! Aber ich weiß schon , es ist mit ihr nichts anzufangen , wenn sie in ihrem Visitenmantel steckt ; da brennt ihr der Boden unter den Füßen , und sie thut , als hinge das Wohl der ganzen Stadt von ihren Besuchen ab ... Na , endlich wirst du vernünftig , Grete ! Recht so , trage deinen weißen Mantel wieder in den Schrank ! Aber denke ja nicht , daß ich dabei an deine vollständige Bekehrung glaube ! Ich werde ein scharfes Auge auf den Hof und das Packhaus haben , darauf verlasse dich . « Mit dieser Drohung verließ er die Wohnstube , während Margarete den Mantel über den Arm hing , um ihn fortzutragen . » Aber sage mir nur , Gretel , was sind denn das für kuriose Geschichten ? Was ist ' s mit den alten Lenzens ? « rief Tante Sophie , nachdem sich die Thüre hinter dem Fortgehenden geschlossen hatte . » Sie sollen unsere Feinde sein , « antwortete das junge Mädchen bitter lächelnd . » Unsinn ! Was wird noch alles in dem oberen Stock ausgeheckt werden ! « zürnte die Tante . » Wenn der alte Mann mit seinem guten , treuherzigen Gesicht falsch und hinterrücks ist , da kann man nur getrost da zuschließen , « - sie zeigte nach ihrem Herzen - » dann taugt die ganze Menschheit nichts und ist nicht wert , daß man sich um ihr Schicksal kümmert ! ... Aber die Geschichte ist nicht wahr , da will ich gleich meinen kleinen Finger verwetten ! « » Ich glaube so wenig daran , wie du , und alle Andeutungen und Drohungen würden mich nicht abhalten , zu der kranken Frau zu gehen , « sagte Margarete . » Aber um Reinholds willen darf ich nicht . Er wird bei der geringsten Aufregung so blau im Gesicht und das ängstigt mich unbeschreiblich , Tante ! Sein Zustand hat sich offenbar verschlimmert , wenn auch der Arzt es nicht zugeben will . Wie dürfte ich da etwas thun , das ihn reizt und ärgert ? - Wir müssen auf andere Mittel und Wege sinnen , der Kranken ein wenig zu Hilfe zu kommen . « Ein wenig später ging sie hinauf in die Bel-Etage ; sie hatte die für den Großpapa bestimmten Zimmer vorläufig lüften und heizen lassen . Die im Oktober beabsichtigte Renovierung der Bel-Etage war bis jetzt selbstverständlich unterblieben ; noch standen die Bilder und Spiegel im Gange des spukhaften Seitenflügels . Nun sollte wieder einiges Leben in die stillen Räume kommen , ein Wärmehauch in die eisige Luft des mächtigen Flursaales , von welcher die junge Verwaiste heute meinte , sie halte noch das ganze Wehe der unglückseligen Katastrophe in ihrer Erstarrung gefangen ... Hier , wo alle Fenster nach Norden gingen , herrschte ein winterlich trübes Licht , und draußen auf der weiten Schneelandschaft , die sich jenseits der Stadt hinbreitete und fern , fern an den wolkenlos blauen Himmel stieß , glitzerte auch nur der bleichgelbe Schein der späten Nachmittagssonne , alles so kalt und ohne Leben , so trostlos , als könne es dort nie wieder grün oder in goldenen Halmen aus der Erde steigen , als würden die dürr und schwarz in den Himmel starrenden Aeste der Obstbäume sich nie mehr mit Blüten bedecken . Margarete trat in das letzte Fenster des Flursaales . Hier hatte sie die Stimme ihres Vaters zum letztenmal für dieses Leben gehört , und hier in die tiefe , dunkle Nische war sie nach fünfjähriger Abwesenheit in jugendlichem Uebermut geschlüpft , um » das neue Lustspiel « im väterlichen Hause unbemerkt mit anzusehen ... Ja , und da war auch der ehemalige Student als erster Beamter der Stadt zu ihr getreten , und sie hatte sich über den » Herrn Landrat « lustig gemacht und ihn innerlich verspottet ... O , daß sie mit all ihrer gerühmten Kraft , ihrem Eigenwillen diesen Standpunkt nicht wieder zu erringen vermochte ! Ihre Hand ballte sich unwillkürlich , und ihr Blick fuhr in ohnmächtiger Erbitterung über die weite Welt draußen hin . Aber in diesem Moment erschrak sie und fuhr heftig zurück - der Landrat kam über den Hof , vom Packhausthor her . Er hatte möglicherweise ihre Zorngebärde beobachtet , denn er lächelte und grüßte hinauf , und da floh sie in das für den Großpapa bestimmte Wohnzimmer , den roten Salon . Aber ihr schleuniges Zurückziehen half ihr nichts ; wenige Augenblicke nachher stand Herbert vor ihr ... Er war fast jeden Tag nach Dambach gekommen um seines Vaters willen , und doch reichte er ihr jetzt so froh die Hand hin , als habe er sie seit lange nicht gesehen . » Es ist gut , daß du wieder da bist ! « sagte er . » Nun wollen wir unsern Patienten zusammen pflegen . Aber auch für dich selbst war es an der Zeit , in dieses Haus mit seinen hohen , luftigen Räumen zurückzukehren - der Aufenthalt in der engen , dumpfen Pavillonstube hat dir nicht gut gethan , du bist so blaß geworden . « Er suchte mit einem sarkastischen Lächeln und doch auch besorgt ihre Augen , aber sie sah weg , und da fuhr er fort : » Das bleiche Mädchengesicht am Fenster hat mich ein wenig erschreckt , als ich aus dem Packhause trat - « » Aus dem Packhause ? « fragte sie ungläubig . » Nun ja , ich habe nach der armen , schwerkranken Frau gesehen - hast du etwas dagegen einzuwenden , Margarete ? « » Ich ? - Ich sollte es dir verargen , wenn du so echt menschlich und barmherzig handelst ? « rief sie feurig . Ihr Blick strahlte auf ; sie war in diesem Augenblick vollkommen wieder das enthusiastische Mädchen , dem das warme , edle Empfinden das Blut rascher in die Adern trieb . » Nein , darin denke ich genau wie du - Onkel ! « »