oder vielleicht selbst trübe Zukunftsgedanken an dies Übermaß von Huldigung knüpfte . Das volle Leben um sie her indes entriß sie dem wieder , und als sie jetzt deutlich hörte , daß der Glocken immer mehr wurden und daß es klang , als ob alle Kirchen im Angliter Lande das seltene Versöhnungsfest mitfeiern wollten , da fiel , auf Augenblicke wenigstens , alles Trübe von ihr ab , und ihr Herz ging auf in dem Klange , der gen Himmel stieg . Und nun waren sie bis an die niedrige Kirchhofsmauer gekommen , an der entlang , wie damals , wo Asta und Elisabeth hier gesessen hatten , wieder hohe Nesseln standen und zerschnittene Stämme hochaufgeschichtet lagen , und als die vordersten daran vorüber waren , bog der Zug in das Portal ein und bewegte sich , zwischen Gräbern hin , auf die Kirche zu , die weit aufstand und einen freien Blick auf den erleuchteten Altar am Ende des Mittelganges gestattete . Da stand Petersen . Er war hinfällig gewesen all die Zeit über , und zu der Last seiner Jahre war schließlich auch noch die Last schwerer Krankheit gekommen . Als er aber vernommen hatte , daß » Schwarzkoppen , wenn Petersen bis Johannistag nicht wieder genesen sei , die Traurede halten solle « , da war er wieder gesund geworden und hatte denen , die zu Vorsicht und Schonung mahnen wollten , beteuert , daß er , und wenn ' s vom Sterbebett aus wäre , seine geliebte Christine wieder zum Glücke führen müsse . Das hatte alle Welt gerührt , ihm aber die Kraft seiner besten Jahre wiedergegeben , und da stand er nun so grad und aufrecht wie vor neunzehn Jahren , als er , auch an einem Johannistage , die Hände beider ineinandergelegt hatte . Gesang hatte begonnen im selben Augenblicke , wo der Zug in den Mittelgang eintrat , und als das Singen nun schwieg , nahm Petersen zu kurzer Rede das Wort , alles Persönliche vermeidend , am meisten aber jeden Hinweis auf den » Ungerechten , über den mehr Freude sei im Himmel als über hundert Gerechte « . Statt dessen rief er in einem schlichten , aber gerade dadurch alle Versammelten tief ergreifenden Gebet die Gnade des Himmels auf die Wiedervereinten herab und sprach dann den Segen . Und nun fiel die Orgel ein , und die Glocke draußen hob wieder an , und der lange Zug der Trauzeugen nahm jetzt den Rückweg dicht am Strande hin und stieg , als man den zur Dampfschiff-Anlegestelle führenden Brettersteg erreicht hatte , links einbiegend die Terrasse nach Schloß Holkenäs hinauf . Da war die hochzeitliche Tafel unter der vorderen Halle gedeckt , derart , daß alle Gäste den Blick auf das Meer hin frei hatten , und als der Augenblick nun gekommen war , wo , wenn nicht ein Toast , so doch ein kurzes Festeswort gesprochen werden mußte , erhob sich Arne von seinem Platz und sagte , während er sich gegen Schwester und Schwager verneigte : » Auf das Glück von Holkenäs . « Alle waren eigentümlich von den beinah schwermütig klingenden Worten berührt , und die , die dem Bräutigam zunächst saßen , stießen leise mit ihm an . Aber eine rechte Freude wollte nicht laut werden , und jedem Anwesenden kam ein banges Gefühl davon , daß man das » Glück von Holkenäs « , wenn es überhaupt da war , nur heute noch in Händen hielt , um es vielleicht morgen schon zu begraben . Dreiunddreißigstes Kapitel Das Gefühl der Trauer , das bei der schönen Feier vorgeherrscht hatte , schien sich aber als ungerechtfertigt erweisen und » das Glück von Holkenäs « sich wirklich erneuern zu wollen . Diesen Eindruck empfingen wenigstens alle Fernerstehenden . Man lebte sich zu Liebe , sah viel Gesellschaft ( mehr als sonst ) und machte Nachbarbesuche , bei denen es von seiten Holks an Unbefangenheit und guter Laune nie gebrach , und nur wer schärfer zusah , sah deutlich , daß diesem allen doch das rechte Leben fehlte . Friede herrschte , nicht Glück , und ehe der Herbst da war , war namentlich für die Dobschütz und Arne kein Zweifel mehr , daß , was Christine anging , nichts da war als der gute Wille zum Glück . Ja , der gute Wille ! Von Meinungsverschiedenheiten war keine Rede mehr , und wenn sich Holk , was gelegentlich noch geschah , in genealogischen Exkursen oder in Musterwirtschaftsplänen erging , so zeigte die Gräfin nichts von jenem Lächeln der Überlegenheit , das für Holk so viele Male der Grund zu Verstimmung und Gereiztheit gewesen war ; aber dies ängstliche Vermeiden alles dessen , was den Frieden hätte stören können , das Abbrechen im Gespräch , wenn doch einmal ein Zufall ein heikles Thema heraufbeschworen hatte , gerade die beständige Vorsicht und Kontrolle brachte so viel Bedrückendes mit sich , daß selbst die letzten Jahre vor der Katastrophe , wo das eigentliche Glück ihrer Ehe schon zurücklag , als vergleichsweise glückliche Zeiten daneben erscheinen konnten . Holk , bei seinem frischen , sanguinischen Naturell , wehrte sich eine Zeitlang gegen diese Wahrnehmung und ließ sich ' s angelegen sein , über die Zurückhaltung und beinahe Scheu hinwegzusehen , womit Christine seinem Entgegenkommen begegnete . Schließlich aber ward er ungeduldig , und als Ende September heran war , beschloß er in einem Gemütszustande , darin Mißmut und tiefe Teilnahme sich ablösten , mit der Dobschütz zu sprechen und ihre Meinung und wenn tunlich auch ihren Rat einzuholen . Über Schloß und Park lag ein klarer frischer Herbstmorgen , und die Sommerfäden hingen ihr Gespinst an das hier und da schon blattlose Gesträuch . Asta war den Abend vorher aus der Pension eingetroffen und brannte darauf , gleich nach beendigtem Frühstück , zu dem man sich eben gesetzt hatte , nach Holkeby hinunterzusteigen und der Freundin unten im Dorf ihren Besuch zu machen . » Ich komme mit « , sagte Holk ,