jeder Nachfolger mußte sich die Hufe und die Frucht von neuem erwerben durch seiner Hände Werk . Und nun drang ein fremder Geist von jenseits der Alpen ein und verwirrte und verkehrte diese einfachen erdgewachsenen Verhältnisse . Abgezogene Begriffe , aus einer toten Kultur gesogen , wurden an Stelle des selbstgeschaffenen , gut erprobten deutschen Rechtes gesetzt . Dieser fremde römische Geist war der Verderber . Überall drang er ein wie eine Krankheit . Bald beherrschte er Staat , Kirche , Schule und Gerichte . Formalismus und Scholastik waren seine übelgeratenen Kinder . Am schwersten aber sollte unter dem fremden Produkt der leiden , welcher von allen am wenigsten davon wußte und verstand : der Bauer . Alle anderen Stände verstanden es , sich das fremde System zunutze zu machen . Ritter und Kaufmann wußten seine Maximen zu verwerten , sich nur zu gut dem praktischen Egoismus anzupassen , der das Grundprinzip des römischen Rechtes ist . Und seit den Zeiten der Scholastik ward Haarspalterei und wirklichkeitsfremdes Definieren und Konstruieren die Lieblingsbeschäftigung der deutschen Gelehrtenzunft . Dem freien deutschen Bauernstande aber grub das fremde Recht die Lebenswurzeln ab . Denn der Begriff des römischen Eigentums lief dem schnurstracks zuwider , was für den deutschen Ansiedler gegolten hatte . Nun wurden in trocken formalistischer Weise Recht und Tatsache getrennt . Fortan konnte einem ein Stück Land gehören , der nie seinen Fuß darauf gesetzt , geschweige denn , eine Hand gerührt , um es durch Arbeit zu seinem Eigen zu machen . Jetzt gab es gar viele Rechtstitel mit fremdklingenden Namen , kraft deren einer Eigentum erwerben und veräußern konnte . Den Ausschlag gab nicht mehr die lebendige Kraft des Armes , sondern erklügelte , in Büchern niedergeschriebene , tote Satzung . Am Grund und Boden konnte fortan Eigentum entstehen durch Eintragung in Bücher . Es konnte ernten , wer nie geackert und gesäet hatte . Es gab Rechte an fremden