Paragraphen wir uns gewöhnt haben alles zu beurteilen , die andern und uns selbst . Und dagegen zu verstoßen geht nicht ; die Gesellschaft verachtet uns , und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf . Verzeihen Sie , daß ich Ihnen solche Vorlesung halte , die schließlich doch nur sagt , was sich jeder selber hundertmal gesagt hat . Aber freilich , wer kann was Neues sagen ! Also noch einmal , nichts von Haß oder dergleichen , und um eines Glückes willen , das mir genommen wurde , mag ich nicht Blut an den Händen haben ; aber jenes , wenn Sie wollen , uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas , das fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung . Ich habe keine Wahl . Ich muß . « » Ich weiß doch nicht , Innstetten ... « Innstetten lächelte . » Sie sollen selbst entscheiden , Wüllersdorf . Es ist jetzt zehn Uhr . Vor sechs Stunden , diese Konzession will ich Ihnen vorweg machen , hatt ich das Spiel noch in der Hand , konnt ich noch das eine und noch das andere , da war noch ein Ausweg . Jetzt nicht mehr , jetzt stecke ich in einer Sackgasse . Wenn Sie wollen , so bin ich selber schuld daran ; ich hätte mich besser beherrschen und bewachen , alles in mir verbergen , alles im eignen Herzen auskämpfen sollen . Aber es kam zu plötzlich , zu stark , und so kann ich mir kaum einen Vorwurf machen , meine Nerven nicht geschickter in Ordnung gehalten zu haben . Ich ging zu Ihnen und schrieb Ihnen einen Zettel , und damit war das Spiel aus meiner Hand . Von dem Augenblicke an hatte mein Unglück und , was schwerer wiegt , der Fleck auf meiner Ehre einen halben Mitwisser , und nach den ersten Worten , die wir hier gewechselt , hat es einen ganzen . Und weil dieser Mitwisser da ist , kann ich nicht mehr zurück . « » Ich weiß doch nicht « , wiederholte Wüllersdorf . » Ich mag nicht gerne zu der alten abgestandenen Phrase greifen , aber doch läßt sich ' s nicht besser sagen : Innstetten , es ruht alles in mir wie in einem Grabe . « » Ja , Wüllersdorf , so heißt es immer . Aber es gibt keine Verschwiegenheit . Und wenn Sie ' s wahr machen und gegen andere die Verschwiegenheit selber sind , so wissen sie es , und es rettet mich nicht vor Ihnen , daß Sie mir eben Ihre Zustimmung ausgedrückt und mir sogar gesagt haben : Ich kann Ihnen in allem folgen . Ich bin , und dabei bleibt es , von diesem Augenblicke an ein Gegenstand Ihrer Teilnahme ( schon nicht etwas sehr Angenehmes ) , und jedes Wort , das Sie mich mit meiner Frau wechseln hören , unterliegt Ihrer Kontrolle , Sie mögen wollen oder nicht , und wenn meine Frau von Treue spricht oder , wie Frauen tun , über eine andere zu Gericht sitzt , so weiß ich nicht , wo ich mit meinen Blicken hin soll . Und ereignet sich ' s gar , daß ich in irgendeiner ganz alltäglichen Beleidigungssache zum Guten rede , weil ja der Dolus fehle oder so was Ähnliches , so geht ein Lächeln über Ihr Gesicht , oder es zuckt wenigstens darin , und in Ihrer Seele klingt es : Der gute Innstetten , er hat doch eine wahre Passion , alle Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu untersuchen , und das richtige Quantum Stickstoff findet er nie . Er ist noch nie an einer Sache erstickt ... Habe ich recht , Wüllersdorf , oder nicht ? « Wüllersdorf war aufgestanden . » Ich finde es furchtbar , daß Sie recht haben , aber Sie haben recht . Ich quäle Sie nicht länger mit meinem muß es sein . Die Welt ist einmal , wie sie ist , und die Dinge verlaufen nicht , wie wir wollen , sondern wie die andern wollen . Das mit dem Gottesgericht , wie manche hochtrabend versichern , ist freilich ein Unsinn , nichts davon , umgekehrt , unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst , aber wir müssen uns ihm unterwerfen , solange der Götze gilt . « Innstetten nickte . Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander , und es wurde festgestellt , Wüllersdorf solle noch denselben Abend abreisen . Ein Nachtzug ging um zwölf . Dann trennten sie sich mit einem kurzen : » Auf Wiedersehen in Kessin . « Achtundzwanzigstes Kapitel Am andern Abend , wie verabredet , reiste Innstetten . Er benutzte denselben Zug , den am Tage vorher Wüllersdorf benutzt hatte , und war bald nach fünf Uhr früh auf der Bahnstation , von wo der Weg nach Kessin links abzweigte . Wie immer , solange die Saison dauerte , ging auch heute , gleich nach Eintreffen des Zuges , das mehrerwähnte Dampfschiff , dessen erstes Läuten Innstetten schon hörte , als er die letzten Stufen der vom Bahndamm hinabführenden Treppe erreicht hatte . Der Weg bis zur Anlegestelle war keine drei Minuten ; er schritt darauf zu und begrüßte den Kapitän , der etwas verlegen war , also im Laufe des gestrigen Tages von der ganzen Sache schon gehört haben mußte , und nahm dann seinen Platz in der Nähe des Steuers . Gleich danach löste sich das Schiff vom Brückensteg los ; das Wetter war herrlich , helle Morgensonne , nur wenig Passagiere an Bord . Innstetten gedachte des Tages , als er , mit Effi von der Hochzeitsreise zurückkehrend , hier am Ufer der Kessine hin in offenem Wagen gefahren war - ein grauer Novembertag damals , aber er selber froh im Herzen ; nun hatte sich ' s verkehrt : das Licht lag draußen , und der Novembertag war in ihm . Viele , viele Male war er dann des