Weile in lustigem Geplauder beisammen . Am schweigsamsten war Sender , es ärgerte ihn , daß ihn das Mädchen vorhin so gründlich geschlagen . Um ihr eine bessere Meinung von sich beizubringen , lenkte er das Gespräch auf die Kollektur und spielte seinen Zuhörern die Szene vor , die er dort erlebt . Er gab sich alle Mühe , und sie lohnte sich , die beiden Alten lachten laut , und auch Jütte rief bewundernd , indem sie sich die Tränen aus den Augen wischte : » Auf dem Theater sieht man ' s nicht besser ! « Sender horchte hoch auf . » Theater ? « fragte er . » Habt Ihr je eins gesehen ? « » Natürlich . Im vorigen Monat war ja erst eine Gesellschaft in Chorostkow , vier Spieler und drei Spielerinnen . In unserem Haus , im Saal , den Reb Hirsch sonst zu Hochzeiten vermietet , war die Bühne . Ganz gute Geschäfte haben sie gemacht - alle Offiziere waren jeden Abend da . Es ist gar nicht zu erzählen , was die für Sachen gemacht haben , lustige und traurige ! Ganz gute Spieler « , fügte sie hinzu . » Sie waren früher in Czernowitz . « » In Czernowitz ? « rief Sender atemlos vor Erregung . » War der Herr Nadler dabei ? « » Nein « , erwiderte das Mädchen . Die Mutter aber blickte ihn erstaunt an und fragte dann scharfen Tones : » Du bist ja außer dir ! Was gehen dich die Spieler an ? Und woher kennst du den Herrn Nadler ? « Sender hatte sich wieder gefaßt . » Die Wahrheit ist das beste « , dachte er . Und so erzählte er möglichst gleichgültig , daß er diesen berühmten Schauspieler einmal auf der Bühne gesehen . » Du erinnerst dich - wie ich mit Schmule Grün beim Wunderrabbi in Sadagóra war . « » Ich erinnere mich nicht « , sagte sie etwas scharf - jede Art von fahrenden Leuten war ihr gleich verhaßt . Das Mädchen aber meinte : » Gar so berühmt kann dieser Nadler nicht sein . Wenigstens haben ihm die Spieler , die in Chorostkow waren , alles Schlechte nachgesagt . Sie haben ihm Schuld gegeben , daß sich die Gesellschaft aufgelöst hat . Er war ihr Direktor , hat sie aber nicht bezahlt und ist ihnen bei Nacht und Nebel durchgegangen - wegen fünfzig Gulden . Übrigens , vielleicht haben sie gelogen . Solche Lumpe ! Und erst die Weiber ! « Sender wurde totenbleich , sein Herz pochte zum Zerspringen , und er fühlte jählings wieder ein Stechen in der Lunge . Die Gesellschaft aufgelöst , Nadler auf der Flucht ! ... all sein Hoffen lag im Staube ! Instinktiv wandte er sein Antlitz ab , daß die Mutter seine Erregung nicht sehe , griff dann rasch zum Hut und stürzte hinaus . Fast wankend schritt er im Sonnenbrand dem Städtchen zu und blieb immer wieder stehen und murmelte mit bleichen Lippen : » Was nun ? « Während er auf Nadlers Hilfe baute , irrte der Unglückliche flüchtig umher . Und er kehrte wohl auch nie nach der Stadt zurück , die er mit Schimpf und Schande hatte verlassen müssen - und wenn der Winter kam ... Sender schloß die Augen . » Barmherziger Gott « , stöhnte er , » hättest du mich lieber sterben lassen , als das zu erleben ! ... Aber nein « , murmelte er im nächsten Atemzuge , » das ist ja Sünde . Und doch , was wird nun aus mir ? « Er hörte seinen Namen rufen . Es war der Marschallik , der sich nun auch mit der Tochter auf den Weg gemacht . Sender winkte ihm mit der Hand zu und suchte rasch weiter zu gehen . Aber er konnte nicht so eilen , wie er wollte ; der Schmerz beim Atmen hinderte ihn . » Die Erregung ! « dachte er . » Der Arzt hat mich davor gewarnt ! « Bei dem nächsten Seitenweg bog er ab und wieder zum Städtchen hinaus . In das nächste Ährenfeld , das er erreichte , warf er sich nieder und barg sein Haupt in den Händen . Nur nichts sehen , nichts hören , nur allein bleiben ... So lag er in dumpfer , fassungsloser Verzweiflung . Wild rauschte ihm das Blut in den Ohren , und die Lungen rangen nach Luft . » Es kommt wieder wie vor dem Rabbi « , dachte er . » Aber was liegt daran ? « Dann richtete er sich doch auf , lüftete die Kleider , um leichter atmen zu können . » Nein « , murmelte er vor sich hin und biß die Zähne aufeinander , » ich muß stark bleiben , ich hab ' nun niemand , als mich allein ... Aber « , stöhnte er dann , » was kann ich anfangen , wie mir raten , wie mir helfen ? « Das Bewußtsein seiner Hilflosigkeit übermannte ihn ; er kam sich so unglücklich , so verlassen , so bemitleidenswert vor ! Jählings schossen ihm die Tränen in die Augen , er begann heftig zu weinen . Fassungslos schluchzte er vor sich hin und preßte das glühende Antlitz gegen die kühle , feuchte Erde des Ackers . So verging eine geraume Weile . Allmählich wurde sein Atem ruhiger , die Tränen flossen reichlich , aber gelind . Nun , da sich sein Schmerz entladen , konnte er wieder ruhiger denken . » Die Lumpe ! « hatte das Mädchen gesagt , » vielleicht haben sie gelogen ! « Aber nein - darauf war kaum zu hoffen . Sie mochten Nadler verleumdet haben , daß er heimlich geflohen , aber was änderte das an der Sache ? Die Gesellschaft war aufgelöst , Nadler brotlos - es klang ja nicht unwahrscheinlich , er hatte ihm ja selbst geschrieben , in Czernowitz finde sich nicht genug Publikum für